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"Endlich geht es um Inhalte"Zurück ins Saarland: Andrea Becker ist neue Staatssekretärin

Ulrich Commerçon im Saarbrücker Ludwigsgymnasium, wo er vor 25 Jahren Abitur machte. Foto: Oliver Dietze
Ulrich Commerçon im Saarbrücker Ludwigsgymnasium, wo er vor 25 Jahren Abitur machte. Foto: Oliver Dietze
Saarbrücken. Nein, ans Lehrerpult möchte er sich wirklich nicht setzen. Zielgerichtet nimmt Ulrich Commerçon für das Gespräch Platz hinter der Schulbank. Eine vielleicht symbolische Geste für einen Politiker, der das "Diktat von oben" nicht ausstehen kann, eine Politik des Dialogs vorzieht Von SZ-Redakteur Johannes Kloth

Saarbrücken. Nein, ans Lehrerpult möchte er sich wirklich nicht setzen. Zielgerichtet nimmt Ulrich Commerçon für das Gespräch Platz hinter der Schulbank. Eine vielleicht symbolische Geste für einen Politiker, der das "Diktat von oben" nicht ausstehen kann, eine Politik des Dialogs vorzieht. Treffen mit dem neuen saarländischen Bildungsminister in einem Klassenzimmer des Saarbrücker Ludwigsgymnasiums. 25 Jahre ist es her, dass der Sozialdemokrat hier sein Abitur machte, mit Leistungskurs Griechisch. Viel hat sich seither in der saarländischen Schullandschaft geändert - nicht nur, dass Griechisch-LKs selbst am humanistisch geprägten Ludwigsgymnasium längst passé sind. Mittlerweile machen auch hier die Schüler ihr Abitur in acht Jahren. Seit Commerçons eigener Schulzeit sind etliche Grundschulen geschlossen und die Hauptschulen abgeschafft worden, bald gibt es auch keine Erweiterten Realschulen und Gesamtschulen mehr - dafür die neue Gemeinschaftsschule.Die großen bildungspolitischen Schlachten - sie scheinen geschlagen. Wird das Regieren künftig leichter? "Nein, schwerer", sagt Commerçon, "zum Glück. Jetzt müssen wir endlich über Pädagogik diskutieren und können uns nicht mehr hinter Strukturdiskussionen verstecken". Mit Namen veränderten sich noch nicht die Inhalte. Die will der 44-Jährige im Falle der von vielen Betroffenen als überhastet empfundenen Einführung der Gemeinschaftsschule durch die Jamaika-Koalition nun "in Ruhe" mit den Schulen erarbeiten. Es wird eine der größten Herausforderungen für ihn werden.


Ulrich Commerçon, 44, zweifacher Familienvater, ist Vollblut-Politiker. Er gilt als ehrgeizig, sachkundig und verantwortungsbewusst. "Ein echter Protestant", sagt ein Parteifreund. Als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Saarbrücken geboren, wächst sein politisches Interesse während der Gymnasialzeit. Er schreibt kritische Texte für die Schülerzeitung, engagiert sich in der Jugendverbandsarbeit und der Friedensbewegung. In Saarbrücken studiert er Politikwissenschaften, Philosophie und Geschichte, tritt 1987 in die SPD ein und schließt sich den Jusos Saarbrücken-Stadt an. Als Chef des eher links geprägten Verbandes liefert sich Commerçon immer wieder Auseinandersetzungen mit dem Saarlouiser Juso-Kollegen Heiko Maas. Doch die Zeiten sind lange vorbei, heute gilt Commerçon als enger Vertrauter des SPD-Vormanns. Seit 1999 durchgehend als Abgeordneter im Landtag, beerbt Commerçon schließlich Reiner Braun als bildungspolitischer Sprecher und macht als wesentlicher Mitgestalter der SPD-Programmarbeit auf sich aufmerksam.

Über die Herausforderungen im neuen Job als Bildungsminister spricht Commerçon im Ludwigsgymnasium betont sachlich. Die Zahl der gebundenen Ganztagesschulen will er drastisch erhöhen, um Eltern "echte Wahlfreiheit" zu bieten, außerdem für eine ausreichende "Personalisierung" an den Schulen sorgen. Und selbst wenn sich Commerçon über das "unsinnige Betreuungsgeld" ereifert, das doch viel besser für den Ausbau der Kitas genutzt werden könne, bleibt seine Tonlage ruhig, kommen die Sätze überlegt. Eine Eigenschaft, die auch die Vertreter der Lehrerverbände und Gewerkschaften an ihm schätzen. Dass Commerçon mit seiner Kampagne "Macht Bildung!" Bürger an der Gestaltung der bildungspolitischen Ausrichtung der SPD teilhaben ließ - und das jenseits heißer Wahlkampfzeiten - rechnet man ihm hier hoch an. Stur in der Sache könne er sein, immer aber gesprächsbereit.



Das wird er künftig wohl auch sein müssen. Denn auch in seiner Funktion als Kulturminister warten große Aufgaben auf Ulrich Commerçon. Etwa die Suche nach einer Lösung in der Streitfrage, ob die Kommunen auch in den kommenden Jahren das Kulturangebot der Landeshauptstadt mitfinanzieren sollen. Bislang ist der bekennende "Bücher-Narr" (Lieblingsautorin Siri Hustvedt) ein weitgehend unbeschriebenes Blatt in der Kulturpolitik. Doch das soll sich ändern. Das "Projekt Vierter Pavillon" will Commerçon "absolut transparent nach vorne bringen", die grenzüberschreitende Zusammenarbeit - etwa zwischen Saarlandmuseum und dem Metzer Centre Pompidou - ausbauen und die kulturelle Bildung stärken. All das ebenso "in Ruhe" - und im Dialog. Saarbrücken. "Mein hauptsächliches politisches Ziel ist es, die im Koalitionsvertrag festgehaltenen Projekte des Ministers mit aller Kraft umzusetzen", sagt Andrea Becker. Was die neue Staatssekretärin im Bildungsministerium meint: Es gibt im Haus eine strikte Aufgabenteilung. Die politische Bühne gehört dem Minister, die Koordinierungsarbeit obliegt der 42-jährigen Juristin, deren Verwaltungserfahrung hohes Ansehen genießt. 1997 heuerte die gebürtige Saarbrückerin im saarländischen Verbindungsbüro bei der EU an, bevor sie für 14 Jahre zur Landesvertretung in die Hauptstadt wechselte. Als Leiterin der Bundesratskoordinierung war sie für den Abstimmungsprozess mit den anderen Bundesländern zuständig.

Brüssel, Bonn, Berlin - nach drei B's kommt für Becker nun wieder das S. "Berlin war schön", sagt sie, "aber ich freue mich jetzt auch, wieder in Saarbrücken zu sein." jkl

Foto: privat