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Glasmalerei
Die Retter der Kirchenfenster

Kirchenfenster spiegeln häufig die Geschichte einer Region wider: Im Saarland finden sich viele Bezüge zum Bergbau, wie hier in der Kirche St. Martin in Nohfelden-Neunkirchen. Das Fenster, das die Patronin der Bergleute, die Heilige Barbara, zeigt, wurde in den 1930er Jahren angefertigt.
Kirchenfenster spiegeln häufig die Geschichte einer Region wider: Im Saarland finden sich viele Bezüge zum Bergbau, wie hier in der Kirche St. Martin in Nohfelden-Neunkirchen. Das Fenster, das die Patronin der Bergleute, die Heilige Barbara, zeigt, wurde in den 1930er Jahren angefertigt. FOTO: Annette Jansen-Winkeln/Forschungsstelle Glasmalerei e.V. / Annette Jansen-Winkeln
Neunkirchen/Mönchengladbach . Ein Ehepaar aus Nordrhein-Westfalen will die bedrohte Glasmalerei retten – und fotografiert sämtliche Kirchenfenster des Saarlands. Von Nora Ernst
Nora Ernst

Schräg fällt die Herbstsonne durch das Kirchenfenster und lässt die roten Flammen auf dem weißen Boden tanzen. „Feuersäule in der Wüste“ ist der Titel der Bibelszene auf der Glasfront, die eine ganze Wand einnimmt. Gott, der das Volk in der Nacht führt. Routiniert baut Annette Jansen-Winkeln ihr Stativ auf und knipst das Fenster, dann das nächste. Jedes einzelne der Paul-Gerhardt-Kirche in Neunkirchen-Wellesweiler hält die Kunsthistorikerin fest, während ihr Mann Ernst Jansen-Winkeln, ein ehemaliger Architekt, die Kirche abschreitet, Maße vor sich hinmurmelnd, und einen groben Grundriss zeichnet.


Es ist die 14. Kirche an diesem Tag, vier weitere stehen noch aus. Sie sind erschöpft, die Mittagspause mussten sie ausfallen lassen, ein Pfarrer, der ihnen aufsperren sollte, ließ auf sich warten. Umso ärgerlicher, als die Tour straff durchgeplant ist: 13.15 Uhr Paul-Gerhardt-Kirche, 15 Minuten Arbeitszeit; 13.30 Uhr Stengelkirche Wellesweiler, 15 Minuten Arbeitszeit...

Das Ehepaar, sie 63, er 81 Jahre alt, ist eigens aus Mönchengladbach angereist. Seit Jahrzehnten haben sie sich der Glasmalerei verschrieben, einer unterschätzten Kunstform. Denn Kirchenfenster sind so viel mehr als nur Fenster, oft sind es farbenglühende Szenen, die den Raum in atmosphärisches Licht tauchen, meist gespendet von Gemeindemitgliedern und damit Ausdruck ihrer Verbundenheit zur Kirche, aber auch ihrer Sitten und Vorlieben. „In der Glasmalerei stellt sich nicht nur die Kunst dar, sondern auch die allgemeine Geschichte und Kultur“, sagt Annette Jansen-Winkeln. Doch die Kirche zieht immer weniger Menschen an, die Fenster und ihre Bedeutung geraten in Vergessenheit. Immer mehr Kirchen, die nicht unter Denkmalschutz stehen, droht die Profanierung oder gar der Abriss.



1993 gründete das Ehepaar die Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts, vor zwei Jahren kam eine europäische Akademie hinzu. Sie wollen die Kulturgüter bewahren, und zwar flächendeckend. 2004 begannen sie damit, sämtliche Kirchen in Nordrhein-Westfalen, in der niederländischen Provinz Limburg und in Luxemburg anzufahren, über 100 000 Werke fotografierten und dokumentierten sie, stellten Fotos und Grundrisse ins Internet und veröffentlichten sie in 44 Bänden – eine Datengrundlage für weitere Forschungen.

Nun wollen sie die alte Rheinprovinz erfassen, zu der auch das Saarland zählt. 120 Kirchen haben sie in den vergangenen drei Wochen abgeklappert, schon jetzt ist Annette Jansen-Winkeln begeistert, allein angesichts der Dichte: 650 Kirchen und Kapellen bei knapp einer Million Einwohnern. Und nicht nur das: Im Saarland finden sich auch ungewöhnlich viele Bleiglasfenster in Privathäusern, Rathäusern und Krankenhäusern.

