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Trinkwasser-Knappheit
Die Wasserwende nach der Dürre im Saarland

Ein Bild dieses Sommers – und der Zukunft? Das Flussbett des Rheins ist bei Düsseldorf aufgrund der Dürre ausgetrocknet und aufgerissen.
Ein Bild dieses Sommers – und der Zukunft? Das Flussbett des Rheins ist bei Düsseldorf aufgrund der Dürre ausgetrocknet und aufgerissen. FOTO: dpa / Christophe Gateau
Saarbrücken. In der Region gibt es Trinkwasser in Hülle und Fülle. Trotzdem denken Versorger über einen Wasserspeicher nach – die Nonnweiler Talsperre. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Alle reden über die Energiewende, eine Wasserwende hat noch niemand ausgerufen. Trotz der alarmierenden Bilder in den Fernseh-Nachrichten: trocken gefallene Flüsse in Nordrhein-Westfalen, leere Regenwasser-Zisternen in Hamburgs Nobel-Gärten, Konvois von Tankwagen, die hessische Gemeinden mit Wasser versorgen, Mähdrescher, die im aufgewirbelten Sandsturm über verbrannte Felder in Brandenburg brettern. Nur keine Panik, das Saarland hat Wasser in Hülle und Fülle!, riefen die Wasserversorger und Bürgermeister hier zu Lande den verunsicherten Bürgern zu. Wie lange noch?


Rund 40 Prozent mehr Wasser als im Jahresschnitt wurden in den letzten Wochen landesweit verbraucht. Statt der üblichen 110 Liter pro Tag nahmen die Saarländer rund 160 Liter ab. In weniger extremen Sommern steigt der Verbrauch nur um etwa 20 Liter. „Dieser Sommer setzt eine Zäsur“, sagt Dr. Joachim Meier vom Verband der Energie- und Wasserwirtschaft Saarland, zugleich Geschäftsführer der Wasser- und Energieversorgung GmbH (WVW) im Kreis St. Wendel. Er wird nach eigener Aussage überall von Bürgern auf das Thema angesprochen, die seien „hochsensibel“ geworden. Und offensichtlich wurde auch für die Versorgerbetriebe der virtuelle Klimawandel erstmals ein realitätsnahes Phänomen. Sie stellten sich zum ersten Mal ernsthaft die Frage: Was wäre wenn? Beispielsweise der Winter 2018 ebenfalls trocken ausfällt und der nächste Sommer wieder monatelange Trockenheit bringt. „Dann haben wir ein Problem“, sagt Meier.

Überraschenderweise sieht der Wasserexperte die Wasser-Spar-Aufforderung des Nalbacher Bürgermeisters Peter Lehnert Ende Juli kritisch. Als „Panikmacher“ landete der in den Schlagzeilen, nachdem er dazu aufgerufen hatte, auf überflüssigen Wasserverbrauch, etwa durch Rasensprengen, Reinigungsarbeiten oder das Swimmingpool-Befüllen, zu verzichten. Meier meint: „Der Schuss ging nach hinten los.“ Mit Warnungen müsse man überaus vorsichtig umgehen, vor allem, wenn keine echte Notlage gegeben sei wie in Nalbach. Denn Warnungen bewirkten oft das Gegenteil, weil viele Menschen Wasservorräte anlegten. Trotzdem schickten die Saarbrücker Stadtwerke kurz nach Nalbach ebenfalls die Botschaft raus, „sorgsam mit Wasser“ umzugehen.



Und als dann noch tausende Haushalte im Blies- und Mandelbachtal über Tage trocken saßen, weil ein Rohrbruch in der Hauptwasserleitung in Erfweiler-Ehlingen die Trinkwasserversorgung lahmgelegt hatte, war das Katastrophen-Szenario auch im Saarland perfekt. Obwohl die Hitze nicht als Schadensursache genannt wurde.

Ein Schaden in einer Hauptwasserleitung sei nahezu unmöglich, hieß es. So unmöglich wie monatelange Trockenperioden in unserer Gegend. Anders als andere Bundesländer, die Oberflächenwasser aus fließenden Gewässern oder aus Stauseen aufbereiten, bedient man sich in der Region aus dem Grundwasservorrat. Just deshalb wird die Debatte über Grubenflutungen auch so emotional geführt. Über 50 Millionen Kubikmeter pro Jahr werden im Saarland dem Grundwasser entnommen. Das passiert in der Regel über 320 Brunnen, die bis zu 100 Meter tief sind. Das Grundwasser-Reservoir füllt sich durch Niederschläge auf, zwei Milliarden Kubikmeter versickern im Saarland. Ein Leitungssystem von 8000 Kilometern Länge bringt das Wasser zu 53 Wasserwerken und Hochbehältern, dann zu den Kunden. Diese Infrastruktur für die Trinkwasserversorgung hat im Saarland einen Wert von über zwei Milliarden Euro, ihre Wartung verursacht bis zu 80 Prozent des Wasserpreises.

