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Drei Minuten in der Welt der Blinden

Saarbrücken. Es ist, als schaue ich durch Milchglas. Nur schemenhaft kann ich Karin Ilona erkennen, die direkt vor mir steht. Doch meine Augen spielen jetzt keine Rolle mehr. Für die nächsten drei Minuten bin ich blind.Die Brille, die ich trage, simuliert den grauen Star. Weltweit sind etwa 17 Millionen Menschen durch diese Krankheit erblindet, obwohl sie operiert werden könnten Von SZ-Redaktionsmitglied Gerrit Dauelsberg

Saarbrücken. Es ist, als schaue ich durch Milchglas. Nur schemenhaft kann ich Karin Ilona erkennen, die direkt vor mir steht. Doch meine Augen spielen jetzt keine Rolle mehr. Für die nächsten drei Minuten bin ich blind.Die Brille, die ich trage, simuliert den grauen Star. Weltweit sind etwa 17 Millionen Menschen durch diese Krankheit erblindet, obwohl sie operiert werden könnten. Die Christoffel Blindenmission (CBM) will mit dem Erlebnisgang auf das Schicksal dieser Menschen aufmerksam machen. Sehende können diesen mobilen Parcours mit der speziellen Brille bewältigen. Das Erlebnis soll ihnen klarmachen, mit welchen Schwierigkeiten blinde Menschen im Alltag zu kämpfen haben. Genau diese Probleme bekomme ich in den nächsten Minuten hautnah zu spüren. Langsam taste ich mich auf den Eingang des Parcours zu, bewaffnet nur mit einem Blindenstock. Den soll ich aber bitte nicht so nennen. CBM-Aktionsleiterin Karin Ilona: "Das sagt zwar der Volksmund, eigentlich heißt er aber Taststock." Sie gibt mir einen letzten Tipp mit auf den Weg: "Blinde sehen mit den Ohren und den Händen." Ich soll den Taststock möglichst mit gespreiztem Zeigefinger direkt vor meinem Bauchnabel anfassen. So könne ich die Beschaffenheit des Bodens besser ertasten.Ich mache mich auf den Weg. Schon am Eingang ertappe ich mich dabei, wie ich versuche, an der Brille vorbeizuschielen. Ich lasse es sein. Damit beschummele ich mich ja nur selbst. Also Augen zu und durch!Das ist nicht einfach. Ich stoße gegen das erste Hindernis - eine Wand direkt hinter dem Eingang. Das macht mich unsicher. Ab sofort benutze ich auch den linken Arm, um mögliche Hindernisse besser zu ertasten, die sich über dem Boden befinden könnten. "Das machen Blinde manchmal auch, wenn sie auf unbekanntem Terrain sind", erzählt Ilona mir später.Auf der rechten Seite stoße ich mit dem Taststock jetzt gegen einen großen Gegenstand. Ein dumpfes Geräusch ertönt. Eine Mülltonne? Wild mit dem linken Arm rudernd, setze ich meinen Weg fort. Ich ertaste wieder ein Hindernis. Eine Stufe? Was ist dahinter? Weitere Stufen? Ich stochere unbeholfen herum, um es herauszufinden. Doch da scheint nichts zu sein. Unsicher besteige ich die einzelne Stufe. Und tatsächlich: Es kann weitergehen. Schon spüre ich einen kalten Luftzug. Der Ausgang kann nicht mehr weit entfernt sein. Endlich geschafft! Hastig nehme ich die Brille ab - Tageslicht blendet meine Augen. Ich schaue mir den Parcours noch einmal genau an und bin erstaunt. Er ist wirklich nicht schwierig - für einen Sehenden. In diesem Moment bin ich unendlich dankbar für mein Augenlicht.



In Kürze In 110 Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und Osteuropas betreut die Christoffel Blindenmission 1021 Projekte. Sie hilft Menschen mit Behinderungen, hauptsächlich mit Sehschwäche oder Blindheit. gda