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Ewald Blum seit 50 Jahren auf der Bühne
Grimmelwiedischs grande Finale

Halb Ewald Blum, halb Elfriede Grimmelwiedisch.
Halb Ewald Blum, halb Elfriede Grimmelwiedisch. FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Die Grimmelwiedisch ist Kult im Saarland – und heute stellt sie ihr neues Programm vor. Doch Ewald Blum, der Mann hinter der Grimmelwiedisch, will künftig kürzer treten. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Drei Mal ausverkauftes Haus: Das ist ja wohl das Mindeste, wenn die Saar-Diva des stachelbeinigen Humors mit neuem Programm „goldisches“ Bühnenjubiläum feiert. Und dazu, man will’s ja gar nicht hören, leise auch von Servus spricht. Wie bitte? Ja, ihr Alter Ego, Ewald Blum, der Mann in Grimmelwiedischs Fummeln unn de Pariser Schiggelscher, will sich künftig keine abendfüllenden Programme mehr zumuten. Ein, zwei Malaisen halt, die zwicken. Egal, heute, Samstag und Sonntag aber lässt es die Grimmelwiedisch im Theater „Blauer Hirsch“ nochmal krachen. „Attacke, ihr Schätzja!“ Wenn sie sich ihres prallen Lebens mit und vor allem ohne Göttergatten Oddo erinnert, an ihre großen Zeiten in den „Folies Bergère“ zurückdenkt. Dann tobt der Saal – garantiert.


Ein paar Tage vorher schafft man es freilich kaum, sich vorzustellen, wie dieses Wunder heute Abend gelingen soll. Ein kleiner Mann mit Schnauzbart steht auf der Bühne. Vor leerem Saal. Müde wirkt er. Singt seine Lieder an. Überlegt, wie er mit angeschlagenem Bein die Bühnenwege hinbekommt: die Desillusionierung vor der großen Illusion. Und das in einem Saal, der trostloser kaum wirken könnte. Weil bloß Erinnerungen ihn noch füllen. An großartige Kleinkunst, an Gelächter bei den „Fubbes“-Sitzungen, das Mitfühlen, das Mitfiebern. Denn nicht nur die Grimmelwiedisch präsentiert jetzt zum letzten Mal ein großes neues Programm, auch der „Blaue Hirsch“ ist Geschichte, das freie St. Arnualer Theater, das Wirt, Gelegenheitskabarettist und Kleinkunst-Sisyphos Hans Beislschmidt mit unbändigem Durchhaltewillen zwei Jahrzehnte offen hielt. Obwohl die städtische Förderung unterdessen völlig verdorrte. Beislschmidt hat den „Hirsch“ mittlerweile verkauft. „Für Ewald“ aber, der dem Haus immer treu war, sperrt er nochmal auf.

„Ämol geht noch“ heißt quasi passend dazu das große Grimmelwiedisch-Finale. Eine schillernde Lebens-Revue. Und selbst wenn Blum das Bein schmerzt, die Grimmelwiedisch wird zum Cancan dennoch die Schenkel schwingen. „Wenn das Bühnenlicht angeht, ist alles andere vergessen“, sagt Ewald Blum. Trotzdem will er künftig kürzer treten. Darum verfällt Elfriede auch schon mal in „My Way“-Melancholie. Bei ihr heißt das zwar „Mei Lääwe“; den saarländischen Text hat Blum „de Plattmacher“, Mundartautor Günther Hussong, „geschenkt“. Tränen wird’s dennoch geben. Nicht bloß im Publikum, „das könnte mir auch passieren“, prophezeit Blum. Doch bloß nicht zu viel Trübsal blasen. Es ist ja kein endgültiger Abschied, sondern nur, wie sich das einer Diva gebührt, der Anfang eines kaum enden wollenden Finales. „Das Programm will ich mindestens zehn Jahre spielen“, bekundet Ewald Blum.