Es ist kein Hobby, keine Arbeit, es ist ein Lebenswerk. Angefangen hat alles mit dem Vater des 81-Jährigen, Ernst Jansen-Winkeln, ein berühmter Glasmaler, über den sie in Saarbrücken promovierte. Trotz aller Begeisterung: Es ist ein mühseliges Unterfangen. Die eigentliche Arbeit beginnt, wenn sie von ihren Touren in ihr Haus bei Mönchengladbach zurückgekehrt sind: Stundenlang wälzt die 63-Jährige Werkverzeichnisse von Künstlern, um herauszufinden, wer die Fenster entworfen hat. In der Paul-Gerhardt-Kirche hat sie Glück: Ein kleiner Zettel verrät, dass der Heidelberger Künstler Harry MacLean die Fenster 1962 und 1977 gestaltete.

Der Kontrast zur nächsten Kirche könnte kaum größer sein: Es ist die Stengelkirche in Wellesweiler, gut 260 Jahre alt. Sie ist schon lange profaniert, seit in den 60er Jahren ein größeres Gotteshaus ganz in der Nähe gebaut wurde. Heute steht sie unter Denkmalschutz, doch zwischenzeitlich drohte ihr der Abriss. Kein Einzelfall: Etliche Fenster haben die Jansen-Winkelns vor der Zerstörung bewahrt, 650 lagern im Keller ihres Hauses. „Wenn den Gemeindemitgliedern ihre Kirche genommen wird, wird ihnen auch ihre Geschichte genommen“, sagt sie. In den Fenstern der Stengelkirche etwa spiegelt sich die Bedeutung des Bergbaus für die Region wider. Sie sind schlicht gehalten, milchig-weiß mit blauem Rand, in der Mitte Porträts und Symbole, unter anderem Schlägel, Eisen und Grubenlampe.

Immer wieder stoßen die Jansen-Winkelns auf solche regionalen Besonderheiten. Die Menschen hinterlassen ihre Spuren in den Werken, an ihnen lässt sich der Zeitgeist einer Generation ablesen. Ein besonders amüsantes Beispiel fanden sie auf einem Bleiglasfenster aus dem Jahr 1958 in Gelsenkirchen-Schalke. Dort trug der Heilige Aloysius Fußballschuhe, zu seinen Füßen ein Lederball – eine Erinnerung daran, dass Schalke 04 in dem Jahr die Deutsche Meisterschaft gewonnen hatte.

Der nächste Termin wartet: die Dreifaltigkeitskirche in Wiebelskirchen. Sie rüttelt an der Klinke des Hauptportals. „Die machen sie für dich nicht auf, nur für den Bischof“, scherzt er. Durch die Hintertür gelangen sie ins Innere, drinnen verschlägt es ihnen kurz die Sprache. Die Kirche, die von außen grau, fast schmuddelig wirkt, erschlägt einen mit ihrer Pracht, jeder Winkel der Decke ist ausgemalt. „Wahnsinn“, sagt sie, den Kopf in den Nacken gelegt. „Die Menschen müssten gar nicht nach Frankreich fahren, um Kathedralen zu besichtigen. Hier gibt es so tolle Kirchen.“

Wer das Ehepaar ein Stück auf seiner Tour de Force begleitet, dem wird erst bewusst, welche Schätze sich hinter manchem Kirchenportal verbergen, an denen man oft achtlos vorübergeht, wie abwechslungsreich und vielfältig die Glasmalerei ist.

Ihr Projekt finanzieren die Jansen-Winkelns großteils aus eigener Tasche. „Die Kirche hat uns nie einen müden Cent gegeben“, erzählt er. In Nordrhein-Westfalen hat die Landesregierung ein Drittel ihrer Kosten übernommen. Auch mit dem saarländischen Kulturminister haben sie ein Treffen vereinbart. Ums Geld geht es ihnen aber gar nicht. „Wir wollen ihn zum Überzeugungstäter machen“, sagt er verschmitzt. Denn nur wer sich bewusst sei, was für einen Schatz es hierzulande gebe, sei auch bereit, ihn zu schützen.

Unermüdlich fährt das Ehepaar Ernst und Annette Jansen-Winkeln von Gotteshaus zu Gotteshaus – hier bei einem Zwischenstopp in der Kirche Heilige Familie in Neunkirchen-Hangard.
Unermüdlich fährt das Ehepaar Ernst und Annette Jansen-Winkeln von Gotteshaus zu Gotteshaus – hier bei einem Zwischenstopp in der Kirche Heilige Familie in Neunkirchen-Hangard. FOTO: BeckerBredel