| 20:06 Uhr

Interview mit Norbert Mendgen
„Der geplante Eingang ist eine Hintertür“

Der Wasserhochbehälter als erster Betonständerbau in Europa von 1918 soll zur neuen zentralen Eingangsplattform werden. Drei Millionen Euro sind dafür laut Wettbewerbsauslobung vorgesehen.
Der Wasserhochbehälter als erster Betonständerbau in Europa von 1918 soll zur neuen zentralen Eingangsplattform werden. Drei Millionen Euro sind dafür laut Wettbewerbsauslobung vorgesehen. FOTO: Iris Maria Maurer
Völklingen/Saarbrücken. Früherer Leiter der Bau- und Kunstdenkmalpflege im Saarland kritisiert Plan für eine zentrale Eingangsplattform des Weltkulturerbes. Von Christine Kloth
Christine Kloth

Vor nicht mal zehn Jahren ist ein Haupteingang für das Weltkulturerbe Völklinger Hütte eingeweiht worden. Seit Anfang dieses Jahres gibt es nun Planungen für einen neuen Haupteingang über den bislang unerschlossenen Wasserhochbehälter. Norbert Mendgen, früher Leiter der Bau- und Kunstdenkmalpflege im Saarland und in den Jahren 2000 bis 2006 wissenschaftlicher Vertreter des Weltkulturerbe-Chefs Meinrad Maria Grewenig, kritisiert die Pläne für die neue Eingangsplattform. Mendgen hat 1985/86 die Ausweisung der Völklinger Hütte als Kulturdenkmal und 1987/88 den Antrag als Welterbe betrieben. Er war zuletzt bis 2013 Lehrer an der Hochschule für Technik und Wirtschaft.



Mitte Dezember 2008 haben der renommierte niederländische Architekt Jo Coenen, der damalige Staatssekretär Rainer Grün (CDU), Oberbürgermeister Klaus Lorig (CDU) und der Weltkulturerbe-Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig den Völklinger Platz als neuen Eingangsbereich für das Weltkulturerbe eingeweiht. Grewenig bezeichnete ihn als „sehr gelungen“ und sprach bei der Eröffnung von einem „bedeutenden Tag“. Keine zehn Jahre später ist dieser Zugang des Weltkulturerbes am Völklinger Platz mit Rampe für Besucher verschlossen und überhaupt nicht als Haupteingang erkennbar. Nun soll ein neuer Haupteingang her, obwohl alleine der Bau des Völklinger Platzes schon 2,6 Millionen Euro gekostet hat. Klingt nach Verschwendung.

MENDGEN Ja, das klingt so. Es gibt aktuell bereits vier Besucher-Eingänge. Wozu braucht man vier Eingänge und jetzt offenbar sogar noch einen fünften? Darum bin ich über die Ausschreibung für die Umnutzung des Wasserhochbehälters als neue zentrale Eingangsplattform extrem erstaunt. Zumal ja zu den von Ihnen genannten Kosten noch die Kosten des Eingangsbereichs „Kohlegleis“ vom Völklinger Platz bis zum Kassenbereich dazu gerechnet werden müssten.

Also mehr als 2,6 Millionen Euro – und dieser Haupteingang wird heute nicht genutzt, und schon ein Jahr nach seiner Einweihung kam Kritik an seiner Funktion auf. Weltkulturerbe-Chef Meinrad Maria Grewenig sagte 2009 unserer Zeitung, die Stadt Völklingen müsste Schilder auf dem Gelände aufstellen, das ihr gehört, damit Besucher den Platz als Eingang erkennen können, was bis heute nicht passiert ist. Wieso ist das nicht im Planungsprozess bedacht worden?

MENDGEN Das weiß ich auch nicht. Immerhin war der Wettbewerb der Stadt für den Völklinger Platz ja unter Beteiligung des Weltkulturerbes ausgelobt und entschieden worden. Ausgewählt wurde der realisierte Entwurf, weil er Stadt und Welterbe am besten verbindet. Ich glaube auch, dass es hier nicht nur um ein paar Schilder geht. Die Stadt hat die Planungshoheit als Kommune. Sie muss ihre kulturellen wie wirtschaftlichen Interessen klar vertreten. Genauso wie das Land als Eigentümer des Weltkulturerbes hier auch Verantwortung trägt.

Warum ist aus Ihrer Sicht der nicht genutzte Eingang am Völklinger Platz der ideale Haupteingang?

