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Erster Weltkrieg im Saarland
„Das Saarland entstand als eine Schicksalsgemeinschaft“

Professor Dr. Gabriele Clemens lehrt an der Universität des Saarlandes Neuere Geschichte und Landesgeschichte.
Professor Dr. Gabriele Clemens lehrt an der Universität des Saarlandes Neuere Geschichte und Landesgeschichte. FOTO: YAPH
Wie erlebten die Saarländer das Kriegsende? Just dazu entsteht am Saarbrücker Lehrstuhl von Professor Dr. Gabriele Clemens jetzt erstmals eine Dissertation. Sie lehrt seit 2007 Neuere Geschichte und Landesgeschichte an der Universität des Saarlandes. Wir sprachen mit ihr über die letzten Kriegstage in der Region. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Aus dem Krieg gibt es unzählige Zeugnisse, aber nach August 1918, als die ersten Truppen sich auflösten, reißt das ab. Die Forschungslage ist also dünn. Man weiß nur, dass alles erstaunlich geordnet ablief. Trotzdem mussten durch das Saarland hunderttausende Soldaten durch.


CLEMENS Das war so, trotzdem gab es wenig Chaos. Die Truppen wurden durch das eigene Land zurück geführt, marodierende Soldaten gab es in nennenswerter Zahl nicht. Wenn überhaupt, ereignete sich Gewalt gegen die Zivilbevölkerung eher an der Ostfront als an der Westfront.

Kann man beziffern, wie viele Saarländer gefallen sind?



CLEMENS Zurzeit liegt keine Zahl für das Saargebiet vor. Es lässt sich aber sehr gut für einzelne Orte erforschen, ich habe das für Wiesbach getan. Im Deutschen Reich wurden zehn Millionen meist sehr junge Männer eingezogen, in Wiesbach erhielten mehr als 300 einen Gestellungsbefehl. Damals lebten 2071 Menschen im Ort. Es ist davon auszugehen, dass jeder zweite Wiesbacher im wehrfähigen Alter zur preußischen Armee eingezogen wurde. Davon starben 61 entweder im Feld oder in Lazaretten. Diese Verlustquote ist im nationalen Vergleich eher gering, so dass vermutet werden darf, dass einige von den Eingezogenen bald wieder nach Wiesbach zurückkehren durften, weil sie dringend in der Gruben Göttelborn gebraucht wurden. Etwa 50 Prozent aller Gefallenen in der deutschen Armee war zwischen 19 und 24 Jahre alt, obwohl Soldaten im Alter von über 35 rund 30 Prozent der Mannschaften stellten, auf sie entfiel aber nur in Zehntel der Toten. Das hängt mit der höheren Risikobereitschaft der jungen Soldaten und mit deren Unerfahrenheit zusammen. In den Jahren 1917 und 1918 stellte die ohnehin kleine Gruppe der 18-20 Jährigen fast ein Viertel aller Gefallenen. Das Buch der Gefallenen und Vermissten für Wiesbach bestätigt die Tendenzen der überregionalen Forschung.

Wie sah im November 1918 die Versorgungslage aus?

CLEMENS Im ländlich geprägten Saarland besser als in deutschen Großstädten. Die Menschen haben nicht nur im Steckrübenwinter 2016/2017 gehungert. Deutschland war ein Importland für Lebensmittel. Im Krieg wurden die Höfe von Kindern und Frauen bewirtschaftet, die Pferde waren an die Front transportiert worden. Nahrungsmittel waren extrem knapp, die Menschen waren im November 1918 vor allem mit Überleben beschäftigt.

Wie muss man sich den 11. November 1918 in saarländischen Gemeinden vorstellen? War das überhaupt ein besonderer Tag, wusste man vom Waffenstillstand?

