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„Das Wichtigste ist die Vorsorge“

Hochwasser am Lauterbach: Diese Aufnahme eines überfluteten Anwohner-Gartens entstand im Juli 2007. Hochwasser wie dieses gibt es an dem Gewässer jedes Jahr. Bei einem 100-Jahre-Hochwasser wäre die Überschwemmung wesentlich schlimmer. Foto: Marcus Huwig
Hochwasser am Lauterbach: Diese Aufnahme eines überfluteten Anwohner-Gartens entstand im Juli 2007. Hochwasser wie dieses gibt es an dem Gewässer jedes Jahr. Bei einem 100-Jahre-Hochwasser wäre die Überschwemmung wesentlich schlimmer. Foto: Marcus Huwig FOTO: Marcus Huwig
Regionalverband. Die Bilder der Hochwasserkatastrophe an Donau, Saale und Elbe haben Erinnerungen wachgerufen: Im Dezember 1993 strömten die Saar und ihre Nebenflüsse den Anwohnern in die Häuser. Was hat sich seither in der Region getan in Sachen Hochwasserschutz? Mancherorts sehr viel, sagen Fachleute – anderswo aber wenig bis nichts. Von SZ-Redakteurin Doris Döpke

"Hochwasser ist ein Naturereignis", sagt Jens Götzinger, "man kann nichts dagegen tun." Aber man könne viel tun, um zu verhüten, dass dabei Menschen und ihr Hab und Gut zu Schaden kommen. "Hochwasser-Risikomanagement" heißt das Stichwort dazu. Das ist Götzingers Spezialgebiet, dafür ist der promovierte Ingenieur im saarländischen Umweltministerium zuständig.

Das Weihnachts-Hochwasser 1993 - das höchste in den 90er Jahren - sei eine Art Schlüsselerlebnis gewesen im Rhein-Einzugsgebiet, sagt Götzinger: "Es wurde viel gemacht, man hat Deiche und Polder angelegt." Ähnliches sei seit 2002 an der Elbe zu verzeichnen; deshalb habe das Juni-Hochwasser, so extrem es auch war, dort mancherorts weniger Schaden angerichtet als das Hochwasser elf Jahre zuvor.

Zurück zum Saarland. Was ist hier passiert? Man habe an Saar, Prims und Blies Überschwemmungsgebiete ausgewiesen. Der Saarausbau habe die Hochwassergefahr für die Anwohner des Haupt-Flusses im Lande entscheidend vermindert (mehr dazu in einem weiteren Artikel). Generell gelte: "Das Wichtigste ist die Vorsorge." Technischer Hochwasserschutz komme hie und da hinzu. Mit Dämmen, so etwa an der Saar bei Luisenthal. Oder mit Rückhaltebecken, in kommunaler Regie eingerichtet. Saarbrücken habe an der Rußhütte gebaut, auch Quierschied plane Schutz vor dem Fischbach. Heusweiler sei an der Arbeit im Wahlbach-Gebiet, Püttlingen wolle am Köllerbach ein Rückhaltebecken errichten und Verrohrungs-Querschnitte vergrößern. "Das Land unterstützt solche Vorhaben mit bis zu 70 Prozent der Baukosten", sagt Götzinger; für die Pflege der Bauten anschließend seien die Kommunen zuständig.

Fischbach, Wahlbach, Köllerbach - kleine Gewässer wie diese bereiten die größten Probleme. Wie groß, sieht man auf der Karte der Hochwasser-Risikogebiete, an der das Umweltministerium derzeit arbeitet. Von den 49 Risikogebieten seien bislang 23 durchgerechnet und im Internet veröffentlicht, berichtet Götzinger; der Rest folge bis zum Jahresende.

Für den Lauterbach ist die Karte schon fertig. Was sie zeigt, ist zum Fürchten: Der Bach, sonst ein Rinnsal oder sogar trocken, wird sich bei einem 100-Jahre-Hochwasser verwandeln in eine 20 bis 70 Meter breite, stellenweise gut zwei Meter tiefe Wasserfläche. Und hier ist - das bestätigt Völklingens Bürgermeister Wolfgang Bintz (CDU) auf SZ-Nachfrage - bisher nichts geschehen, um das Risiko zu mindern.

