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Die Zahl der Tafeln steigt

Lebach. Der Lieferwagen steht vor der Tür. Im Akkord schleppen Männer Kisten in die alte Metzgerei. Von der ist außer den weißen Kacheln nicht mehr viel übrig. Holzregale stehen an den Wänden, in der Mitte ist u-förmig eine Tischreihe aufgestellt. An ihr stehen geschäftig die Frauen in weißer Schürze, Gummihandschuhe an den Händen Von SZ-Mitarbeiterin Caroline Biehl

Lebach. Der Lieferwagen steht vor der Tür. Im Akkord schleppen Männer Kisten in die alte Metzgerei. Von der ist außer den weißen Kacheln nicht mehr viel übrig. Holzregale stehen an den Wänden, in der Mitte ist u-förmig eine Tischreihe aufgestellt. An ihr stehen geschäftig die Frauen in weißer Schürze, Gummihandschuhe an den Händen. Eine sortiert Karotten aus, jede einzelne wandert durch ihre Hände, wird gedreht, begutachtet, gezählt. Eine andere Helferin inspiziert Salatköpfe. Eisbergsalat. Hier und da ist schon ein Blatt welk, Messer ansetzen, Schnitt, Blatt ab. Einen ganzen Morgen schleppen, sortieren und zählen die freiwilligen Helfer der Lebacher Tafel an diesem wie an jedem Donnerstag. Wenn um 13 Uhr die Kundschaft kommt, soll schließlich alles fertig sein.



"Die Idee ist es, Lebensmittel, die von den Händlern vernichtet würden, Bedürftigen zu geben", erklärt der Geschäftsführer des Caritasverbands für die Region Saar-Hochwald, Hermann-Josef Niehren und greift gleich das Salat-Beispiel auf: "Einen Salatkopf mit welken Blatt würde keiner mehr kaufen. Die Helfer schneiden das Blatt ab, und der Salat ist wie neu."

Die Tafel in Lebach ist die jüngste von aktuell zehn solcher Einrichtungen im Saarland. Sie wird getragen von Caritas und Diakonie und am Leben gehalten von vielen Ehrenamtlichen. Lebach zählt 80 freiwillige Tafel-Helfer.

Die Zahl der registrierten Kunden in Lebach beläuft nach Angaben der dortigen Tafel-Initiatoren Anna Schmidt und Andreas Storb aktuell auf rund 150. Beim Start waren es 61. Die Zahl derer, die sich von der Tafel ernähren, ist aber um ein vielfaches größer, erklärt Schmidt: "Man muss bedenken, dass hinter den meisten Abholern noch eine Familie steht."

Das mache dann oft zwei, drei Personen mehr aus. Und Woche für Woche steigt die Zahl weiter. "Wir gehen davon aus, dass sich die Zahl bei 250 Abholern einpendeln wird", mutmaßt Schmidt. Für bedeutend mehr Leute habe die Tafel aktuell auch gar nicht genug Lebensmittel.

Zahlen, bei deren Klang es fast unglaublich scheint, dass noch vor etwas weniger als einem Jahr die Frage im Raum stand, ob denn in Lebach überhaupt eine Tafel benötigt werde. Nur wenn es Bedürftige gebe, und noch dazu Räume und Ehrenamtliche präsentiert werden könnten, habe der Stadtrat dem Vorhaben zustimmen wollen, erinnert sich Storb. "Aber schon nach einer Anfrage bei der Arge war klar: Es gibt Armut in der Stadt." Von den Zahlen der Arge ausgehend habe es zu diesem Zeitpunkt 1200 Tafel-Berechtigte gegeben, darunter mehr als 200 Kinder. Die Zustimmung des Stadtrats fiel einstimmig aus.

Die Lebacher Tafel, wie auch alle anderen Tafeln, sind Hartz-IV-Empfängern, grundgesicherten Rentner, Sozialgeld- oder Wohngeld-Empfängern oder andersweitig Bedürftigen vorbehalten. Für einen Euro dürfen die Kunden einkaufen. Seitdem vor 16 Jahren in Berlin die erste Tafel eröffnet wurde, ist die Zahl dieser Einrichtungen weiter und weiter gestiegen. Seit der Einführung des Arbeitslosengelds II, so Niehren, sei auch die Zahl der Bedürftigen förmlich explodiert. Mittlerweile gibt es die Tafeln in rund 800 Städten in Deutschland. Etwa 35 000 Ehrenamtliche halten sie am Leben - und stillen damit den Hunger von hunderttausenden Menschen in Deutschland.

Hintergrund

Das SR-Programm zum Ende der ARD-Themenwoche am heutigen Samstag: Radio SR3 6 Uhr Die tägliche Comedy zur Ehrenamtswoche, SR1 6 Uhr Die Forderungen der LAG Pro Ehrenamt, Unser Ding 6.45 Uhr "Best of" Themenwoche, SR2 9.05 Uhr Siegfried Richter verschenkt seine Zwei-Millionen-Villa auf Teneriffa. Fernsehen: 18.45 Uhr Verein Nestwärme hilft Familien. red