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Ein Abend für Reb Mosche Merzig

Merzig. Selbst aus seinem Testament spricht die Gesinnung, die für den bekannten Talmud-Lehrer so charakteristisch war - seine Bescheidenheit. "Niemand erhält die Erlaubnis, eine Lobrede auf mich zu halten", zitiert Wolf Porz, einer der beiden Moderatoren von "Literatur live", eine der Anweisungen aus dem Vermächtnis von Reb Mosche Merzig Von SZ-Redakteurin Margit Stark

Merzig. Selbst aus seinem Testament spricht die Gesinnung, die für den bekannten Talmud-Lehrer so charakteristisch war - seine Bescheidenheit. "Niemand erhält die Erlaubnis, eine Lobrede auf mich zu halten", zitiert Wolf Porz, einer der beiden Moderatoren von "Literatur live", eine der Anweisungen aus dem Vermächtnis von Reb Mosche Merzig. "Er muss ein sympathischer Mensch gewesen sein", vermutet der SZ-Redakteur und zieht bei der Veranstaltung von SZ und Gollenstein-Verlag am Montagabend im Hotel Roemer einen weiteren Beweis für seine These heran: "Meine Kinder sollen sich vor zwei Dingen hüten: Sie heißen Unverschämtheit und Hochmut", verfügt der Rabbi weiter in seinem letzten Willen.Es ist Moses Isaak Lewy, so der Geburtsname des Rabbis, zu dessen 150. Todestag die Arbeitsgruppe Jüdische Geschichte der Stadt Merzig ein Buch erarbeitet hat. 13 Autoren haben seine Geschichte, die Historie der Synagogengemeinde und des bis zur Buchveröffentlichung gänzlich unbekannten Merziger Synagogenchores beleuchtet.


"Es ist das wichtigste Buch, das im vergangenen Jahr erschienen ist, das wichtigste Heimatbuch im Saarland", kommentiert Porz die rund 200 Seiten mit zahlreichen Fotos.

"Es war ein gelungener Schnellschuss", gesteht Annemay Regler-Repplinger, eine der Autorinnen - aber eine große Herausforderung wegen des Zeitdrucks. "Die Recherchen in Landesarchiv Saarbrücken, die Nachfragen bei Levys Nachfahren in New York, Jerusalem oder Frankreich waren von Erfolg gekrönt. Die Arbeit hat riesigen Spaß gemacht", zieht die Leiterin des Gustav-Regler-Archivs Bilanz. Die Themen sind nach ihren Worten nicht zugeteilt worden, Alfred Diwersy hat nur das Korsett gegeben.



Mühsame Recherche

"Die Herausgabe war zunächst angedacht in zwei bis drei Jahren", erzählt der Verleger vom Merziger Gollenstein-Verlag, der mit Hans Herkes das Buch herausgebracht hat. "Aber man kann an seinem 150. Todestag nicht vorbei. Dieser Tag ist im jüdischen Glauben wichtiger als der Geburtstag." Mühsam sei die Recherche gewesen, da mit deutscher Gründlichkeit die meisten Dokumente in der Nazizeit vernichtet worden seien, gesteht er. Was die Gruppe freut: Durch die Veröffentlichung des Buches wurde sie inzwischen auf weitere interessante Schüler des Talmud-Gelehrten aufmerksam gemacht - weiterer Beweis für die Bedeutung des gebürtigen Merzigers.

Ob er noch Erinnerung an persönliche Schicksale von Juden in der Nazizeit habe, will Mitmoderatorin Nadine Klees von dem 80-Jährigen wissen. Diwersy erzählt von einer alten Frau namens "Juden-Tilli, die in einem Häuschen Ecke Wagnerstraße/Zum kleinen Feldchen gewohnt hat. "Beim Anblick dieser Frau überkam mich als kleiner Bub ein Angstgefühl. Ich habe einen großen Bogen um ihr Haus gemacht."

Als die Synagoge brannte

Von Nadine Klees danach gefragt, berichtet Diwersy von der Reichspogromnacht 1938. "Am Nachmittag des 9. November hat die Synagoge in Merzig gebrannt. Die Feuerwehr, so habe ich später erfahren, war angehalten worden, nur darauf zu achten, dass das Feuer nicht auf Nachbarhäuser übergriff. Ältere Jungs haben mir erzählt, dass der Rabbi auf dem Speicher gekniet und gebetet haben soll: 'Lirum Larum Löffelstiel, alte Weiber essen viel'."

Ob der Stromausfall im elterlichen Laden mit dem Brand in der Synagoge zusammenhing, vermag er heute nicht mehr zu sagen. "Mit meinen nicht ganz acht Jahren habe ich nicht begriffen, was da passierte. Ich wusste nur, dass sich Dummheit mit Gewalt paarte."

Für Mitherausgeber und Mitautor Hans Herkes steht fest: Man kommt an diesem Kapitel der Historie nicht vorbei. "Meine erste Geschichte war die französische Übersetzung des Lebens von Richard Kahn."

Reglers enge Kontakte

Ihm und der ebenfalls in Merzig geborenen Jüdin Herta Friedemann hat er ein Kapitel in dem Buch gewidmet. "Nicht auszudenken, wenn die Frau bei ihrer Flucht vor Verfolgung dem ,Schlächter von Lyon' Klaus Barbie, auch in Merzig geboren, in die Hände gefallen wäre." Ein anderer Merziger, der als Gegner der Nazis in eine andere Richtung dachte, war Gustav Regler. Er hatte im Exil und bis zu seinem Tod mit seinen jüdischen Spielkameraden engen Kontakt. Nichte Annemay Regler-Repplinger pflegte diese Kontakte weiter und kam dadurch auch an das Foto von Reb Mosche Merzig.

Reb Mosche Merzig, 208 Seiten, gebunden, mit zeitgenössischen Fotos und Dokumenten, ISBN: 978-3-86390-000-7

Foto: Verlag