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Tag der Organspende
Bachmann gegen Organspende-Pflicht

Gegenläufig zum alarmierenden Bundestrend sind im Saarland die Organspenderzahlen 2017 gestiegen.
Gegenläufig zum alarmierenden Bundestrend sind im Saarland die Organspenderzahlen 2017 gestiegen. FOTO: dpa / Soeren Stache
Saarbrücken . Ministerin Monika Bachmann will Menschen nicht zur Organspende verpflichten. Eine Gesetzesänderung lehnt sie in Bund und Land ab. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Dass die Zentralveranstaltung zum Tag der Organspende heute in Saarbrücken stattfindet, ist maßgeblich dem Umstand zu verdanken, dass sich die Saarländer in Sachen Organspende gegen den Bundestrend verhalten, nämlich spendefreudiger. Denn hierzulande wurden im vergangenen Jahr 16 Organspender pro Million Einwohner gemeldet, während der Bundesdurchschnitt bei 9,7 liegt – auf einem historischen Tief, wie mehrfach gemeldet. Deutschland könnte aus dem Eurotransplant-Verbund rutschen, der eine Zahl von zehn Spendern pro einer Million Einwohner vorsieht. Für deutsche Patienten würden sich dadurch die Chancen auf ein Spenderorgan weiter verschlechtern – ein schlimmes Szenario. Bereits jetzt warten rund 10 000 Menschen hierzulande auf eine Transplantation.


Die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU) führt den Positiv-Trend im Saarland auch auf vermehrte Anstrengungen ihres Hauses zurück. Unter anderem existiert dort ein Arbeitskreis zur Förderung der Organspende. Auch beteiligt sich das Bachmann-Ministerium am Ausbildungs-Curriculum für Transplantationsbeauftragte – 21 davon gibt es im Saarland. Jede Entnahmeklinik muss einen Beauftragten benennen. Dem hingegen gibt es nur eine einzige Klinik, die Transplantationen vornimmt: das Uniklinkum in Homburg. Dort werden Nieren-, Lungen- und Leber-Transplantationen durchgeführt, ebenfalls mit steigender Tendenz. 2014 waren es 50 Transplantationen, im vergangenen Jahr 56. Gesundheitsministerin Bachmann sieht denn auch keine Veranlassung, an den bestehenden gesetzlichen Regelungen etwas zu verändern, weder im Saarland noch auf Bundesebene.

Seit dem Jahr 2012 gilt für Organspende die Entscheidungslösung. Diese setzt auf eine „ergebnisoffene“ Aufklärung und Sensibilisierung der Bürger für das Thema. Die Bürger sollen „regelmäßig“ mit der Frage konfrontiert werden, ob sie bereit sind, ein Organ zu spenden. Das Versenden von Informationsmaterial übernehmen die Krankenkassen. Das Ziel ist, eine kompetente, unabhängige Entscheidung jedes Einzelnen zu erhalten und zu dokumentieren. Meist wird dafür der Organspendeausweis genutzt. Wobei viele Menschen nicht wissen, dass sie mit dem Ausweis einer Spende auch widersprechen oder nur die Entnahme bestimmter Organe festlegen können. Laut der jüngsten Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung besitzen mittlerweile 36 Prozent der Menschen einen Spendeausweis. Auch hier herrscht ein Aufwärts-Trend, denn 2012 waren es nur 22 Prozent. Ministerin Bachmann zur SZ: „Dies spricht dafür, dass die Aufklärungsarbeit Früchte trägt.“



Paradox scheint vor diesem Hintergrund, dass die Zahl der Organspender dennoch im Jahr 2017 auf 797 absackte. Das hat laut Axel Rahmel, Medizinischer Chef der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), viel mit dem Klinikalltag zu tun. Von 1200 Kliniken, die dem Verbund Organspende angehörten, hätten sich 700 im Vorjahr kein einziges Mal bei der DSO gemeldet, so Rahmel in einem Interview. Organspende hänge immer noch zu sehr am individuellen Engagement einzelner Ärzte. Als Gegensteuerungs-Instrument  wurde das Instrument der Transplantationsbeauftragten geschaffen. Die DSO fordert, sie für ihre Aufgabe freizustellen. Das könnten die Bundesländer in ihren Transplantationsverordnungen regeln, Bayern und Rheinland-Pfalz marschieren in dieser Frage voran. Für das Saarland sieht Bachmann dafür jedoch offensichtlich keine Notwendigkeit.

Außerdem hält sie die Zustimmungsregelung, die das Bundesgesetz vorsieht, für „eine sehr gute gesetzliche Regelung, die sich an einem freiheitlichen Menschenbild orientiert.“ Man dürfe die Organspende nicht als eine grundsätzliche Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft vom Bürger erwarten, sagt sie. „Überzeugungsarbeit zu leisten, ist meines Erachtens wesentlich besser als Zwang.“ Bachmann lehnt die derzeit diskutierte und vom Deutschen Ärztetag geforderte Gesetzesänderung ab. Die neue Widerrufsregelung sähe vor, dass jeder automatisch zum Organspender wird, falls er nicht zu Lebzeiten aktiv widersprochen hat. Bachmann meint, dies könne sich „kontraproduktiv auswirken, weil sich dadurch das Misstrauen von Teilen der Bevölkerung gegenüber der Transplantationsmedizin erhöhen könnte.“ Ein gesetzlicher Systemwechsel sei deshalb die falsche Antwort, so Bachmann. Sie schließt sich damit der Haltung von Gesundheitsminister Jens Spahn an (CDU).

Konträr dazu setzt sich der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Magnus Jung  in einer Pressemitteilung für eine Gesetzes-Novellierung ein. Er fordert eine „verpflichtende Entscheidungslösung“. Die Entscheidung für oder gegen eine Organspende sollte „sowohl zentral als auch individuell – etwa auf der elektronischen Gesundheitskarte – dokumentiert werden.“

Tag der Organspende heute 10 bis 18 Uhr  auf dem Tbilisser Platz in Saarbrücken mit Infozelten und Bühnenprogramm (etwa Elaiza, Detlef Schönauer).