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Die Krankheit als Chance sehen

Altstadt. Als Oliver Heck 43 Jahre alt war, wurde bei ihm das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) diagnostiziert. "Auf einmal ergab alles einen Sinn", sagt er heute, ein Jahr später. "Ich habe plötzlich verstanden, warum ich so bin, wie ich bin." Das Leben des gebürtigen Waderners war rastlos und abwechslungsreich gewesen Von SZ-Redaktionsmitglied Nora Ernst

Altstadt. Als Oliver Heck 43 Jahre alt war, wurde bei ihm das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) diagnostiziert. "Auf einmal ergab alles einen Sinn", sagt er heute, ein Jahr später. "Ich habe plötzlich verstanden, warum ich so bin, wie ich bin."Das Leben des gebürtigen Waderners war rastlos und abwechslungsreich gewesen. Zunächst arbeitete er in einer Bank, dann importierte er Autos aus Amerika, gründete mehrere Immobilienunternehmen, startete auch privat Bauprojekte und ließ sich zum Hubschrauberpiloten ausbilden. Er war ständig auf der Suche: "Ich hatte nie ein endgültiges Ziel. Wenn mich etwas nicht mehr gefordert hat, habe ich etwas Neues angefangen."


2010 brach er zusammen, "von heute auf morgen", wie er sagt. Die Diagnose: Burnout. "Ich hatte immer wie ein Besessener gearbeitet", erinnert er sich. Er kam in die Psychiatrie in Homburg. Wenig später stellte ein Arzt in Saarbrücken schließlich auch die Diagnose ADHS.

Die Krankheit trieb ihn an, weckte seinen Unternehmergeist, brachte aber auch Angst, Depression und Zwanghaftigkeit in sein Leben. Er verbrachte ein halbes Jahr in einer psychosomatischen ADHS-Klinik. In dieser Zeit begann er, ein Buch zu schreiben: über sich, sein Leben und seine Sicht auf die Krankheit. Er nennt es einen "biografisch fundierten Erfahrungsbericht". Darin reflektiert er seine Kindheit und Jugend, die bereits von ADHS geprägt waren. "Als Kind war ich chaotisch, mein Zimmer immer unaufgeräumt. Irgendwann habe ich angefangen, mich zwanghaft zu organisieren."



Tatsächlich ist in seinem Umfeld alles akkurat und geordnet. Doch der Schein trügt, wie Heck betont: "In meinem Kopf herrscht ein ständiges Chaos." Das Aufmerksamkeitsdefizit ist seit seiner Kindheit geblieben. Er kann sich nur schwer konzentrieren, nur einmal hat er es geschafft, ein komplettes Buch zu lesen. Wie konnte er dann ein ganzes Buch schreiben? "Wenn ich mich für etwas interessiere, bin ich hyperfokussiert." Gerade einmal zweieinhalb Monate brauchte er, um es fertig zu stellen.

Er will deutlich machen, dass man ADHS auch als Chance begreifen kann. "Menschen mit ADHS haben oft besondere Talente", sagt er. Er ist überzeugt, dass Kinder mit ADHS strikte Regeln und Strukturen brauchen, dann seien sie zu ungewöhnlichen Leistungen fähig. Doch viele Lehrer seien mit den hyperaktiven Kindern überfordert. Er erlebte das am eigenen Leib und erlebte es nochmals, als sein Sohn in die Schule kam, der ebenfalls ADHS hat. Er hatte so große Probleme, dass er dann die Schule wechselte. Auf der Erweiterten Realschule Homburg 2 wurde es schließlich besser: "Dort gab es Lehrer, die verstanden, wie er funktioniert und die auf seine Bedürfnisse eingegangen sind."

Sein rastloses Leben hat Heck inzwischen aufgegeben: "Seit dem Burnout bin ich erwerbsunfähig. Ich kann nicht mehr mit Druck umgehen." Doch untätig ist er nicht - könnte er wahrscheinlich gar nicht sein. Er schreibt noch an zwei weiteren Büchern.

Oliver M. Heck: "Näher am Limit. Ein Leben mit AD(H)S", Verlag Schmidt-Römhild, 96 Seiten, 11,80 Euro.

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