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Grundschulen schreiben Brandbriefe
Eltern klagen über Unterrichtsausfall

Die Grundschule Ost in Saarbrücken musste ihre Projektwoche und das Schulfest absagen.
Die Grundschule Ost in Saarbrücken musste ihre Projektwoche und das Schulfest absagen. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken/Merchweiler. In Briefen haben sich Eltern von Grundschülern an das Ministerium gewandt. Die Grippewelle verschärfe das generelle Personalproblem. Von Ute Kirch
Ute Kirch

Eltern von zwei Grundschulen schlagen Alarm: Seit Wochen haben offenbar einige Klassen keinen regulären Unterricht mehr. Die Folge sind zahlreiche Fehlstunden, aber auch andere Aktivitäten mussten abgesagt werden. In Brandbriefen an das Bildungsministerium – die der SZ vorliegen – haben sich die Eltern der Grundschule Saarbrücken-Ost und der Grundschule „Im Allenfeld“ in Merchweiler Luft verschafft.


„Jede Woche müssen etliche Unterrichtsstunden durch das noch vorhandene Personal aufgefangen werden, was aufgrund der knappen Personalisierung meistens nicht mehr möglich ist: Die Klassen werden aufgeteilt (Klassengrößen von über 30 Kindern, jahrgangsübergreifend). Zur Zeit sind dies an der Ostschule über 78 Unterrichtsstunden pro Woche, Korrektur- und Vorbereitungszeit kommen noch hinzu. Eine Lehrer-Feuerwehr steht uns nicht zur Verfügung“, schreibt Schulelternsprecherin Bodil Albersdörfer. Ein individuelles Lernen und ein differenzierter Unterricht, wie es Grundschulklassen und insbesondere die Inklusionsklassen erforderten, sei so nicht mehr möglich. Förderstunden fielen ersatzlos aus. Die Viertklässler könnten nicht mehr adäquat auf die weiterführenden Schulen vorbereitet werden. Das Problem sei struktureller Natur. Aufgrund von Schwangerschaften von Lehrerinnen, Langzeit-Erkrankungen und Unfällen komme es zu hohen Ausfällen, die durch die jährliche Grippewelle verschärft wurden. „Die Klassen sind folglich nicht alle in der Lage, den Stoff – wie im Lehrplan vorgesehen – zu erfüllen“, schreibt Albersdörfer weiter. Veranstaltungen wie das Osterbasteln für den Frühlingsbasar, die Projektwoche zum Thema Mittelalter und das Schulfest seien abgesagt worden. Diese Veranstaltungen vermittelten wichtige Kompetenzen im sozialen Lernen und in der Selbstverantwortung. Den Lehrern macht Albersdörfer dabei keinen Vorwurf: „Sie tun, was sie nur können!“

Den Eindruck haben auch die Eltern in Merchweiler. Die Schulleitung tue alles, um einen bestmöglichen Unterricht zu gewährleisten. „Auf Grund der Tatsache, dass der Schule nur unzureichend – zeitweise sogar gar kein – Ersatzpersonal zur Verfügung gestellt wurde, ist von einem verlässlichen Unterricht unserer Kinder keine Rede“, schreiben die Elternvertreter der Klasse 1.2. Seit 20. Februar sei die Klassenlehrerin erkrankt, die Schüler würden täglich auf andere Klassen, zumeist anderer Klassenstufen, aufgeteilt. „Anstatt eines Unterrichts ist in diesem Umfeld im Wesentlichen lediglich eine beaufsichtigte selbständige Arbeit unserer Kinder möglich. Eine Lernkontrolle und aktive Vermittlung von Lerninhalten durch einen Lehrer ist nur in sehr geringem Umfang gegeben.“ Krankheitsbedingte Ausfälle könnten nicht mehr aufgefangen werden. Dies habe die Grippewelle verschlimmert. Sodass zeitweise der Unterricht für verschiedene Klassen tageweise komplett eingestellt werden musste. Die Zustände seien der Schulbehörde seit Längerem bekannt. Reagiert habe sie jedoch nicht.

