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Der Pflanzenkenner

Wadern. Die zarten Tomatenstöcke auf der Fensterbank recken ihre dünnen Hälse der Sonne entgegen. Dicht daneben thront die Königin der Nacht. Eine Strelizia reckt ihre Blätter in die Höhe. "In meiner Wohnung steht keine gekaufte Pflanze." Stolz erhebt sich in der Stimme von Engelbert Barbian Von SZ-Mitarbeiterin Caroline Biehl

Wadern. Die zarten Tomatenstöcke auf der Fensterbank recken ihre dünnen Hälse der Sonne entgegen. Dicht daneben thront die Königin der Nacht. Eine Strelizia reckt ihre Blätter in die Höhe. "In meiner Wohnung steht keine gekaufte Pflanze." Stolz erhebt sich in der Stimme von Engelbert Barbian. "Einen Steckling einstecken und sehen wie er wächst, das ist für mich das A und O", und wer Barbian in diesem Moment sieht, ihn erzählen lässt, ihm zuhört, der erkennt, dass der 85-Jährige tatsächlich gerade von seiner größten Leidenschaft spricht: der Natur.


Für diese engagiert sich der Rentner ehrenamtlich seit fast 60 Jahren. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg Initiator des neugegründeten Obst- und Gartenbauvereins Morscholz, dann 22 Jahre lang Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Wadern, zwölf Jahre lang Kreisvorsitzender, Mitglied des Landesvorstands und der Landesjury beim Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden", heute Ehrenvorsitzender des Kreisverbands Merzig-Wadern. Anfang des Jahres ehrte ihn die Kreisverwaltung als "Stillen Star im Ehrenamt".

Und von Müdigkeit keine Spur: "Vor sechs Wochen habe ich einen Vortrag übers Sträucher schneiden gehalten." Die Verkehrsinsel am Kreisel vor der Haustür pflegt er bis heute gemeinsam mit seinen Vereinskollegen.

Die Liebe zur Natur, so meint Barbian selbst, sei ihm in die Wiege gelegt worden. Vater Peter war 1928 Mitbegründer des ersten Morscholzer Obst- und Gartenbauvereins. In die Fußstapfen des Vaters trat Anfang der 50er Jahre der Sohn. Dieser kam aus dem Krieg nach Hause in die französische Besatzungszone. Es herrschte Versammlungsverbot. An eine Vereinsgründung war nicht zu denken. Doch das Glück half dem gelernten Schreiner bei seinem Vorhaben. "Ich habe bei den Leuten der Militärverwaltung gearbeitet, Türen oder Fenster repariert. So bekam ich Kontakt zu denen und habe gefragt, ob ich einen Obst- und Gartenbauverein aufmachen dürfte." 1950 schließlich durfte er.

Ein Gang durch Barbians Garten kommt einer Biologiestunde gleich. Über jeden Strauch, jeden Baum, jede Staude weiß er Bescheid. Wann gehört was zurückgeschnitten? Welche Erde braucht diese Pflanze? Welches Licht? Er kokettiert nicht, ist nicht schadenfroh, es ist eher Mitleid, das in seiner Stimme mitschwingt, wenn er erklärt, warum diese und jene Stauden in den Nachbargärten in diesem Jahr nicht blühen werden. Falsch zurückgeschnitten. Alle Knospen weg. Das war's. Man hätte ja fragen können. Er hätte es gewusst.



Jahrzehntelang hat er sich seinem Studium der Pflanzenwelt gewidmet und sich mit größtem Fleiß die Namen und Eigenheiten der Gewächse angeeignet. "Ich habe alles im Garten mit Schildern versehen. Wenn ich vorbeigegangen bin, habe ich die Schilder gelesen und so die Namen behalten." Das Wissen wuchs mit den Jahren - und Barbian begann dieses weiterzugeben durch Informationsabende oder Diavorträge. Der ihm eigenen Akribie war es wiederum zu verdanken, dass nicht nur das Publikum dabei lernte. "Ich habe mich in mein Gartenhaus gesetzt, die Leinwand aufgespannt, meine Dias durchgeschaut und überlegt, was man mich fragen könnte." Ein bisschen ehrgeizig sei er gewesen, gibt Barbian zu. "Wenn ich bei einer Veranstaltung etwas gefragt worden wäre und hätte keine Antwort gewusst, dann hätte ich mich geschämt."

Doch auf dem Weg durch den Garten, vorbei an Apfelbäumen, Kiwipflanzen und Erdbeerstöcken, wächst der sichere Eindruck, dass Engelbert Barbian nie in diese Verlegenheit gekommen ist.

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