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Ein Museum? Ein Erlebnis!

Der hoch aufragende Schornstein der alten Glasfabrik dominiert das Glashütter Ortsbild. Foto: Döpke
Der hoch aufragende Schornstein der alten Glasfabrik dominiert das Glashütter Ortsbild. Foto: Döpke
Museumsdorf Glashütte" steht auf einem Hinweisschild an der Autobahn. Wir haben Zeit auf dem Weg vom Spreewald nach Berlin, unser Flieger geht erst abends; so folgen wir einfach der Neugierde Von SZ-Redakteurin Doris Döpke

Museumsdorf Glashütte" steht auf einem Hinweisschild an der Autobahn. Wir haben Zeit auf dem Weg vom Spreewald nach Berlin, unser Flieger geht erst abends; so folgen wir einfach der Neugierde. Glasindustrie in Brandenburg, ebenso traditionsreich wie im Saarland und in Lothringen: Wie mag da ein Museum aussehen?


Es geht durch märkische Sandbüchsen-Landschaft, lichter Kiefern- und Birkenwald säumt die Strecke. Die Straßen werden schmaler und schmaler. Endlich das Ortsschild: Glashütte. Ein Nest, nach ein paar hundert Straßenmetern ist man schon wieder draußen. Die riesigen Parkplätze vor den Ortseingängen lassen freilich auf viel Betrieb schließen. Selbst jetzt, an einem vorwinterlich trüben Tag mitten in der Woche, steht ein Reisebus da.

Im Ort historische Bauten, sorgsam saniert, Fachwerk und Backstein. "Offen", laden Schilder in Geschäfte ein. In den "alten Konsum" mit nostalgischer Reklame-Malerei an der Fassade und einer betagten mechanischen Waage hinter der Schaufensterscheibe. In die "Papphäuser", 1861 als Wohnungen für die Glashüttenarbeiter errichtet, heute Läden - Kleidung, Kunsthandwerk.Und natürlich Glas.



Olaf Gonzalez-Valero präsentiert es schon im Vorgärtchen, Figuren, Gesichter, Rosenkugeln. Drinnen im Laden finden sich auch Lampen und größere Objekte. Gläsernes für den Weihnachtsbaum hat er freilich nicht; ein Besucherpaar, das danach fragt, verweist er an den Glasbläser ein Stückchen weiter.

Er selbst sei Glasmacher, sagt er. Der Unterschied? Gonzalez-Valero greift zur schweren Glasmacherpfeife, die neben ihm hinterm Ladentisch steht, und erklärt sein Handwerk, das andere, gewichtigere Produkte hervorbringt als das Seifenblasen-Filigran der Glasbläser. "In Glashütte wurden früher Lampenschirme hergestellt", erzählt er. Später produzierte man Glasballons, stabile, voluminöse Dinger. Nützlich nicht nur zur Aufbewahrung von Wein und Most, sondern auch von Säuren und Laugen; "das Bitterfelder Chemiekombinat war einer der größten Abnehmer", sagt Gonzalez-Valero. Bis anderes auf den Markt kam, was aggressiven Chemikalien standhielt: "Der Kunststoff-Kanister war für Glashütte der Tod" - 1980 schloss die 1716 gegründete Manufaktur, die Dorfbewohner zogen weg, die Fabrik verfiel. Als engagierte Leute nach der Wende begannen, sich um das Industriedenkmal zu kümmern, "war die Ofenhalle eine Ruine".

Heute sind Fabrik und Dorf saniert. Und leben wieder. Denn es kommen Touristen. So viele, berichtet Gonzalez-Valero, dass man sie in der Hauptsaison mit Shuttlebussen zwischen den Parkplätzen draußen vorm Ort und dem Dorf hin- und herkutschiert. Sein Fazit: "Mit dem, was sich in den letzten Jahren getan hat, kann man schon zufrieden sein." Nun gut, es gehe vor allem darum, "die Leute zu bespaßen", sagt er lächelnd; das Glasmachen, sein (Kunst-)Handwerk, sei nicht die Hauptsache. Dennoch: "Vielleicht nehme ich nächstes Jahr mal wieder einen Lehrling."

