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Droht die Fließbandarbeit am Patienten?

Saarbrücken. An manchen Tagen leidet Martin Müller (Name von der Redaktion geändert) mehr als an anderen. Seit sechs Jahren lebt der 46-jährige St. Ingberter mit der Diagnose Parkinson. Die langsam fortschreitende neurologische Krankheit führt häufig dazu, dass ihm seine Füße nicht mehr gehorchen Von SZ-Redakteurin Christine Koch-Dillenburger

Saarbrücken. An manchen Tagen leidet Martin Müller (Name von der Redaktion geändert) mehr als an anderen. Seit sechs Jahren lebt der 46-jährige St. Ingberter mit der Diagnose Parkinson. Die langsam fortschreitende neurologische Krankheit führt häufig dazu, dass ihm seine Füße nicht mehr gehorchen. Immer dann hat er das Bedürfnis, sofort einen Termin bei seiner Neurologin Sigrid Heisel zu bekommen. Doch in ihrem Wartezimmer sitzen dann meist schon andere Patienten mit ähnlich schweren Erkrankungen wie Depressionen oder Multipler Sklerose, deren Behandlung viel Zeit in Anspruch nimmt. "Noch schaffe ich es, Patienten wie Martin Müller gleich einen Termin zu geben. Aber der Druck in meiner Praxis wächst", schilderte Sigrid Heisel, Ärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, gestern beim Aktionstag der saarländischen Nervenärzte ihren Praxisalltag. Der Aktionstag in der Saarbrücker Congresshalle - er war mit Vorträgen zur Versorgung im Land, zu Depressionen und zu Demenzerkrankungen den Patienten von Neuropsychiatern im Saarland gewidmet. Und er sollte ein Zeichen setzen. Dr. Helmut Storz, Vorsitzender der Landessektion des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte: "Wir sind keine wild gewordene Fachgruppe, die nach mehr Geld schreit, sondern wir kämpfen für eine angemessene Versorgung unserer Patienten." Diese bringe das seit Jahresbeginn gültige umstrittene Honorierungssystem derzeit in Gefahr. Es sehe für jeden Patienten - vollkommen unabhängig vom Grad seiner Erkrankung und damit auch von der Intensität der nötigen Behandlung - dasselbe und "viel zu niedrige" Budget vor. "Wir werden zur Fließbandarbeit genötigt und der kranke Mensch zum Kostenfaktor degradiert", kritisieren Storz und seine Kollegen. Statt einer Pauschale fordern sie unter anderem eine Abrechnung nach der tatsächlich geleisteten Arbeit. Um ihr Ziel zu erreichen, suchen die Ärzte nun Unterstützung bei ihren Patienten. Mit einer Unterschriften-Sammlung kämpfen sie für den "Erhalt einer kontinuierlichen, vertrauensvollen und fachlich hochwertigen Medizin". Diese soll im Spätsommer an den Saar-Gesundheitsminister übergeben werden. ko