Mehr Zeit dazu hat er bald. 65 ist er geworden. Anfang Dezember hat er seine „letzte Schicht“ beim Saarbrücker Kulturamt. Nicht nur seine Bühnenfigur ist Kult, auch ihr Schöpfer Ewald Blum ist eine Institution. 15 Jahre lang hat er den „Ophüls“-Preis mitgestaltet. War Albrecht Stuby der Vater des renommierten Nachwuchsfilmfestivals, dann war Blum das Kindermädchen, das die Chose schaukelte, wenn’s nottat. Ein Pfeife rauchendes Kindermädchen allerdings.

Blum liebte diese Arbeit mit den Künstlern. Und hätte durchaus selbst das Schauspiel zur Profession machen können. Den Jägersfreuder Bub drängte es bereits als Knirps zur Bühne. Egal ob Faasenachd oder „jugendlicher Liebhaber“ im katholischen Laienspiel (von da an zählt Blum seine 50 Bühnenjahre): Er war nicht wählerisch, Hauptsache Lacher. Kurz nach dem Abitur klopfte er bei der damaligen Schauspielabteilung der Saarbrücker Musikhochschule an, wollte von deren Leiter Wolfgang von Stas wissen: „Soll ich’s wagen?“ Doch von Stas erkannte sofort: Der Blum hat zu viel anderes im Kopf. Seitdem steht Ewald Blum eigentlich nur zum Spaß im Rampenlicht. Das aber so erfolgreich vor allem in der Faasenachd, wo kaum eine größere Sitzung hierzulande ohne ihn auskommt, dass er im Grunde doch jede Woche auf der Bühne steht.

Mit der Grimmelwiedisch, die er mal für eine Herrensitzung kreierte, ist er quasi verheiratet. Viele, meint Blum, missverstehen die selbst ernannte Freundin der Queen mit dem Schnorres-Sopran, der immer wieder in Testosteron-gesättigte Tiefen abrutscht, als Travestie. „Das sollte es aber nie sein, es ist eine Parodie der Travestie“, sagt er, der Schwule: „Ich hab’ privat nichts dran, in Frauenkleidern rumzulaufen.“ Wohl Kurzschlussdenken von all jenen, die ihn irgendwie einsortieren wollen. Manchen ist die Grimmelwiedisch auch zu plump, zu ordinär. Just die wird überraschen, wenn Blum sich auch als „Wortzauberer“ sieht. Der Kalauer ist seine liebste Komikform, „der wird permanent unterschätzt“. Doch wenn Heinz Erhardt der König des Kalauers war, dann ist die Grimmelwiedisch wohl die Queen Mum des kurzen Wortspiels, die mit einem Gin zuviel ihre längst nicht mehr gesellschaftsfeinen Witzchen raushaut.

Was Blum am meisten freut, ist, dass Professoren über Ewald und Elfriede genauso lachen wie das Mütterchen, das sich einen Grimmelwiedisch-Auftritt zum 80. selbst schenkt. „Für mich ist das Schönste, dass ich so eine Volksfigur geworden bin“, sagt Blum. Darum wird sich Ewald wohl auch nie von Elfriede trennen. Es müssen ja künftig auch keine großen Abendprogramme mehr sein, die Grimmelwiedisch hochdosiert im Kurzprogramm geht doch auch. „Attacke, ihr Schätzja!“

Die Vorstellungen dieses Wochenende im „Blauen Hirsch“ sind ausverkauft. Spätestens an Rosenmontag soll es aber eine weitere Vorstellung von „Ämol geht noch“ geben, dann wohl in der „Bel Etage“ in der Saarbrücker Spielbank.

Time to say goodbye? Die Grimmelwiedisch hat zwar fraglos einen Hang zu den gehobenen Schnulzen, aber keine Bange, ihr letztes großes Programm will sie „mindestens zehn Jahre spielen“.
Time to say goodbye? Die Grimmelwiedisch hat zwar fraglos einen Hang zu den gehobenen Schnulzen, aber keine Bange, ihr letztes großes Programm will sie „mindestens zehn Jahre spielen“. FOTO: Ewald Blum