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Der Moossucher

Saarbrücken. Maikäfer, Löwenzahn, Maulwurf - die kennen wir alle. Doch unglaublich viel mehr Pflanzen und Tiere leben im Saarland. Rüdiger Mues, Professor für Botanik an der Universität des Saarlandes, kennt zumindest einen großen Teil von ihnen Von SZ-Mitarbeiterin Karin Stenftenagel

Saarbrücken. Maikäfer, Löwenzahn, Maulwurf - die kennen wir alle. Doch unglaublich viel mehr Pflanzen und Tiere leben im Saarland. Rüdiger Mues, Professor für Botanik an der Universität des Saarlandes, kennt zumindest einen großen Teil von ihnen. Er ist nicht nur Forscher an der Uni, sondern auch erster Vorsitzender der "Delattinia, Arbeitsgemeinschaft für tier- und pflanzengeographische Heimatforschung im Saarland e. V.". Der Zusammenschluss von Botanikern, Biologen und Naturfreunden erforscht und erfasst ehrenamtlich die saarländische Flora und Fauna.


Rüdiger Mues war ein Fan der ersten Stunde: Er trat der Delattinia noch als Student bei, als sie 1968 gegründet wurde. Im Gegensatz zu den aktuellen Forschungseinrichtungen der Uni, die sich eher mit Molekularbiologie und Genetik befassen, beschäftigen sich die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft mit der Beschreibung der Organismen selbst. "Wir interessieren uns dafür, was um uns herum kreucht und fleucht", so Mues. Gemeint sind alle Arten von Pflanzen vom Moos bis zur Rotbuche, auch Insekten und Kleintiere wie Fledermäuse und Frösche.

Die Delattinia verfügt über eine eigene Sammlung, die an die Sammlung des Saarlandes angegliedert ist. Sie befindet sich im Zentrum für Biodokumentation (ZfB) in Landsweiler-Reden. Hier lagern unter anderem mehrere Schmetterlingssammlungen und Herbarien, also Sammlungen von Pflanzen wie beispielsweise Moosen, mit denen sich Mues im Besonderen beschäftigt. Die Sammlungen dienen einerseits Forschungszwecken, sind andererseits auch ein Beleg für die Existenz einer bestimmten Tier- oder Pflanzenart. So kann ermittelt werden, welche Pflanzen es früher im Saarland gab und welche heute nicht mehr existieren. Den gleichen Zweck erfüllen laut Mues ausgestopfte höhere Tiere und in Alkohol eingelegte Frösche.



Jedoch streichen die Delattinia-Forscher nicht nur durch Felder und Wälder auf der Suche nach seltenen Pflanzen und Tieren. Sie stehen unter anderem saarländischen Behörden und Naturschutzverbänden beratend zur Seite, nicht zuletzt dem Umweltministerium. Außerdem werden die Ergebnisse ihrer Forschungen regelmäßig in eigenen Publikationen veröffentlicht. Der ganze Stolz der Forscher ist die kürzlich erschienene saarländische rote Liste. Glaubt man Rüdiger Mues, so ist sie "einfach Spitze". Das Saarland könne stolz sein, denn die rote Liste Saarland sei in ihrer Qualität deutschlandweit führend.

Die Delattinia arbeitet eng mit den umliegenden Regionen zusammen, denn "die Natur macht vor politischen Grenzen nicht Halt", so Mues. Das hat auch für ganz Europa Bedeutung. Stichwort Klimawandel: Durch die immer wärmer werdenden Winter breiten sich bestimmte Organismen des Mittelmeerraums und aus dem südwestlichen Atlantikraum auch in Mitteleuropa aus. Im Saarland wird diese weitere Ausbreitung durch sein besonderes Klima verhindert. Außerdem hat das Saarland eine besondere Verantwortung für bestimmte Lebensgemeinschaften, zum Beispiel für seine Buchenwälder, die laut Mues die schönsten in Deutschland, wenn nicht in ganz Europa sind. Die Rotbuche ist eine der Pflanzen, die in ganz Deutschland nur im Saarland vorkommen. Im "Urwald vor den Toren der Stadt" kann sie erhalten und bestaunt werden.

Auch der vielfältige Bliesgau ist für Mues besonders schützenswert. Da er von Menschen geschaffen ist, braucht er besonders viel Pflege. Ohne die Bauern, die das Land bestellen und auf brach liegenden Äckern die Natur sprießen lassen, gäbe es die bunten Streuobstwiesen und die berühmten Orchideen aus dem Bliesgau bald nicht mehr. Mit der Zeit würden Buchenwälder die bunte Vielfalt verdrängen. Ob Mues einen Liebling in der Pflanzen- und Tierwelt im Saarland hat? Er verneint: "Mich interessieren alle schönen Pflanzen. Die Schönheit der Natur, bunte Schmetterlinge oder ein Mohnblumenfeld im Sommer machen mir Freude."

Auf einen Blick

Die Delattinia zählt derzeit ungefähr 340 Mitglieder. Beitreten kann jeder, der sich für die saarländische Natur interessiert. Es finden regelmäßige Treffen statt. Außerdem werden auch für Nichtmitglieder Vorträge, Exkursionen und Kurse angeboten. Die Delattinia bietet auch für Schulen Exkursionen und beispielsweise Mikroskopierkurse an. ks