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Selbsthilfe
Damit es nach der Amputation weitergeht

Seit fast zehn Jahren schon setzt sich Ilona-Maria Kerber unermüdlich für die Interessen von Menschen mit einer Amputation ein.
Seit fast zehn Jahren schon setzt sich Ilona-Maria Kerber unermüdlich für die Interessen von Menschen mit einer Amputation ein. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Ilona-Maria Kerber aus Saarbrücken setzt sich seit Jahren für Menschen ein, die Arm oder Bein verloren haben. Und kämpft für eine unabhängige Beratung: So sollen Betroffene bestmögliche Prothesen bekommen. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Es fällt schwer, von Ilona-Maria Kerber nicht überzeugt zu werden. Äußerlich mag die 73-Jährige ein Persönchen sein, ihre Resolutheit aber zählt für zehn. Und mancher Krankenkassen-Mitarbeiter zuckt wohl schon zusammen, sieht er bloß ihre Telefonnummer im Display. Bei Kerber aber ist es eigentlich immer wichtig: Weil Menschen, die Hand, Fuß oder gar ein ganzes Bein verloren haben, wieder im wahrsten Sinne des Wortes voll im Leben stehen sollen. Dafür streitet sie. Und das Motto der ampuLag Saar, der Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen für Menschen mit Amputation, „Bewegen statt Behindern“ nämlich, hat sie zu ihrem Credo gemacht.


Kerber, der nach einem Reitunfall der linke Unterschenkel abgenommen werden musste, war vor neun Jahren Mitbegründerin des Ganzen. Und sie hält die Gemeinschaft als hochtouriger Motor am Laufen. Die eigene Amputation und fast fünf Dutzend Klinikaufenthalte haben sie nicht umgehauen, sondern erst recht zur Kämpferin geformt. Der Geschwindschritt blieb ihr Lieblingstempo, schnelles Autofahren ihre Passion. Und wenn ihr der „Papst der Orthopädie-Technik“ sagt, bei ihrem Gang ahne man die Prothese nicht mal, zaubert das ein Lächeln in ihr Gesicht.

Rund 110 Menschen treffen sich in den vier übers Land verteilten Gruppen der ampuLag zum Austausch, bieten aber auch Beratung und Hilfe an. „Jeder Verein freut sich, wenn er wächst, wir nicht“, meint Kerber. 50 bis 60 Amputationen werden jährlich in saarländischen Kliniken vorgenommen. Früher waren vorwiegend Unfälle, gerade solche auf der Arbeit, Gründe dafür. Heute, so Kerber, seien es häufiger die Folgen einer Erkrankung – Diabetes, Gefäßleiden, auch Krebs –, die eine solche OP fordern. Just die Herren machen Kerber Kummer. „Gerade die älteren Männer gehen ja oft erst zum Arzt, wenn der Fuß schon total blau ist.“ Schon deshalb stehen auch Prophylaxe und Aufklärung auf der Agenda der Selbsthilfeorganisation ganz oben. Wenn Kerber & Co aber etwa die Gesundheitsmesse in St. Ingbert ansteuern, machen viele einen Bogen um den Stand der ampuLAG. Natürlich wolle sich niemand vorher mit dem Thema auseinandersetzen, das ist Ilona-Maria Kerber auch bewusst. Aber auch deshalb wachen Patienten nach einer Amputation mit einem doppelten Schock auf. Nicht nur der Verlust des Körpergliedes schmerzt, die gänzlich unerwartete Situation, die Frage, wie’s weitergehen soll, drückt schwer wie Blei.



Hier versucht die ampuLAG sofort helfend da zu sein. „Mit den meisten Krankenhäusern haben wir eine gute Zusammenarbeit, werden gleich informiert“, sagt die Vorsitzende. Kerber eilt oft sogar selbst in die Klinik. Dann hat sie einen „AmpuRucksack“ dabei – mit viel Infomaterial, Pflege- und Hilfsmitteln. Das Wichtigste aber ist wohl ihr Rat. Ihr unabhängiger Rat. Üblicherweise nämlich arbeiten Kliniken nur mit einem Sanitätshaus, einem Orthopädie-Techniker zusammen. Und der empfiehlt und liefert dem frisch Operierten eben eine Prothese jenes Herstellers, mit dem er kooperiert. Was aber nicht die beste Lösung sein muss, moniert Kerber. Oft fehle es schlicht an der Kenntnis der Alternativen und der Möglichkeit zum Ausprobieren. Was für den einen ideal sein mag, tut einem anderen weh, passt nicht richtig und verhindere, dass der Betroffene seine Beweglichkeit zurückgewinne. Die Folge: Manche Amputierte schotten sich mangels Mobilität noch weiter vom Leben ab. Dabei gibt es für jeden eine passende Prothese, ist Kerber überzeugt. „Unabhängige Beratung“ durchzusetzen, idealerweise von den Kassen finanziert, aber nicht gesteuert, zählt daher zu den großen Zielen der ampuLAG.

Zudem würden die Prothesen immer ausgefeilter. Solche, die sich etwa per Knopfdruck an diverse Absatzhöhen von Schuhen anpassen, sind mittlerweile normal, sagt Kerber. „Die Technik der Prothesen wird immer besser, die Kassen aber werden immer geiziger“, ärgert sie sich. So bleibe viel zu tun, um Betroffene zu unterstützen, ihre Rechte durchzusetzen. Oder auch nur die Trommel zu rühren. Trotz etlicher Kinder mit Amputation oder Gliedmaßenfehlbildung im Saarland, sei es noch nie gelungen, dass mal ein Kind aus den Saarland am Jugendcamp teilnimmt, das der Bundesverband für Menschen mit Arm- und Beinamputation anbietet (siehe Info). „Dabei ist das kostenlos“, sagt Kerber, aber als kleine Selbsthilfeorganisation finde man viel zu wenig Gehör.

Und solange unabhängige Berater fehlen, stemmt die Gruppe selbst regelmäßig Infotage. Am 7. April ist es wieder soweit. Dann gibt es im Saarbrücker Senioren-Informationszentrum an der Römerbrücke wieder einen Tag mit praktischen Übungen, einer Prothesen-Gehschule und der Chance, sich Angebote verschiedener Hersteller anzuschauen, zu probieren.

Jeder dieser Beratungstage aber bedeutet auch einen Kraftakt: die Organisation, das Klinkenputzen bei Kassen und sonstigen Geldgebern, um die nötigen Euro zusammenzukratzen. Oft ein mühsames Unterfangen, klagt Ilona-Maria Kerber, die ihr Ehrenamt als Fulltimejob betreibt, 40-Stunden-Wochen sind normal. Wie lange sie das noch so machen kann? Leider sei kein Nachfolger in Sicht, sagt sie ein bisschen müde. Aber dann ist sie schon wieder unterwegs – im Geschwindschritt für die ampuLAG Saar.

Aktionstag der ampuLAG Saar: 7. April, ab 9 Uhr, im Senioren-Informationszentrum, an der Römerbrücke 19, Saarbrücken. Anmeldung und Info unter Tel. (06 81) 4 01 65 74.