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Grubenwasser
Der Giftstoff PCB produziert ein Dilemma

Im Fischbach in Camphausen werden die Grenzwerte für PCB überschritten.
Im Fischbach in Camphausen werden die Grenzwerte für PCB überschritten. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Was passiert, wenn Grubenwasser nicht mehr in Flüsse eingeleitet, aber auch nicht unter Tage ansteigen darf? Tübinger Toxikologe sieht keine Gefahr in PCB-Belastung. Von Johannes Schleuning
Johannes Schleuning

Im Streit um die Belastung saarländischer Flüsse mit PCB (polychlorierte Biphenyle) zeichnet sich ein Dilemma für den Bergbaukonzern RAG ebenso wie für das saarländische Umweltministerium ab. Denn zum Jahresende laufen die sogenannten Wasserbescheide aus, die eine Einleitung des belasteten Grubenwassers in die besonders betroffenen Flüsse genehmigen. Verlängert werden dürften sie aufgrund der erhöhten PCB-Belastungen eigentlich nicht. Gleichzeitig sind sich Experten einig: Bis Jahresende wird man eine technische Lösung zur PCB-Reduzierung vor Ort nicht umsetzen können. Die Zeit sei zu knapp. Das Grubenwasser wird also weiter eingeleitet werden müssen – denn unter Tage ansteigen darf es ja nicht: Es gibt bislang keine Flutungsgenehmigung. Wie das alles funktionieren soll, darüber schweigt sich das Umweltministerium derzeit noch aus.


Die schnellste Methode zur PCB-Reduzierung an den Einleitstellen – diese Einschätzung hört man sowohl aus dem Umweltministerium als auch von der RAG – ist eine Filteranlage. Eine entsprechende Pilotanlage auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Haus Aden bei Bergkamen soll im Sommer in eine halbjährliche Testphase gehen. Ist diese erfolgreich, stünde die Technik zwar pünktlich zum Jahresende zur Verfügung. Konstruktions-Nachbau, gegebenenfalls Vergabeverfahren und Baugenehmigungen vor Ort könnten den Einsatz im Saarland jedoch um viele Monate verzögern. Unklar ist zudem, ob dann womöglich schon über den von der RAG beantragten Grubenwasseranstieg entschieden wurde. Würde er genehmigt, wären die Filteranlagen nach RAG-Auffassung unnötig: Die jährlich rund 14 Millionen Kubikmeter Grubenwasser würden nur noch in die Saar geleitet – und PCB-Belastungen aufgrund der hohen Verdünnung durch das Wasservolumen der Saar keine Rolle mehr spielen.

Welche Schritte die RAG nun konkret plant, um die gemessene Überschreitung der PCB-Grenzwerte in Sinnerbach und Fischbach durch das hier eingeleitete Grubenwasser zu unterbinden, dazu wollte das Unternehmen gestern auf SZ-Nachfrage keine Angaben machen. Nur so viel: Die RAG werde die Messergebnisse des Umweltministeriums „nun genauestens analysieren und bewerten. Danach werden wir gemeinsam mit den Aufsichtsbehörden notwendige Maßnahmen einleiten und sie der Öffentlichkeit präsentieren.“



Eine Untersuchung des Umweltministeriums hatte ergeben, dass der Grenzwert für PCB in Sinnerbach, Fischbach und in der Rossel deutlich überschritten wird (wir berichteten). In alle drei Flüsse wird direkt oder indirekt Grubenwasser eingeleitet. Die Grenzwert-Überschreitungen betreffen nahezu ausschließlich die PCB-Typen 28, 52 und 101. Ihr gemeinsames Auftreten wird von Experten als Hinweis darauf gewertet, dass sie aus dem Bergbau stammen. PCB war unter anderem in Hydraulikölen enthalten, das bis Ende der 80er Jahre unter Tage eingesetzt wurde.

Unterdessen hat der Toxikologe Professor Michael Schwarz von der Universität Tübingen eine Gefährdung von Flora und Fauna durch die erhöhten PCB-Werte in Sinnerbach, Fischbach und Rossel als sehr gering eingestuft. „Das Risiko einer Schädigung der Flora und Fauna würde ich bei den vorliegenden Konzentrationen als extrem klein ansehen“, erklärte der Wissenschaftler im Gespräch mit der SZ. Auch sei „eine Gefährdung der Gesundheit des Menschen bei diesen Mengen auszuschließen“. Schwarz bestätigt damit Aussagen des Toxikologen Dieter Schrenk von der Technischen Universität in Kaiserslautern, der sich in der SZ bereits ähnlich geäußert hatte.

Würde ein Mensch jeden Tag einen Liter Wasser aus dem am meisten mit PCB belasteten Fischbach trinken, entspräche dies einem Tausendstel dessen, was an PCB ohnehin täglich über die Nahrung aufgenommen werde, so Schwarz. Alle drei gemessenen PCB-Typen (28, 52, 101) gehörten zu den nicht-dioxinartigen PCBs, die als weniger gefährlich gelten. Zwar könnten auch nicht-dioxinartige PCBs in Tierversuchen unter bestimmten Voraussetzungen krebserregend sein. Dazu müssten aber PCB-Konzentrationen eingesetzt werden, „die sehr, sehr weit über denjenigen liegen, die in den betroffenen Flüssen im Saarland gemessen wurden“, erklärte Schwarz. Vorsichtige Entwarnung gibt der Toxikologe sogar mit Blick auf den Verzehr von Fischen. Zwar seien die PCB-Konzentrationen insbesondere in fettreichen Fischen erfahrungsgemäß relativ hoch – zumal bei Tieren in belasteten Gewässern. Deshalb werde vorsichtshalber auch von deren Verzehr abgeraten (im Saarland seit dem Jahr 2010). Doch selbst hier seien die PCB-Konzentrationen wohl deutlich unter dem als gefährlich einzustufenden Schwellenwert.