Der Produktionsort früherer Tage, schräg gegenüber, ist heute Museum. Eine Ausstellung, gut gemacht, zeigt Technik, Material, Werkzeug der Glasherstellung, eine lokale Spezialität inklusive: Milchglas für Lampen und Leuchten, erzeugt durch die Beigabe von Schafsknochenmehl. Historische Fotos und Dokumente werfen Schlaglichter auf die Sozialgeschichte. Man kann Glühbirnen. Lampenschirme, Flaschen, Trinkgläser, Knöpfe, Gärballons besichtigen. Und etwas erfahren über Reinhold Burger. Den Namen dieses Glashütters kennen wohl nur wenige, doch seine Erfindung kennt jeder: die Thermosflasche.

Das Spannendste aber ist die Ofenhalle. Die sieht aus, als machten die Glasmacher nur mal eben Pause. Die Tafel, auf der die "Brigade August Bebel" ihre Leistungen im "sozialistischen Wettbewerb" notiert hat, scheint frisch geputzt auf die neue Schicht zu warten. Säcke voller Rohstoff, kunstvoll zufällig arrangiert, wirken, als würden sie sofort gebraucht. Und da ist was dran. Zwar ist der große alte Wannenofen heute kalt. Doch am anderen Ende der Halle brennt die Flamme, die Sand, Soda, Pottasche zu Glas verschmilzt: Am Studioofen führt Patrick Damm, der Glasmacher des Museumsvereins, den Besuchern seine Arbeit vor. Wer mag, kann sogar einen Glasmacher-Kurs belegen. "Der Kunststoff-

Kanister war für Glashütte der Tod."

Olaf Gonzalez-Valero, Glasmacher

und Glasrestaurator

Auf einen Blick

Im Jahr 1716 begann die Glasproduktion im brandenburgischen Glashütte. Mit Unterbrechungen, Flauten und mit Höhepunkten im 19. Jahrhundert hat sie bis 1980 gedauert. Seit 1986 ist die Glasmanufaktur technisches Denkmal. Nach der Wende wurde Glashütte saniert. Das heutige Museumsdorf ist für Besucher von Dienstag bis Sonntag geöffnet, von April bis Oktober von 10 bis 18 Uhr, von November bis März bis 16 Uhr. dd

Wer mit glühendem Stoff hantiert, braucht volle Konzentration: Glasmacher Patrik Damm führt am Glashütter Studioofen den Museumsbesuchern sein Handwerk vor. Foto: Museumsverein
Wer mit glühendem Stoff hantiert, braucht volle Konzentration: Glasmacher Patrik Damm führt am Glashütter Studioofen den Museumsbesuchern sein Handwerk vor. Foto: Museumsverein
Ein Laden in einem 1861 erbauten Arbeiterhaus. Auch ohne Schild macht das Vorgärtchen klar: Hinter der Fachwerk-Backstein-Fassade ist ein Glasmacher und Glasrestaurator zu Hause. Foto: Döpke
Ein Laden in einem 1861 erbauten Arbeiterhaus. Auch ohne Schild macht das Vorgärtchen klar: Hinter der Fachwerk-Backstein-Fassade ist ein Glasmacher und Glasrestaurator zu Hause. Foto: Döpke
Ein Hauch von Ostalgie: In der Ofenhalle der einstigen Glasfabrik hängt, von alten Werkzeugen umgeben, die Tafel, auf der die Glasmacher in DDR-Zeiten ihre Planerfüllungs-Quoten notierten. Foto: Döpke
Ein Hauch von Ostalgie: In der Ofenhalle der einstigen Glasfabrik hängt, von alten Werkzeugen umgeben, die Tafel, auf der die Glasmacher in DDR-Zeiten ihre Planerfüllungs-Quoten notierten. Foto: Döpke