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Neues Kongressmessenzentrum in Saarbrücken
Das Messezentrum Saar bleibt ein Zankapfel

Eine Multifunktionshalle könnte das Grün verdrängen. Der Saarbrücker Bürgerpark käme durch eine Rockhalle neben der Congresshalle in Gefahr.  
Eine Multifunktionshalle könnte das Grün verdrängen. Der Saarbrücker Bürgerpark käme durch eine Rockhalle neben der Congresshalle in Gefahr.   FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Die Congresshalle soll erweitert werden: nur wie und wo? Die Standort-Debatte ist neu entfacht. Am Montag debattieren Experten. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Altbackene Saarlandhalle! Krise der Großveranstaltungen! Verjüngungs-Strategien für die Saarmessen! Saarphilharmonie! Seit über zehn Jahren  tönen Alarm- und Wunschrufe durchs Land. Die einzige Konstante beim Neuordnen der Event- und Messe-Aktivitäten, es war das Nichtvorankommen der Politik. Vor zwei Jahren kam durch die Schließung des Messegeländes am Schanzenberg nochmal Dampf in den Kessel, der Auftrag eines neuen Messezentrums landete im Koalitionsvertrag von SPD und CDU. Doch Handwerkskammer und Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) kritisierten noch 2017: Untätig und planlos sei die Politik. Ist sie das bis heute? Ist der Baudezernent der Stadt Saarbrücken eingenickt? Im Gegenteil. Auf Nachfrage teilt Dezernent Heiko Lukas (parteilos) mit, man stehe kurz vor dem Standortbeschluss für das Stadt-Land-Gemeinschaftsprojekt „Kongress-Messe-Zentrum“, das im Kern die Erweiterung der Congresshalle bedeute. Ein Gutachten (Bedarf, Verkehr, Gebäude) liege vor, nach der Sommerpause werde man den innerstädtischen Standort endgültig bestimmen. Laut Lukas gibt es aus städtischer Sicht nur zwei sinnvolle  Optionen, um  zusätzliche Ausstellungs- und Veranstaltungsflächen zu gewinnen: Zum einen wäre ein Ergänzungs-Anbau möglich. Die Platzierung: auf der aktuellen Parkfläche, zusätzlich müssten Teile des gestalteten Vorplatzes weichen. Die zweite Möglichkeit liegt laut Lukas der Congresshalle gegenüber, in Alt-Saarbrücken. Auf dem Totoparkplatz würde ein Hallen-Neubau mit Tiefgarage entstehen, ein Fußgänger-Steg über die Saar gewährleiste die Verbindung mit der Congresshalle. Dieses Modell basiert auf dem Entwurf des Architektenbüro-Trios Kollmann/Schweitzer-Ingenieure/Latz und Partner. Egal, wo gebaut wird: Vor Jahren kursierende Kostenschätzungen von 35 Millionen Euro dürften überholt sein.


Doch beim Thema Kongresszentrum geht es um mehr als um Messe-Wirtschaft und Kongresstourismus. Es geht um ein ausstrahlungsstarkes Saarland und um eine wettbewerbsfähige Landeshauptstadt in der Großregion. Deshalb hat sich ein Wunschkonzert rund um das Projekt erhoben. Denn die Congresshalle dient aktuell ja  auch als Konzerthaus für das Staatsorchester und die Deutsche Radiophilharmonie. Im neuen Kongress-Messe-Zentrum wären für solche Mitnutzungen mutmaßlich kein Platz mehr. Also wohin mit den Konzerten? Diverse (Förder-)Kreise bringen immer mal wieder neue Event-Orte ins Gespräch. Zuletzt sollte der Klassik-Konzertsaal, die Saarphilharmonie, auf dem Gelände der früheren Becker-Farbenfabrik (Becolin) stehen. Ganz neu auf der Kultur-Landkarte ist nach SZ-Recherchen ein spartenübergreifendes Musikzentrum mit Proberäumen für Bands und Musiker und einem Club/Konzertraum. Über diese Idee will derzeit niemand offensiv sprechen, aber in Modellen steht dieses Zentrum bereits – am Silo im Osthafen.

Kurz: Wer Messe-Konzept sagt, meint vor allem auch neue Bau-Großprojekte. „Wir müssen wieder mutiger werden im Denken und selbstbewusster im Handeln“, meint der Vorsitzende des Saarbrücker Städtebaubeirates Luca Kist (HDK Landschaftsarchitekten). Er hält die Saarländer ohne Not durch die Museumspavillon-Affäre für großprojekt-traumatisiert. Kist verweist auf die  Hamburger, die die Elbphilharmonie trotz einer hundertfachen Kostensteigerung uneingeschränkt als neues Stadt-Wahrzeichen feierten. Kist wird am Montag bei einer Veranstaltung der Kulturpolitischen Gesellschaft zu Gast sein. Der Titel: „Denkverbot oder Zukunftschance? Wir brauchen ein modernes, leistungsfähiges Kongresszentrum“. Kist sieht viele Akteure mit widerstreitenden Interessen und Ideen am Start, niemand steuere den Prozess.  Er plädiert für einen „Masterplan der Stadtentwicklung“ und dafür, spektakuläre Bauvorhaben „wieder salonfähig“ zu machen. Wer ein Helmholtz-Zentrum ins Land hole, müsse sich auf höhere kulturelle und architektonische Ansprüche einstellen.



Ähnlich sieht dies Stefan Ochs, Architekturprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Auch er wird am Montag zu Gast sein – als Gegenstimme zu den von der  Stadt favorisierten Standort-Lösungen? Denn Ochs hat eine weitere Idee auf Lager, eine westlich an die Congresshalle angedockte große Multifunktionshalle, eine Rockhalle nach Luxemburger Vorbild, die auch für Klassikorchester  offen stünde. Der Nachteil: Dafür müsste der Bürgerpark Grünflächen abgeben. Bereits 2016 lief gegen solcherart Eingriffe eine „Initiative Bürgerpark“ Sturm: Man dürfe diesen einzigartigen postindustriellen Park nicht antasten.

Veranstaltung am 18. Juni, 20 Uhr, im SZ-Forum, Eisenbahnstraße, Saarbrücken.