Fast täglich erreichen den Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (SLLV) in den vergangenen Tagen Brandbriefe von Grundschulen, in denen die Kollegien um Hilfe bitten. Sie sähen sich nicht mehr in der Lage, einen guten Unterricht zu halten auf Grund massiv gestiegener Belastungen wie der Umsetzung der Inklusion ohne ausreichende Personalisierung, die Eingliederung von zahlreichen Kindern mit Migrationshintergrund und die vielfältigen Dokumentationspflichten. Ganze Kollegien klagten darüber, dass vor allem zur Förderung von Schülern mit Problemen in der sozial-emotionalen Entwicklung „viel zu wenig Personal zur Verfügung“ stehe. „So kann es wirklich nicht mehr weitergehen“, erklärt die SLLV-Vorsitzende Lisa Brausch. Die hohen Krankenstände, und das nicht nur während einer Grippewelle, verschärften die Problematik. Vertretungslehrer seien bei Krankheitsfällen schon seit langer Zeit nicht mehr verfügbar. „Dieser Zustand ist nicht mehr zumutbar“, sagt Brausch, „der Dienstherr spielt ernsthaft mit der Gesundheit seiner Lehrkräfte“.

Die Grundschulen benötigten mehr Förderschullehrer, Lehrer für Deutsch als Zweitsprache und Personal aus dem Bereich der sozialen Arbeit. Die Unterrichtsverpflichtung für Grundschullehrer müsse abgesenkt, die Beratungsstunden im Rahmen der Unterrichtsverpflichtung liegen und die Dokumentationspflichten deutlich reduziert werden. Die Merchweiler Eltern fordern eine zusätzliche Lehrkraft für ihre Schule, zusätzliche Stellen in der Lehrerfeuerwehr sowie eine schnellere Zuweisung von Ersatzpersonal.



Die Eltern der Ostschule haben bereits vor einem Jahr einen Brief an das Ministerium geschickt. Daraufhin seien zwar zu Schuljahresbeginn alle Stunden besetzt gewesen, doch insgesamt sei zu wenig passiert. „Wir brauchen für das nächste Schuljahr Lösungen und wollen uns nicht vertrösten lassen“, sagt Albersdörfer. Um dem Grundschullehrer-Mangel entgegenzuwirken, müsse die Zahl der Studienplätze im Saarland erhöht werden, auch das Gehalt müsse den erschwerten Bedingungen durch Inklusion und differenzierteren Unterricht angepasst werden. „Es müssten auch einmal unorthodoxe Wege gegangen werden“, findet sie. So hält sie es für denkbar, dass pensionierte Grundschullehrer für einen überschaubaren Zeitraum einspringen könnten. „Rückmeldungen aus unserem Umfeld sind durchaus positiv“, sagt sie. Musikschullehrer, Trainer von Sportvereinen oder Religionspädagogen könnten als Kooperationspartner für die Lehrerfeuerwehr geworben werden. „Sie verfügen auch über Erfahrung im Umgang mit Kindern, und so würden Lehrerstunden für die Hauptfächer frei“, regt Albersdörfer an.

Die SZ hat am 26. März das Bildungsministerium um Stellungnahme zu den Hilferufen gebeten. Bis Dienstagabend ist keine Antwort eingegangen. In einem früheren Interview mit dem SR hat sich Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) jedoch zum Thema geäußert. Er sieht kein strukturelles Problem. „Die Grippewelle ist in diesem Jahr extrem stark. Darauf konnte man nicht vorbereitet sein“, sagte er. Er verwies darauf, dass in den letzten Jahren 289 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen worden seien. Die Unterrichtsverpflichtung für Grundschullehrer sei gesenkt, die Eingangsbesoldung angehoben worden. „Wir haben mittlerweile 122 Stellen in der Lehrerfeuerwehr, wir haben so viele Förderlehrer in den Grundschulen wie nie zuvor“, sagte er, räumt aber ein: „Wir haben noch zusätzliche Bedarfe.“ Doch der Grundschullehrer-Markt sei bundesweit derzeit leergefegt. Anders als prognostiziert, seien in den letzten Jahren die Schülerzahlen gestiegen. Das liege an der Zuwanderung und steigenden Geburtenzahlen. Da das Saarland vor vier Jahren an der Saar-Uni die eigene Grundschullehrerausbildung eingeführt habe, rechnet Commerçon damit, zum nächsten Schuljahr mehr Stellen besetzen zu können.