Doch dieses Trinkwasserversorgungs-System könnte sich entscheidend verändern. „Wir müssen und wollen Vorsorge für Engpässe treffen“, sagt Joachim Meier. Die St. Wendeler WVW erwäge, die Nonnweiler Talsperre in ihr Versorgungsnetz mit aufzunehmen, und dies könnten auch andere saarländische Wasserversorger tun. Das wäre ein Novum. Die Talsperre, bereits in den 50er Jahren angedacht und Ende der 80er Jahre fertiggestellt, war zwar als Trinkwasserspeicher für das Saarland geplant, jedoch wurde sie nie als solcher genutzt. Lediglich die saarländischen Kraftwerke Bexbach und Fenne sind Kunden. Vom Trinkwasser profitieren ausschließlich rheinland-pfälzische Gemeinden. Lieferverträge bestehen mit Hermeskeil, Birkenfeld und Idar-Oberstein. Wie das? „Man dachte, man braucht das Talsperrenwasser nicht“, so Meier.

Er berichtet, dass man im Saarland den Bau einer Aufbereitungsanlage für unwirtschaftlich hielt, weil die Herstellung für Trinkwasser aus Oberflächenwasser im Vergleich zur Grundwasser-Aufbereitung weit aufwendiger ist. Allerdings sicherte sich die St. Wendeler WVW ein Talsperren-Kontingent von 3,1 Millionen Kubikmetern – ohne die Option bisher zu ziehen. „Wir halten es jetzt allerdings für überdenkenswert, ob wir das Talsperrenwasser nicht doch nutzen sollten“, sagt Meier.

Diese Idee will er in den „Masterplan Wasser“ integrieren, den das Umweltministerium zusammen mit dem kommunalen Unternehmerverband VKU erarbeiten will. Ingenieurbüros sollen die Infrastruktur unter die Lupe nehmen und verschiedene (Not-)Szenarien durchspielen. Im Herbst sollen sie beauftragt werden, damit bis 2020 der Masterplan steht. „Es geht darum, die Systeme flächendeckend stabil zu halten“, so Meier. Im Fokus stünden Verbundleitungen zwischen Gemeinden. Bei Wasserknappheit könnte man dann auch Nachbarvorräte zurückgreifen. Auch auf Bundesebene ist einiges in Gang gekommen. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund forderte einen steuerfinanzierten Aktionsplan gegen längere Hitzeperioden. Zusätzliche Speicherkapazitäten und mehr Grün in der Stadt sollen entstehen.

All dies bestärkt den Nalbacher Bürgermeister Lehnert in seiner Haltung. „Wir haben gemerkt, dass unser Wasserwerk am Limit arbeitete. Es wurde mehr Wasser verbraucht als wir produzieren konnten.“ Der Sparaufruf habe gefruchtet, die Verbraucher hätten reagiert, die Wasserabnahme sei zurückgegangen, sagt er der SZ. „Was nutzt es, wenn wir genügend Grundwasser haben, aber die technischen Systeme nicht mehr genügen?“ Für ihn sei eine „Verhaltensänderung“ das Ziel gewesen. Generell misstraut er den Aussagen der Wasserunternehmer. Deren Philosophie sei nicht, Wasser zu sparen. „Die Probleme werden seit Jahren heruntergespielt“, sagt Lehnert, das gelte auch für viele seiner Bürgermeister-Kollegen. Niemand wolle dem Bürger erzählen, dass durch Investitionen auch das Wasser teurer würde. Stattdessen beschwöre man immerzu eine absolute Wassersicherheit im Saarland. Vermutlich wird spätestens der „Masterplan Wasser“ die Rosa-rote-Wolken-Politik beenden.

Teil einer Wasserwende? Die Nonnweiler Talsperre könnte die Versorgung in saarländischen Kommunen absichern.
Teil einer Wasserwende? Die Nonnweiler Talsperre könnte die Versorgung in saarländischen Kommunen absichern. FOTO: Feis
Verdürrende Landschaften: Wegen der Trockenheit begann die Getreideernte in diesem Jahr deutlich früher, die Ernte fiel schwach aus.
Verdürrende Landschaften: Wegen der Trockenheit begann die Getreideernte in diesem Jahr deutlich früher, die Ernte fiel schwach aus. FOTO: dpa / Patrick Pleul