CLEMENS Dafür müsste man noch mehr lokale Mikro-Studien machen. Aber man darf mutmaßen, dass die Beamten über Telegraphen sehr schnell informiert waren, auch war die Tagespresse sehr schnell, es erschienen oft zwei Ausgaben pro Tag. Die Arbeiter- und Soldatenräte, sie sich in vielen saarländischen Orten gebildet hatten, die werden das alles schon sehr intensiv diskutiert haben, aber inwieweit es Lieschen Müller interessierte, das kann man kaum einschätzen. Ganz so überraschend kam die Niederlage für die deutsche Bevölkerung nicht, wie in der älteren Forschung behauptet. Und so unbeliebt war die Monarchie in breiten Kreisen überhaupt nicht. Eine breite revolutionäre Stimmung lässt sich nicht nachweisen.

Sie haben in einem Vortrag in der Saarbrücker Villa Lessing dieser Tage ausgeführt, dass selbst die Arbeiter- und Soldatenräte im Saarland nur mäßig umstürzlerisch veranlagt waren. Warum war das so?

CLEMENS Die Arbeiter hatten durch die Gruben und die Eisenindustrie seit 1870/71 einen steigenden Wohlstand erreicht. Die soziale Frage ist durch die Industrie gelöst worden. Viele Bergarbeiter kamen auch aus dem Krieg sehr schnell wieder zurück, um zu Hause die Versorgung zu sichern. Der Job in der Grube war eine Lebensversicherung. Der Katholizismus hat eine Rolle gespielt, um hier die Arbeiterbewegung klein zu halten. Staat und Hüttenbesitzer haben außerdem rigoros durchgegriffen. Im Saarland waren die Verhältnisse nicht so extrem wie andernorts, es gab nicht die Masse an Arbeitern wie etwa bei Thyssen. Und man weiß, dass der Hunger Menschen am stärksten radikalisiert. Der war hier zu Lande eben auch etwas abgefedert.

Den Begriff Saarland oder Saargebiet gibt es ja 1918 noch gar nicht. Empfanden sich die Menschen denn überhaupt als gemeinsame Gruppe oder definierten sie sich als Bayern und als Preußen?

CLEMENS Letzteres war der Fall. Es gab kein deutsches Heer, es gab vier, unter anderem ein preußisches und ein bayrisches, und diesen Gruppen fühlte man sich zugehörig. Die Menschen werden erst später, durch die zweimalige Sondersituation, zu Saarländern. Die besonderen Erfahrungen ab 1920, die Völkerbund-Zeit, und die Situation ab 1945, machten die Saarländer zu Saarländern. Die Jahre 1920 bis 1935 erlebte man als massives Unrecht, das von US-Präsident Wilson propagierte Selbstbestimmungsrecht der Völker fand keine Anwendung. Das Saargebiet wurde abgetrennt vom Deutschen Reich, und man war auch nicht eingebunden in den Demokratie-Prozess der Weimarer Republik. Nicht zu vergessen, dass die Franzosen ab 1920 mit großer Arroganz auftraten. Man fühlte sich bestraft. Das führte zu einer Solidarisierung. Man wächst schlicht durch die gemeinsamen Erfahrungen zusammen, es ist eine Schicksalsgemeinschaft.
Interessant ist auch, dass die Bürger dachten, sie würden 1935, nach der „Heim-ins-Reich“-Abstimmung wieder aufgeteilt wie vor dem Ersten Weltkrieg, nämlich in preußische und bayrische Verwaltungseinheiten. Doch die Nationalsozialisten haben das Saarland als Sondereinheit als „Reichsland“ bestehen lassen.

Zuvor hatten schon die Franzosen das Gebiet als Einheit gesehen und wollten es als solches annektieren. „Das Saarbecken“ taucht ja dann auch im Versailler Vertrag auf.

CLEMENS Ja, sie wollten es bereits am 11.11. dauerhaft haben, das war eine Maximalforderung, nicht als 15-jährige Übergangslösung, das war die Kompromissformel. Die Franzosen sahen das Land als Wirtschaftseinheit, denn man wollte Reparationen nach dem Motto „le boche payera tout“ (Der Deutsche wird alles bezahlen). Die Franzosen interessierte deshalb nur die Zone der Bergwerke und der Industrie und zusätzlich noch die umliegenden Gebiete, aus denen die Arbeiter einpendelten, etwa der Hochwald. Das Saargebiet wurde nur nach diesen Kriterien definiert.

Das Gespräch führte Cathrin Elss-Seringhaus.