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Projekt gegen Cybergrooming
Damit Kinder im Netz die Sex-Falle erkennen

Oft vertrauen Kinder ihrer Internet-Bekanntschaft blind und lassen sich auf Treffen ein.
Oft vertrauen Kinder ihrer Internet-Bekanntschaft blind und lassen sich auf Treffen ein. FOTO: burdun/Fotolia
Saarbrücken. Im Internet erschleichen sich Täter das Vertrauen von Kindern, um sie später zu missbrauchen. Ein neues Programm klärt in Schulen über die Gefahren des Cybergrooming auf. Von Ute Kirch
Ute Kirch

Eigentlich wollte Julian (Name geändert) nur ein bisschen auf der Playstation zocken. Besonders „Minecraft“, bei dem die Spieler Rohstoffe abbauen und gegen Monster kämpfen, hat es dem Elfjährigen angetan. Dabei können Spieler weltweit gegeneinander antreten und neben dem Spielverlauf auch miteinander chatten. Dabei freundet Julian sich mit einem Jugendlichen an und tauscht mit ihm die Handynummer aus.


Was harmlos beginnt, hat schlimme Folgen: Der Ältere – die wahre Identität ist bis heute unbekannt – schickt ihm über WhatsApp Sex-Filme und pornografisches Material. Er setzt Julian unter Druck, ihm Nacktfotos und Videos zu schicken. Julian plagen Alpträume und Angstzustände. Doch er lässt sich nicht erpressen und vertraut sich seinen Eltern an. Gemeinsam suchen sie Hilfe bei Phoenix, einer Beratungsstelle der Awo für Jungen. „Ihm wurde sexuelle Gewalt angetan“, sagt der Diplom-Psychologe Marco Flatau.

Nicht alle Kinder schafften es, dem Druck des vermeintlichen Freundes zu widerstehen. Flatau und seine Kollegen kümmern sich um Fälle, in denen die Jungen Nacktfotos geschickt haben. Aus Scham heraus trauten sie sich erst spät, Hilfe zu suchen.



Diplom-
Psychologe 
Marco Flatau
Diplom- Psychologe Marco Flatau FOTO: Flatau/Phoenix

Das gezielte Anbahnen einer sexuellen Straftat aus dem Internet heraus wird in Fachkreisen Cybergrooming genannt. Schlagzeilen machte 2016 der Fall eines Zwölfjährigen aus der Schweiz, der von einem Mann aus dem Ruhrgebiet entführt und missbraucht wurde. Er hatte zuvor den Jungen via Internet emotional abhängig gemacht.

„Die Gefahr, online und über neue Medien im Kindesalter sexuell belästigt oder angegriffen zu werden, ist in den letzten Jahren dramatisch angestiegen“, sagt Flatau. Bei der Präventionsarbeit an weiterführenden Schulen hätten ihm Kinder vermehrt über Angriffe via Smartphone und Internet erzählt. Da altersgerechtes Aufklärungsmaterial dazu fehlte, hat der Psychologe selbst ein Konzept entwickelt, mit dem Kinder über die Strategien der Täter aufgeklärt werden.

In Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und den Schoolworkern des Saarpfalz-Kreises hat der 44-Jährige Ende 2017 testweise die ersten Schulen besucht. Seit Januar ist das Präventionsprogramm nun offiziell gestartet und steht allen Schulen saarlandweit offen. „Zunächst richtet sich das Programm an Kinder der Klassen fünf bis sieben. Mitte des Jahres wollen wir ein altersgerechtes Angebot für Viertklässler anbieten“, sagt Marco Flatau. Denn bereits ein Viertel der Viertklässler besitze Smartphones, die meisten bekämen eines mit dem Wechsel zur weiterführenden Schule. „Da wäre es gut, wenn die Kinder schon über die Gefahren aufgeklärt sind“, sagt der Psychologe.

Die bisherigen Besuche in den Klassen hätten deutlich gemacht, wie unbedarft Kinder im Internet unterwegs seien. „Das Ziel der Doppelstunde ist es, Kinder zu stärken“, sagt Flatau. Er will ihnen einen sensiblen Umgang mit ihren persönlichen Daten vermitteln. Mit kurzen Videos zeigt er ihnen, wie Täter den Kontakt zu Kindern suchen.

Der Berater unterscheidet zwischen zwei Täter-Typen. Die einen bombardierten die Kinder mit sexuellen Anfragen und versuchten so, möglichst viele Kinder zu erreichen. Sie sammelten in erster Linie das Material – also Nacktfotos und Videos. „Daneben gibt es die Täter, die auf einen Kontakt in der realen Welt hinarbeiten, um dort körperliche sexuelle Übergriffe zu begehen.“ Dazu nutzten sie das Internet, um eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen. Dafür machen sie ihnen auffallend viele Komplimente, etwa für schöne Fotos oder den guten Musikgeschmack. Balsam für Kinderseelen, die emotional vernachlässigt werden und auch in der Schule keine positive Bestätigung erhalten.

„Wir zeigen ihnen, bei welchen Beratungsstellen Betroffene Hilfe bekommen können und dass sie nicht die einzigen sind, denen so etwas passiert“, sagt Flatau. Nach der Doppelstunde biete er persönliche Beratung an. Dann könnten Schüler einzeln oder zu zweit mit ihm sprechen, sodass sie ihre Notlage nicht vor der gesamten Klasse schildern müssten.

Zum Programm gehöre aber auch, Eltern und Lehrer in Form von Elternabenden und Fortbildungen zu sensibilisieren. „Eltern haben oft nicht auf dem Schirm, wie vielfältig die Möglichkeiten für Täter sind, im Internet Kinder zu belästigen“, sagt der Psychologe und appelliert an Eltern, mit ihren Kindern mehr darüber zu reden, was sie im Internet machen. „In der sechsten und siebten Klasse haben alle schon im Internet Pornographie gesehen. Das wird Spuren in ihrer Sexualentwicklung hinterlassen.“ Von strikten Verboten hält er nichts. Dann würden Kinder Vieles heimlich machen und hätten noch größere Hemmungen, sich im Schadensfall anzuvertrauen.

„Den Tätern geht es um Macht und um sexuelle Befriedigung. Viele fühlen sich im Internet sicher vor Strafverfolgung. Nicht völlig zu Unrecht, denn viele Opfer scheuen vor einer Anzeige zurück“, sagt Flatau. Wie viele Kinder betroffen sind, sei noch unerforscht. „Aus eigener Arbeit mit den Kindern scheinen fast die Hälfte – zirka 46 Prozent – aller Schüler und Schülerinnen, die ein Smartphone besitzen, schon mal ein ‚ekliges Bild’ oder eine ‚dumme Anmache’ über das Smartphone bekommen zu haben“, sagt er. Die Täter seien nicht zwangsläufig Erwachsene.

Im Fall von Julian hält es Flatau aufgrund der Ausdrucksweise in den Chats für wahrscheinlich, dass es sich um einen älteren Jugendlichen handelt. Wie Kinder das Erlebte verarbeiten, sei unterschiedlich. Julian belasten die Bilder, die er gesehen hat, nach wie vor stark. Seine Eltern erwägen, für ihn eine Psychotherapie zu beantragen.

Eltern und Schulen, die am Programm „Kinder stärken – Schutz vor sexualisierter Gewalt aus den Neuen Medien“ interessiert sind, können sich an Marco Flatau wenden unter Marco.flatau@lvsaarland.awo.org oder unter Tel. (06 81) 76 19 685