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Die Stadt der Philologen

Stirnrunzelnd sahen sich einige Besucher bei der Eröffnung der Tourismusbörse am 7. März in der St. Ingberter Stadthalle an. Hat der da eben "merkwürdig" gesagt? Er hatte. St. Ingberts Oberbürgermeister Georg Jung testete damals in seiner Eröffnungsrede den zukünftigen Slogan von der "merkwürdigsten Mittelstadt Deutschlands"

Stirnrunzelnd sahen sich einige Besucher bei der Eröffnung der Tourismusbörse am 7. März in der St. Ingberter Stadthalle an. Hat der da eben "merkwürdig" gesagt? Er hatte. St. Ingberts Oberbürgermeister Georg Jung testete damals in seiner Eröffnungsrede den zukünftigen Slogan von der "merkwürdigsten Mittelstadt Deutschlands". Jetzt hat die Merkwürdigkeit ihren Durchbruch im Mitteilungsblatt der Stadt gefeiert mit der Zeile: "In St. Ingbert tut sich Merkwürdiges." Der St. Ingberter ist von Haus aus ein gebildeter Mensch und in der Lage, die wohlgewählte Vokabel in ihrer Tiefe zu fassen. Wer sich aller Bedeutungsnuancen im historischen Kontext vergewissern will, greift zu Kluges etymologischem Wörterbuch oder dem deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm. Während Kluge sich ausschweigt, verdeutlicht das von den Grimms 1854 begonnene Werk den alten Sinn des Adjektivs. Etwa anhand von Schillers Don Carlos: "da der chevalier so viele länder hat gesehen, wird er ohne zweifel viel merkwürdiges uns zu erzählen wissen." Des Merkens und Erinnerns wert - wir ahnten es - will St. Ingbert sein. Nicht nur am Spaten, sondern auch im Wort. Den spracherhaltenden Philologen im Rathaus sei Dank. Indes: Der feine Sinn bietet zuweilen Anlass zu grobem Spott. So manche böse Zunge könnte nun den Rathauschef zum "merkwürdigsten OB" im Lande küren.