| 21:21 Uhr

"Die Ärzte werden politischer"

Saarbrücken. Es brodelt in der Ärzteschaft. Die Mediziner organisieren Protesttage und schließen immer häufiger ihre Praxen. In Wartezimmern kritisieren Aushänge zu viel Bürokratie und sinkende Vergütung. "Die Ärzte kommen langsam aus ihren Praxen heraus. Sie werden politischer und wollen ihre Wünsche bekannter machen", beschreibt Sanitätsrat Dr Von Patrick Griesser und Oliver Schwambach (SZ)

Saarbrücken. Es brodelt in der Ärzteschaft. Die Mediziner organisieren Protesttage und schließen immer häufiger ihre Praxen. In Wartezimmern kritisieren Aushänge zu viel Bürokratie und sinkende Vergütung. "Die Ärzte kommen langsam aus ihren Praxen heraus. Sie werden politischer und wollen ihre Wünsche bekannter machen", beschreibt Sanitätsrat Dr. Franz Gadomski (Foto: isi), seit zehn Jahren Präsident der saarländischen Ärztekammer, die Entwicklung. Diese macht offenbar auch vor der Ärztekammer selbst nicht halt.


"Die Beschlüsse der Funktionäre oben haben oft nichts mehr mit der Wirklichkeit in den Praxen zu tun", kritisiert Dr. Karl-Michael Müller, Vertrauensperson der Integrationsliste Saar, eine von insgesamt zehn Wahllisten. 31 Hausärzte, Fachärzte, Ärzte in der Klinik und im Medizinischen Dienst vertritt diese Liste, eine von mehreren Gruppierungen, die den bisherigen Kurs der Kammer angreift. Konflikte einzelner Funktionäre lähmten wichtige berufspolitische Entscheidungen, moniert denn Müller. Die Integrationsliste fordert darum einen Generationswechsel, will etwa die Amtszeit des Kammerpräsidenten auf zwei Perioden beschränken. Vor allem müsse mehr Transparenz bei Entscheidungen der Kammer her. Höchste Zeit, so der Allgemein-Mediziner, sich endlich auch um die Gesundheit der Ärzte selbst zu kümmern. Etliche Kollegen seien ob der ständig steigenden Belastung regelrecht ausgebrannt: "Und Ärzte, die selbst zu Patienten werden, können sich nicht mehr um ihre Patienten kümmern".

Gadomski, der die "Gemeinschaftsliste saarländischer Ärztinnen und Ärzte in Klinik und Praxis" anführt, räumt ein, dass die Kammerarbeit transparenter sein könnte. Und: "Das Selbstverständnis als Serviceleister kommt immer mehr zum Tragen." Zwar seien sich die konkurrierenden Listen bei bundesweiten Themen "sicher einig", dennoch sprechen die Ärzte im Land nicht mit einer Stimme. "Die Ärzteschaft ist schon aufgesplittert", sagt Gadomski und macht das daran fest, dass mehrere Listen für angestellte Ärzte und Fachärzte zur Kammerwahl antreten: "Meine Liste wirbt besonders für die Einigkeit".



Für Martin Erbe ist die Aufsplitterung ebenfalls keine neue Konstellation. Erbe steht an der Spitze der Liste "Marburger Bund - Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte des Saarlandes". Er erklärt, den Wunsch nach Einigkeit habe nahezu jede Liste. "Die Ärzteschaft ringt seit Jahren um einen Grundkonsens, dass die Politik uns nicht immer so auseinanderdividiert." Die derzeit spürbare Unruhe erwächst seiner Ansicht nach jedoch nicht aus einer Unzufriedenheit mit der Kammer. Vielmehr gehe es derzeit ums Geld und das verteile nun mal die Kassenärztliche Vereinigung - eine seit Jahresbeginn geltende Gebührenordnung ist höchst umstritten. Erbe: "Das Gefühl von Ungleichbehandlung und fehlender Transparenz wird auf die Kammerwahl übertragen."

Auf einen Blick

Die Ärztekammer vertritt unter anderem alle Mediziner, die im Saarland ihren Beruf ausüben.

Die Aufgaben der Kammer sind unter anderem die Berufsaufsicht, die Organisation der Fort- und Weiterbildung. Zur Kammer gehört auch das Versorgungswerk der Ärzte.

Die Ärzte wählen noch bis heute die Vertreterversammlung der Kammer. In der Versammlung sind 55 Ärzte und 16 Zahnärzte vertreten. 5500 Ärzte sowie 821 Zahnmediziner sind zur Briefwahl aufgerufen. Das Ergebnis soll am 13. Mai ermittelt werden. Anfang Juni soll dann der Kammervorstand durch die Delegierten gewählt werden. red