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Kostbare Regionalgeschichte
Ein Meilenstein der Literaturgeschichte an der Saar

Die St. Arnualer Stiftskirche wählte Elisabeth von Nassau-Saarbrücken  als ihre Grabstätte. Ein Bruch mit der Tradition, denn zuvor hatte man die Regenten in Wadgassen beigesetzt.
Die St. Arnualer Stiftskirche wählte Elisabeth von Nassau-Saarbrücken als ihre Grabstätte. Ein Bruch mit der Tradition, denn zuvor hatte man die Regenten in Wadgassen beigesetzt. FOTO: bub/fb / BeckerBredel
Saarbrücken. Elisabeth von Nassau-Saarbrücken war die erste deutsche Romanautorin überhaupt. Das Historische Museum Saar zeigt eine Original-Handschrift ihres „Herpin“-Epos. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Sie wuchs wohl zweisprachig auf, in einer vornehmen lothringischen Herzogresidenz, doch Blut tränkte den Boden Europas. Es war die Zeit des Hundertjährigen Krieges, einer grausamen Fehde zwischen englischen und französischen Herrschern, es war die Zeit, in der eine Jeanne d’Arc die Ritterrüstung anlegte. Elisabeth schrieb Romane. So sagt man das gemeinhin, aber es ist nicht ganz präzise. Denn Elisabeth dichtete nicht selbst, sie ließ französische Geschichten übersetzen. Doch auch damit hat sie europäische Kulturgeschichte geschrieben. Und zwar in Saarbrücken.



Die Burg, deren Ruinen heute noch in den Katakomben des Historischen Museums Saar am Saarbrücker Schlossplatz zu besichtigen sind, war vom 14./15. Lebensjahr an ihr Zuhause. Ein nicht wirklich luxuriöses, wie sich rekonstruieren lässt. Nur ein Hoffräulein soll sie gehabt haben und nur wenige Beamte, 1412 hatte man die Lothringerin an den 30 Jahre älteren Graf Philipp I. von Nassau-Saarbrücken (1368-1429) verheiratet. Er fiel im Krieg, wo sonst?, danach fungierte Elisabeth als Vertreterin ihrer unmündigen Kinder als Regierungschefin. Angeblich recht erfolgreich: Durch diplomatisches Geschick hielt sie ihr Herrschaftsgebiet aus allen Händeln raus und machte Saarbrücken zu einer respektablen Residenzstadt.

Erst im Alter von rund 40 Jahren konnte sie dann ihr literarisches Faible ausleben, das ihr den Ruhm einer Gründungs-Figur abendländischer Literaturgeschichte einbrachte. Denn die Saarbrücker Regentin übersetzte vier französische Helden- und Abenteuer-Lieder (Chansons de geste) ins Deutsche. Vor allem aber übertrug sie deren Reime in Prosa, schuf also erste Romane. Die führen in die Zeit Karls des Großen (748-814) zurück: Herpin, Sibille, Loher und Maller, Huge Scheppel. Es sind dies wüste, weitschweifige Stories über Mord und Totschlag, Herz und Schmerz, Verrat und Vergeltung, gespickt mit Märchen-Elementen, Horror-Schilderungen von Folter und Kampf, und mit drastischen Schilderungen erotischer Irrungen und Wirrungen. – Ritter-Soaps, wenn man so will.

Elisabeth war also auf dem Feld der Unterhaltungsliteratur unterwegs. Zugleich verfolgte sie eine politische Zielrichtung, die Imagemehrung für ihre eigene dynastische Linie, die sich auf die Ururahnen in den Epen zurückführen ließ. Auf 800 handgeschriebene Seiten schwollen die Romane dann mitunter an, waren mit Illustrationen aufgepeppt und zu kiloschweren Folianten gebunden. 90 Federzeichnungen sind es etwa im „Herpin“. Eine der noch erhaltenen drei Original-Handschriften dieses Romans kann man derzeit im Historischen Museum Saar anschauen, im Rahmen der Ausstellung „Prominente aus dem Saarland“. Der „Herpin“ kommt erstmals überhaupt ins Saarland. Die Handschrift wurde in einer Nürnberger Werkstatt gefertigt, in der auch ein Lehrer Albrecht Dürers gewirkt haben soll. Die Leihgabe stammt aus der Staatsbibliothek in Berlin. Vor rund zehn Jahren wurde sie das letzte Mal aus dem Tresor geholt, denn die konservatorischen Auflagen sind streng.

In Saarbrücken lagert das Riesenbuch in einem auf 35 Lux abgedunkelten Kabinett, der Besucher hat es immens schwer, überhaupt irgend etwas zu erkennen. Nur eine einzige Seite ist aufgeschlagen, doch 185 Seiten wurden gescannt und laufen über einen Bildschirm vor der Dunkelkammer. Drinnen kann man immerhin zuhören, dank einer Audiostation. Textstellen werden vorgelesen, zunächst in der Originalsprache Frühneuhochdeutsch, dann in Übersetzung. So erlebt man dann doch eine gewisse „Aura“.

Ähnlich wie in der St. Arnualer Stiftskirche. Dort liegt Elisabeth begraben. Sie wollte es so und brach erstmals mit der Regel einer Bestattung in Wadgassen. Mitten im Chor steht bis heute die Tumba der lothringischen Herzogin, ein burgundisches Hochgrab, sehr vornehm, sehr Autorität gebietend.

An dieser Frau hat sich bereits viel Fantasie entzündet, bis hin zu einem Roman von Ulrike und Manfred Jacobs, 2007 erschienen bei Gollenstein. Dass sie ihre Übersetzungen mit „Ir herren machent fryden“ überschrieb, macht sie Pazifisten sympathisch. Auch als Vorreiterin in Sachen Emanzipation wurde sie vereinnahmt oder als Symbolfigur deutsch-französischer Kulturvermittlung, jüngst gar als Gewährsfrau für die Frankreichstrategie des Landes. Vergegenwärtigungen dieser Art haben Charme, doch Substanz? Selbst über ihre persönliche Mitarbeit an den Manuskripten lässt sich nur spekulieren. Unstrittig ist allerdings, dass die von ihr in Auftrag gegebenen Handschriften „Meilensteine der Literaturgeschichte“ sind. Deshalb gilt die Elisabeth/Herpin-Vitrine dem Saarbrücker Museumschef Simon Matzerath auch als „Glanzpunkt“ der Ausstellung. Er ließ´einen roten Teppich legen, der zu ihr hin führt.

Historisches Museum Saar, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr. Die Ausstellung „Prominente Menschen aus dem Saarland“ läuft bis 13. Mai, die Handschrift ist nur bis 15. April zu sehen. www.historisches-museum.org

Das Helden-Epos „Herpin“ stammt aus dem 15.Jahrhundert. Erstmals ist die seltene kostbare Handschrift im Saarland zu sehen.
Das Helden-Epos „Herpin“ stammt aus dem 15.Jahrhundert. Erstmals ist die seltene kostbare Handschrift im Saarland zu sehen. FOTO: Historisches Museum Saar
Jessica Siebeneich (Historisches Museum Saar) nahm den 800 Seiten starken Folianten von Kurt Heydeck (Berliner Staatsbibliothek) in Empfang. Die Handschrift braucht eine verdunkelte Umgebung.
Jessica Siebeneich (Historisches Museum Saar) nahm den 800 Seiten starken Folianten von Kurt Heydeck (Berliner Staatsbibliothek) in Empfang. Die Handschrift braucht eine verdunkelte Umgebung. FOTO: Thomas Roessler / Historisches Museum Saar