Dabei ist lange bekannt, was getan werden kann. Eine Studie rechnete 2009 vor, dass kommunale und private Bauten - von Brücken über Zäune bis hin zu Komposthaufen und Gartenhäuschen - den Bach ungebührlich einzwängen. Hochwasser kann nicht abfließen, hinter Engstellen staut es sich und überspült dann bewohntes Gebiet. Dabei bringt es zudem unappetitlichen Schmutz aus Frankreich mit; denn dort reicht die Kanalisation nicht aus. Abhilfe? Man müsste den gesamten Bachlauf sanieren, grenzüberschreitend. Das aber ist teuer. Ein 2012 gestarteter Versuch, dafür finanzielle Hilfe von der EU zu erhalten, sei fehlgeschlagen, berichtet Bintz; Förderprogramm und Projekt hätten nicht gut zusammengepasst. Jetzt seien die Chancen besser; er nehme gerade neu Anlauf. Und er überlege, eine besonders absurd konstruierte städtische Brücke abzureißen; "doch das", sagt er, "wird das Problem nur verlagern, nicht lösen." Vorerst können die Anwohner nur hoffen, dass ihnen ein großes Hochwasser erspart bleibt. Und selbst verursachte Wasser-Hindernisse vorsorglich abräumen.

Fachmann Jens Götzinger hegt freilich - generell - Zweifel an der Einsicht von Hochwasser-Betroffenen und Politikern. Nur zu oft, sagt er, beobachte man in Risikogebieten ein Phänomen, das im Kollegenkreis "Hochwasser-Demenz" genannt werde: "Nach sieben Jahren ist alles vergessen."

> Weiterer Bericht folgt.

Nach dem Hochwasser 1993 - es war an der Saar ein 50-Jahre-Hochwasser, an der Blies ein 100-Jahre-Ereignis - haben Fachleute das Geschehen in der gesamten Region analysiert. Wo sind Flüsse und Bäche über die Ufer getreten? Wie weit haben sie sich ausgedehnt, wie hoch stand das Wasser? Wo möglich, sind damals überflutete Zonen zu Überschwemmungsgebieten erklärt worden, berichtet Jens Götzinger, Hochwasserschutz-Experte im Umweltministerium. Heißt: Dort darf nicht neu gebaut werden. Bebaute Gebiete, die seinerzeit unter Wasser standen, sind heute teilweise durch Dämme geschützt, Luisenthal etwa oder Ottweilers Altstadt.

Jetzt werden Hochwasser-Risiken neu kartiert, das schreibt eine EU-Richtlinie vor. Dabei wird international mit gleichem Maß gemessen. Beziehungsweise gerechnet: Die neuen Karten, die bis Jahresende erstellt sein müssen, zeigen, welche Folgen ein 100-Jahre- und ein noch höheres Extremhochwasser hätte.

Die saarländischen Risiko-Karten, die schon fertig sind, kann man sich im Internet anschauen. Sie zeigen die Gefährdung der Fluss- und Bach-Anrainer auf die Hausnummer genau, bis zum Maßstab 1:3000. Allerdings ist der Umgang mit den Karten für Laien nicht ganz einfach. Man muss sich hineinfuchsen und regelrecht damit üben.

Zu finden sind die Risiko-Karten über die Internetseite des saarländischen Umweltministeriums. Der verschlungene Weg zu ihnen geht so: Themenportal Wasser - Hochwasserschutz im Saarland - Hochwasserrisiko-Management-Richtlinie. Dann dem Link "Fachanwendung Hochwassergefahren im Saarland" folgen, nach unten zum "Viewer" scrollen und schließlich "Zur Anwendung Hochwasserschutz" anklicken. Und, einmal angekommen, unbedingt die Geduld wahren!

saarland.de/

ministerium_umwelt_

verbraucherschutz.htm



Von Karten umgeben: Hochwasser-Experte Jens Götzinger in seinem Büro. Foto: Dietze
Von Karten umgeben: Hochwasser-Experte Jens Götzinger in seinem Büro. Foto: Dietze FOTO: Dietze