MENDGEN Der Völklinger Platz mit Busbahnhof basiert auf dem Rahmen- und Masterplan der Stadt Völklingen. Die Pläne sind das Ergebnis eines damals beispielhaften Planungsprozesses von namhaften Experten aus dem Saarland, Deutschland und Frankreich. Er ist als „Modell Völklingen“ – Revitalisierung einer Industriebrache – offnenes städtebauliches Gutachterverfahren Völklinger Hütte; Forschungsvorhaben des experimentellen Wohnungs- und Städtebaus – als Buch und in der Zeitschrift „Bauwelt“ publiziert worden. Der Völklinger Platz überwindet dank der Rampe einen Höhenunterschied für alle, auch Behinderte, Ältere und Kinder. Und führt von dem gleichen öffentlichen Raum aus in die Anlage wie früher, als die Anlage noch in Betrieb war. Das heißt, der Eingang ist entwickelt worden aus der historischen Funktion, aus der Geschichte der Anlage heraus. Das war ein Hochofenwerk, in das von der Bahntrasse Saarbrücken – Trier Kohle und Eisenerz über zwei parallele Gleise kamen. Und auch das Personal kam von dieser Seite, nämlich vom Bahnhof Völklingen aus in die Anlage. Auch heute könnte der Besucher genau da entlang laufen, wenn der Eingang geöffnet wäre. Er könnte dank dieses Eingangs mit allen Sinnen Geschichte erfahren, denn die Torpedo-Pfannen-Wagen mit glühendem Roheisen fahren dort heute immer noch vorbei. Zudem bieten diese Bahn­trassen, auf denen er über den Völklinger Platz in das Weltkulturerbe gelangt, dem Besucher auf einem sehr ungewöhnlichen Gelände Orientierung. Wer ist schon häufig in einer Hochofenanlage unterwegs?

Anfang dieses Jahres hat das Weltkulturerbe Völklinger Hütte nun einen Architektur-Wettbewerb ausgelobt. Aufgabe war, eine neue Eingangsplattform im Wasserhochbehälter zu gestalten, der bislang unerschlossen ist. Was wissen Sie über diesen Wettbewerb?

MENDGEN Sehr wenig. Alles scheint geheim. Für einen solchen Wettbewerb gibt es Richtlinien – und mir ist noch nie untergekommen, dass nach einer Preisgerichtssitzung, die nachweislich im Sommer stattfand, das Ergebnis nicht sofort an die Öffentlichkeit weitergegeben wird.

Der Auslobungstext des Wettbewerbes begründet die neue Eingangsplattform damit, dass die Besucherkanalisierung aktuell schwierig sei, die Erkennbarkeit der Eingangssituation kompliziert und die Besucherforschung gezeigt habe, dass „nahezu 90 Prozent aller Besucher mit dem Auto kommen“.

MENDGEN Das heißt für mich übersetzt: Die einzige Begründung in dem Auslobungstext für die neue Eingangsplattform ist, dass der Wasserhochbehälter an einem Parkplatz liegt. Das ist ein schlechter Witz. Dieser Parkplatz war laut Rahmenplan gar nicht vorgesehen. Hier sollte eigentlich eine großzügige Grünfläche sein. Zum anderen liegt diese Fläche nicht im Herzen der Völklinger Hütte, wie es im Auslobungstext des Wettbewerbs heißt, sondern hinter dem Wasserhochbehälter, hinter der Pumpenstation, hinter der Gebläsemaschinenhalle, also in einer absoluten Randlage, einer Art Hinterhof. Das Weltkulturerbe mit seinen Umgebungsflächen steht ja nicht auf einer Insel. Es ist das Gelenk zwischen der Innenstadt, dem Bahnhof, der Saar mit Hafen, Wehrden und einer aktiven Stahl-Hütte. Es wird total übersehen, dass es sich um ein Riesengelände handelt, mit dem man mehr machen kann – und noch mehr machen muss – als Ausstellungen. Es geht hier eben nicht nur um die Interessen des Ausstellungs- und Museumsbereiches, sondern auch um die der Stadt und des Landes. Die Größe der Anlage erfordert Vielfalt im Nutzungskonzept. Das Land und die Stadt Völklingen hatten schon ab Ende der 90er-Jahre ein Konzept, das Ensemble auch als Wirtschaftsstandort zu entwickeln. Ein Konzept, das übrigens das Welterbe Zeche Zollverein in Nordrhein-Westfalen, obwohl es später damit begonnen hat, aktuell sehr erfolgreich umsetzt.

Die neue geplante Eingangsplattform über den Wasserhochbehälter erzwingt ja auch das Überwinden eines nicht unerheblichen Höhenunterschiedes …

MENDGEN Ja. Es müssten teure Aufzüge beziehungsweise Brücken oder Verbindungen gebaut werden, hoch auf den Rohrsteg über die Rathausstraße und dann wieder runter auf das Kohlegleis, um die Besucher dahin zu lenken, wo sie heute schon über die Rampe des Völklinger Platzes problemlos hingelangen könnten.

