| 20:52 Uhr

Saartalk
„Der Mond hat viel, viel zu bieten“

Astronaut Matthias Maurer (links) im Gespräch mit SR-Chefredakteur Norbert Klein und SZ-Chefredakteur Peter Stefan Herbst (rechts).
Astronaut Matthias Maurer (links) im Gespräch mit SR-Chefredakteur Norbert Klein und SZ-Chefredakteur Peter Stefan Herbst (rechts). FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Der Esa-Astronaut Matthias Maurer aus Oberthal erklärt im Saartalk, weshalb er unbedingt ins Weltall will.
Christine Kloth

Der Saartalk ist ein gemeinsames  Format von SR und SZ. Diesmal stellt sich der Astronaut der europäischen Weltraumorganisation Esa, Matthias Maurer, den Fragen der Chefredakteure Norbert Klein (SR) und Peter Stefan Herbst (SZ). Maurer ist gebürtiger Saarländer und stammt aus Oberthal im Landkreis St.Wendel. SZ-Redakteurin Christine Kloth hat das Gespräch in Auszügen dokumentiert.


Herbst: Sie sind in St. Wendel geboren, in Oberthal aufgewachsen. Wann und wo haben Sie sich erstmals für den Weltraum begeistert?

MAURER Als Kind habe ich schon mitverfolgt, wie Ulf Merbold damals mit dem Space-Shuttle in den Weltraum geflogen ist, aber dass das für mich selbst mal eine Option sein könnte, war für mich viel zu weit weg. So richtig gewachsen ist dieser Wunsch während des Studiums. Ich habe mich damals schon erkundigt, wie wird man Astronaut? Aber als Esa-Astronaut hat man alle 15 Jahre mal die Chance an einem Wettbewerb teilzunehmen. Von daher habe ich das dann gleich wieder aufgegeben. Aber, als dann 2008 die Esa Astronauten gesucht hat, war mir sofort klar, das ist meine Chance, und die möchte ich auch nutzen.

Herbst: Also war es kein Kindertraum, sondern Sie sind mehr der Spätberufene?

MAURER Ganz genau. Als Kind wollte ich Pilot werden oder Formel1-Fahrer, aber Astronaut war mehr so der Erwachsenen-Traum.



Klein: Muss man Geduld haben, wenn man Astronaut ist? Man kann ja kein Ticket lösen und gerade mal so in eine Rakete steigen, um zum Mond oder zur ISS zu fliegen. Sie warten ja schon eine gewisse Zeit darauf, dass Sie zu Ihrem Start kommen. Jetzt ist Ihnen nochmal Ihr Kollege Alexander Gerst zuvor gekommen, sonst wären Sie jetzt geflogen.

MAURER Ganz genau. Das ist eine der Grundvoraussetzungen, dass man etwas Geduld hat. Wir alle, also die Astronauten-Klasse 2008/2009, hatten Versprechen bekommen, dass wir mindestens zwei Mal in unserer Karriere fliegen – und ich habe die zwei Flüge noch vor mir. Der Flug, den Alexander Gerst jetzt leistet, klar, ich stand zur Auswahl, aber dann plötzlich war die Option da, es könnte ein Deutscher fliegen und gleichzeitig Kommandant werden. Als Anfänger kann man natürlich nicht Kommandant werden. Deswegen bin ich da wieder nach hinten gerutscht.

Klein: Im Training proben Sie ja auch, dass es einen Havarie-Fall gibt. Dass etwas passiert. Im Weltall kann man ja aber nicht mal eben den Pannendienst anrufen, da müssen Sie selber ran. Haben Sie vor so einer solchen Situation Angst? Und wie sind Sie vorbereitet?

MAURER Also Angst ist natürlich der ganz falsche Begleiter. Dann wäre der Job nichts für mich. Wir trainieren sehr viel. Wir üben alle Ernstfälle. (…)

Herbst: Über den Punkt Angst sind Sie jetzt sehr leicht hinweggegangen. Viele Dinge im Leben kann man nicht zu 100 Prozent beeinflussen, aber in vielen anderen Fällen ist Hilfe schneller da als im Weltraum. Sie sind sehr auf sich allein gestellt.

MAURER Das würde ich jetzt nicht so sagen. Während der Ausbildung lernen wir auch medizinische Erstversorgung. Das heißt: Ich habe gelernt, wie kann ich einen Zahn ziehen, wie kann ich einen Ultraschall von meinem Körper durchführen oder bei den Kollegen? Und diese Informationen werden direkt mit den Satelliten zu den Ärzten auf dem Boden geschickt. Das heißt, wir haben da immer eine sehr gute Kontrolle. Wenn ein Ernstfall eintreten würde und wir müssten wirklich landen, dann können wir innerhalb von zwei Stunden zurück auf der Erde sein. Ich denke, die Wissenschaftler, die in der Antarktis forschen und den ganzen Winter über dort bleiben müssen, sind deutlich isolierter. Oder auch ein Bergarbeiter, wie das früher im Saarland der Fall war. Wenn man in der letzten Ecke der Grube gearbeitet hat, und es passierte ein Unfall, dann hat es vielleicht viel, viel länger gedauert, ins Krankenhaus zu kommen als es für einen Raumfahrer der Fall wäre.

Klein: Werden Sie der erste Saarländer sein, der nicht nur im Weltraum unterwegs ist, sondern der vielleicht auch einen Fuß auf den Mond setzt?

MAURER Das würde ich mir natürlich sehr, sehr wünschen. Aber ich denke, es ist eigentlich unwichtig, ob das jetzt ein Deutscher ist oder ein Saarländer. Hauptsache, wir Menschen fliegen wieder Richtung Mond und landen auf dem Mond. Der Mond hat sehr, sehr viel zu bieten. Wir waren von 1969 bis 1972 auf dem Mond. Damals gab es ein Wettrennen. Ziel war es nur, als erster dort zu landen. Ziel war es weniger, Wissenschaft zu machen. Und mittlerweile wissen wir, dass wir auf dem Mond lernen können, wie unser Sonnensystem entstanden ist. Und sobald wir das wissen, können wir auch modellieren, wo im Universum könnte eine zweite Erde und vielleicht auch intelligentes Leben existieren. Das ist ein Grund. Der zweite Grund ist: Auf dem Mond können wir Wissenschaft machen, die wir auf der Erde nicht betreiben können. Wir können dort zum Beispiel ein Radio-Teleskop aufstellen und können dort Frequenzen empfangen, die von der Erdatmosphäre geschluckt werden. Das heißt, die können wir auf der Erde nicht messen. Und das sind dann Frequenzen aus denen die Wissenschaftler Informationen ableiten können, wie das Universum entstanden ist in der ganz, ganz frühen Phase direkt nach dem Urknall – damals, als es noch keine Sterne gab und bevor das erste Licht entstanden ist. Und der dritte Grund ist: Wir können auf dem Mond üben, Technologien entwickeln, die wir brauchen, um in Zukunft Richtung Mars zu fliegen.