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Das Nichts

Der PhysikerMarc Bienert ist Quantenphysiker an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken.Herr Bienert, was ist Nichts?Bienert: Das ist für die Physik sehr schwer zu sagen. Die Physik beschäftigt sich ja mit der beobachtbaren Welt und dort gibt es eben immer irgendwelche messbaren Effekte

Der Physiker



Marc Bienert ist Quantenphysiker an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken.

Herr Bienert, was ist Nichts?

Bienert: Das ist für die Physik sehr schwer zu sagen. Die Physik beschäftigt sich ja mit der beobachtbaren Welt und dort gibt es eben immer irgendwelche messbaren Effekte. Selbst wenn man aus einem Raumvolumen alles herausnimmt, was man nur herausnehmen kann - Materie, Energie, Strahlungen -, entstehen in diesem scheinbar absolut leeren Raum trotzdem immer wieder neue messbare Teilchen und damit beobachtbare Effekte.

Dann gibt es also überhaupt gar kein Nichts in der Physik?

Bienert: Nein, eigentlich nicht. Nicht innerhalb des Universums; das Universum ist sozusagen gegen Nichts. Selbst für die vom Menschen noch niemals erforschten Bereiche des Universums gibt es keine Theorie, nach der irgendwo rein gar nichts existiert. In diesen Bereichen ist die Physik ja noch spekulativ. Aber egal, was man alles aus einem Raumvolumen entfernen würde: Am Ende wären wenigstens Raum und Zeit noch immer übrig. Nach der String-Theorie sind Raum und Zeit eventuell selbst auch Teilchen; theoretisch könnte man die dann auch noch entfernen. Aber es entstehen ja auch immer wieder neue Teilchen, sodass es nie nichts gibt.

Was ist mit einem Vakuum? Oder mit einem Schwarzen Loch?

Bienert: Selbst ein Vakuum ist für einen Physiker nicht wirklich leer. Im Vakuum gibt es noch immer messbare Effekte. Stellt man im Vakuum zwei Metallplatten parallel gegenüber, dann ziehen sie sich an - auch das ist mit einem Kraftmesser, einer Feder etwa, messbar, obwohl zuvor alle Teilchen aus dem Raum entfernt worden sind. Und auch ein Schwarzes Loch ist keineswegs Nichts, sondern Masse! Was schwarz erscheint, ist eigentlich die Oberfläche wie die einer Kugelschale. Das Loch selbst ist eine einseitige Membran, durch die man theoretisch auch hindurch fallen kann. Aber selbst auf der anderen Seite würde man ein Universum vorfinden - und nicht nichts.

Der Theologe

Benedikt Welter ist Dechant des Dekanates Saarbrücken.

Herr Welter, was ist Nichts?

Welter: Für den Theologen ist das Nichts die Ausgangssituation der Creatio ex nihilo, also das, woraus Gott alles geschaffen hat. Das Nichts impliziert den positiven Gedanken der Schöpfung und es ist unser Glaube daran, dass es keine ewige Materie gibt, dass also nichts außer Gott schon immer da gewesen ist.

Dann ist das Nichts in der Theologie also negativ besetzt?

Welter: Ja, das stimmt, so könnte man das ausdrücken. Nichts ist für uns ein Kontrabegriff, in dem sich alles sammelt, was wir nicht wollen, sozusagen. Nichts ist die Negation von Sein, also von Leben. Und wir streben ja schließlich nach Leben! Der Teufel etwa als der Vernichter - in diesem Begriff steckt das "Nichts" ja auch mit drin - verkörpert das Nichts, das nicht Sein, also den Tod. Und die Gläubigen sagen: Selbst nach meinem Tod kann dieses Nichts nicht auf mich zugreifen.

Dann gibt es in der Theologie seit der Schöpfung also gar kein Nichts mehr?

Welter: Nein, aus dem Nichts ist durch den Akt der Schöpfung eine Fülle geworden. Das Nichts besteht für uns heute nur noch als relativer Begriff und als Unterlassen: Das Unterlassen von Gutes tun ist nichts tun.

Der Psychologe

Ralf Rousseau ist Psychologe und Psychotherapeut in Saarbrücken und lehrt in Meditations-Seminaren das Nichtstun.

Herr Rousseau, was ist Nichts?

Rousseau: Nichts ist für den Menschen in erster Linie einmal nichts tun. Und das besteht darin, unseren alltäglichen, unseren immer andauernden Gedanken- und Verhaltensstrom zu unterbrechen. Im Alltag tun wir immer etwas - und sind bei der einen Sache in Gedanken sogar schon dabei, die nächste zu planen! Ob wir arbeiten, Auto fahren oder fernsehen - ständig ist da Input, Input, Input für unser Gehirn. Dabei ist Nichtstun für uns lebenswichtig.

Dann ist Fernsehen also gar nicht nichts tun?

Rousseau: Nein! Auch beim Fernsehen sind wir ständig unseren Gedankenströmen ausgesetzt und unser Gehirn muss immer wieder neue Informationen verarbeiten, durch die Bilder, die wir sehen, und die gesprochenen Wörter und Geräusche, die wir hören. Es bedarf aber nicht nur dem äußerlichen, körperlichen Nichtstun, sondern wir müssen innerlich ruhig werden.

Wie kann man im Alltag denn Nichtstun und wie viel Nichts pro Tag empfehlen Sie denn?

Rousseau: Einen Teil Nichtstun bekommen wir ja geschenkt in der Nacht: den Schlaf. Ansonsten ist Nichtstun eine Kunst, die man erst erlernen muss. Meditieren etwa ist Nichtstun auf hohem Niveau. Für Ungeübte ist gerade Stille sehr wichtig fürs Nichtstun, weil sie sonst schnell abgelenkt werden. Ein Waldspaziergang etwa kann Nichtstun sein.

Im Alltag nehmen wir uns selbst hauptsächlich durch unsere Gedanken wahr; beim Nichtstun stellen wir die ab und lenken unsere Wahrnehmung nach innen, spüren uns selbst, unseren Atem, unseren Körper. Die Natur kann dabei helfen.

Die Dauer ist schwer festzulegen. Eine Viertelstunde am Tag sollte es schon sein. Wenn das nicht klappt: Eine Minute lang mal Augen schließen und durchatmen ist immer noch besser als gar nicht Nichtstun.Foto: M. Bienert

Foto: B. Welter