Aber worum geht es denn dann aus Ihrer Sicht bei dieser neuen Eingangsplattform?

MENDGEN Herr Grewenig hat schon länger das Interesse, den Wasserhochbehälter als Ausstellungsfläche zu nutzen. Der weiteren Ausweitung von Ausstellungsflächen ist der Aufsichtsrat aber offensichtlich nicht nachgefolgt. Was man gut verstehen kann, denn es gibt bis heute keine Vorstellung über die Folgekosten der Anlage. Das heißt über die langfristigen Betriebs- und Unterhaltungskosten. Es gab ja immer wieder die Kritik und die Forderung, dass die Ausstellungen in dem Teil der Gebläsehalle mit dem einzigartigen Gebläsemaschinen-Ensemble hier nicht mehr zugelassen werden sollen und die Halle wieder taghell – wie während der letzten Betriebstage – werden muss. Herr Grewenig versucht hier offensichtlich zu verhandeln: Ich gehe da raus, wenn ich den Wasserturm kriege. Das ist die einzige Logik der Auslobung des Wettbewerbs. Der geplante Eingang ist eine Hintertür, um in den Wasserturm zu kommen und so eine weitere Ausstellungsfläche zu gewinnen.

Was, schätzen Sie, würde dieses Vorhaben kosten? Wie soll es finanziert werden?

MENDGEN Es wäre mit Sicherheit eine Millionen-Investition. Ich gehe davon aus, dass es aus der klassischen Förderung gezahlt werden soll, das heißt Bund, EU und Land. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, berücksichtigt man den vorhandenen Eingang, dass ein weiterer Eingang gefördert wird.

Kratzt ein Eingang im Wasserhochbehälter am Weltkulturerbe-Status?

MENDGEN Soweit würde ich jetzt noch nicht gehen. Aber er ist kon­traproduktiv. Er schädigt die Authentizität des Welterbes und ist denkmalrechtlich höchst bedenklich. Es müsste ja Original-Bau- und Techniksubstanz ohne Not beeinträchtigt beziehungsweise zerstört werden.

Warum sind 2008 keine Parkplätze am Haupteingang mit Völklinger Platz entstanden?

MENDGEN Das weiß ich nicht. Der Rahmenplan der Stadt sieht Parkplätze vom Völklinger Platz bis weit über das Globusgelände inklusive Tankstelle hinaus vor. Man müsste also nur die Ziele des Rahmenplanes noch einmal aufnehmen. Konkret heißt es da: „Vorgeschlagen wird auf dieser Fläche eine begrünte Parkplatzsituation, sowohl für private Pkw als auch für Busse…“ Der Busbahnhof ist ja realisiert worden und insofern ist es für mich unverständlich, weshalb die Besucher-Busse hinter dem Wasserhochbehälter halten und dort die Leute aussteigen lassen anstatt am Völklinger Platz.

In welchem Zustand ist die übrige Bausubstanz auf dem Gelände? Ist da eine solche Investition sinnvoll?

MENDGEN Der Verfall von Kraftwerk 1 hinter der Hochofenanlage ist schon vor Jahren von der Unesco angemahnt worden, geschehen ist bislang nichts. Dies und die Verbesserung der sträflich vernachlässigten Anbindung an die Innenstadt sowie die Verbesserung der städtebaulichen Situation rund um den Völklinger Platz mit Gebläsemaschinenhalle ist bestimmt wichtiger als noch ein Eingang. Zumal der Rechnungshof ja schon 2014 klar gesagt hat: Die weitere Arealerschließung des Denkmals sollte eher defensiv betrieben werden.

Die Fragen stellte Christine Kloth.

Norbert Mendgen und Historiker Harald Glaser sind Impulsgeber, am Donnerstag, 19. Oktober, ab 13.30 Uhr im Fachforum „Ist das Industriekultur oder kann das weg? Wert von und Umgang mit dem industriellen Erbe“ der Arbeitskammer. Anmeldung unter bildung@arbeitskammer.de oder unter www.arbeitskammer.de/zukunftsforum

Der Haupteingang am Völklinger Platz. Nur die Umgestaltung des Platzes hat 2,6 Millionen Euro gekostet. Ein Drittel der Kosten trug die Stadt, zwei Drittel kamen aus EU-Töpfen zur Tourismus-Förderung und aus Landesmitteln.
Der Haupteingang am Völklinger Platz. Nur die Umgestaltung des Platzes hat 2,6 Millionen Euro gekostet. Ein Drittel der Kosten trug die Stadt, zwei Drittel kamen aus EU-Töpfen zur Tourismus-Förderung und aus Landesmitteln. FOTO: Iris Maria Maurer