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Ein Fest wie das Viertel

Eine der beliebtesten Partymeilen des Saarlandes: das Nauwieser Viertel. Fotos: Oliver Dietze
Eine der beliebtesten Partymeilen des Saarlandes: das Nauwieser Viertel. Fotos: Oliver Dietze
St Johann. Laute Musik auf den Straßen, leise Töne im Hof, Werbung für fairen Handel, ein Architekturstudenten-Projekt und jede Menge zu essen und zu trinken. Das Nauwieser Fest litt zwar etwas unterm Wetter, lockte aber wieder Tausende an. Von SZ-RedakteurMartin Rolshausen

Es klang ein wenig so, als wollte sich Manfred Selinger entschuldigen. Die Stimmung in der Saarstraße am St. Johanner Markt, wo vier Wirte ihn und seinen Bruder - das Duo Memphis & Daddy Mase - gebucht hatten, war gerade richtig gut, gemütlich, fast schon kuschelig. Kinder tanzten auf der Straße zu Swing, Folk und Blues, Paare lagen sich in den Armen. Der Markt war ganz "gudd Stubb", irgendwie war gerade jeder auf der Straße und doch zuhause. Da anzukündigen, dass der nächste Auftritt von Memphis & Daddy Mase ein paar Tage später auf dem Nauwieser Fest ist, kam Selinger nicht geheuer vor. Er schränkte auch schnell ein: Er und sein Bruder spielen in einem gemütlichen Hof hinter dem Antiquitätenladen.

Und dort saßen die beiden dann auch am Samstagabend und sorgten für die vergleichsweise leisen Töne, während auf der Festmeile die Lautsprecher an einigen Ständen so um die Wette wummerten, als wollten sie selbst dem starken Hauptbühnen-Programm auf dem Max-Ophüls-Platz Konkurrenz machen. Die einen finden die Megaparty "einfach nur geil". Andere wollen das Fest nicht auslassen, schauen aber, dass sie schnell durchkommen durchs Gedränge und den Lärm, um irgendwo doch ein lauschiges Plätzchen zu finden - und dort auch darüber zu reden, wie viel besser das Fest doch früher war.

Früher muss allerdings lange her sein. Schon vor zehn Jahren, als Ralf Leis mit Frank Schilling das erste Viertelvor-Heft gestaltete, geschah dies, weil "der lokale, gemütliche, Straßenfest-Charakter" in Gefahr gewesen sei, "durch zunehmend professionelles, kommerzielles Sauf- und Fressambiente verlorenzugehen", wie Leis im aktuellen Viertelvor schreibt.

Das Fest ist offensichtlich ein Spiegelbild des Viertels. Die einen finden es zu laut. Andere befürchten, dass der Kommerz, das Geschäftemachen zu wichtig wird. Wieder anderen gehen die "Gutmenschen" auf den Wecker, die das Viertel familienfreundlicher, bürgerlicher machen, ja sogar frei von Graffiti machen wollen.

Für den Architektur-Professor Stefan Ochs ist diese Mischung ein gutes Feld für Stadtentwicklungsstudien. Deshalb haben er und einige seiner Studentinnen und Studenten während des Festes den ehemaligen Biofrischmarkt in der Johannisstraße "bespielt". "Nau Now!" nannten die Studierenden ihr Projekt und wollten von den Leuten wissen, wie sie das Viertel erleben. "Meist doppel, verschwommen, nie am Tag" schrieb jemand" an die Meinungswand, die die jungen Leute aufgebaut hatten. "Kneipenviertel, Szeneviertel, Schmelztiegel", lautet eine andere Antwort.

Den Menschen, die in den Laden kamen, sei der Konflikt in ihrem Viertel bewusst, fasste die Architekturstudentin Bianca Troha die "Nau Now!"-Tage zusammen. Aber viele wollen, dass das Viertel sich nicht in eine Richtung entwickelt, ist ihr Eindruck. Irgendwie soll alles möglich sein. "Das Viertel soll bleiben wie das ist", hat jemand geschrieben.

Und das Fest? Da läuft ein Mann, der in einem Bananenkostüm für fairen handel wirbt, zwischen Ständen herum, deren Ziel es ganz offensichtlich ist, so viel Alkohol unters Volk zu bringen wie möglich. Da öffnet ein Künstler sein Atelier, während schräg gegenüber eine Partei das Fest für etwas Wahlkampf nutzt. Da hat ein Straßenhändler Kisten mit CDs aufgestellt, in denen "Bravo-Hits" zwischen Volksmusik und Heavy-Metal stehen. Und bei allen Konflikten, die es sonst gibt, zum Fest, sagt die Polizei, gab es weniger Anrufe wegen Ruhestörung als an "normalen" Wochenenden.


Architekturstudenten haben den ehemaligen Biomarkt fürs Nauwieser Fest umgestaltet, um dort mit Menschen ins Gespräch zu kommen.
Architekturstudenten haben den ehemaligen Biomarkt fürs Nauwieser Fest umgestaltet, um dort mit Menschen ins Gespräch zu kommen.
Tagsüber war auf den Straßen wegen der Hitze wenig los. Vor der Bühne auf dem Max-Ophüls-Platz wurde aber getanzt.
Tagsüber war auf den Straßen wegen der Hitze wenig los. Vor der Bühne auf dem Max-Ophüls-Platz wurde aber getanzt.
Memphis & Daddy Mase spielten im Hof hinter dem Antiquitätenladen.
Memphis & Daddy Mase spielten im Hof hinter dem Antiquitätenladen.