| 20:21 Uhr

Aus dem Krieg in die Freiheit

Phearak Sim ist Neubürger in Saarbrücken. Foto: Iris Maurer
Phearak Sim ist Neubürger in Saarbrücken. Foto: Iris Maurer
Saarbrücken. Der gebürtige Kambodschaner Phearak Sim (42) hat zwei Leben. "Das erste Leben", sagt er, "ist mit meinem deutschen Pass endgültig vorbei." Vor wenigen Wochen erhielt er im Rathaus St. Johann seine deutsche Einbürgerungsurkunde. "Ich konzentriere mich jetzt auf die Zukunft Von SZ-Mitarbeiterin Marija Herceg

Saarbrücken. Der gebürtige Kambodschaner Phearak Sim (42) hat zwei Leben. "Das erste Leben", sagt er, "ist mit meinem deutschen Pass endgültig vorbei." Vor wenigen Wochen erhielt er im Rathaus St. Johann seine deutsche Einbürgerungsurkunde. "Ich konzentriere mich jetzt auf die Zukunft."In eine große Kiste, beschreibt er, habe er seine Vergangenheit gepackt und "den Schlüssel weggeworfen". Seit November 2003 lebt Sim im Saarland. Die vergangenen neun Jahre gehören zu seinem zweiten Leben. "In Saarbrücken bin ich glücklich. Ich bin Koch", sagt er. Er arbeitet im thailändischen Restaurant "Krua Thai" in der Mainzer Straße, das seiner Lebensgefährtin Vichuta Rotjanawanit gehört. Nur in seinen Träumen öffnet sich manchmal die Kiste. "Meine Partnerin erzählt mir, dass ich nachts in meinen Albträumen schreie und sogar schieße."



Sim war Kindersoldat in Kambodscha. "Ich war 12 Jahre alt, als man mich meinen Eltern wegnahm und mir eine Waffe, eine AK 47, in die Arme gab und sagte: Kämpfe, töte, oder du stirbst." Der 42-Jährige verbringt 20 Jahre seines Lebens im Krieg und beim Militär. "Es war mein Schicksal, in einem Land geboren zu werden, das von Kriegen ausgeblutet wurde." Heute, sagt er, wenn er beispielsweise "Bilder von Kindersoldaten im Kongo" sieht, hole ihn die Vergangenheit ein. "Ich weiß genau, wie es ihnen geht." Sim vergräbt sein Gesicht in beide Hände. Dann wirkt es so, als würde er sich mit den Händen den Schlaf aus den Augen reiben.

Er ist fünf Jahre alt, erinnert er sich, als die Familie aus der Hauptstadt Phnom Penh 1975 vertrieben wird. Die maoistische Guerillabewegung "Rote Khmer" um Diktator Pol Pot (1928-1998) hatte in Kambodscha die Macht übernommen. Ihr Ziel: Die Errichtung eines radikal-kommunistischen Bauernstaats. "Schulen und Religion wurden verboten, Geld und Privatbesitz abgeschafft. Die Rote Khmer tötete jeden, der gebildet war: Lehrer, Professoren, Ärzte. Manchmal reichte es, lesen und schreiben zu können." Zwischen 1,7 bis 2,2 Millionen Kambodschaner fielen dem Terrorregime zum Opfer. Die, die überlebten, wurden zur Arbeit auf Reis- und Baumwollfelder oder im Straßenbau gezwungen. "Auch meine Familie", erinnert er sich. Sim ist das jüngste von fünf Geschwistern. "Meine zwei Brüder und meine zwei Schwestern mussten jeden Tag von morgens bis abends auf dem Reisfeld arbeiten. Einer nach dem anderen ist gestorben: vor Hunger und Erschöpfung." Das Regime der Roten Khmer endete nach knapp vier Jahren. Bei dem Krieg mit Vietnam um das Mekong-Delta wurden Pol Pots Truppen besiegt. Die Vietnamesen nahmen die Hauptstadt ein. Pol Pot und seine Mitstreiter flüchteten. Die Guerillaarmee der Roten Khmer terrorisierte das Land aber bis 1996. In dem Guerillakrieg kämpfte Sim gegen die Roten Khmer. "Es waren viele Kinder", erinnert er sich, die sich im Urwald verschanzten und kämpften. "Ich habe viele, sehr viele Menschen getötet, weil ich es musste. Gezählt habe ich sie nicht." Dann überlegt der 42-Jährige: "Manche Menschen wissen gar nicht, wie gut sie es haben. Wenn ich hier in der Küche stehe, das Essen vorbereite, höre ich manchmal vom Service: Es dauert zu lang. Die Gäste sind ungeduldig." Am liebsten würde der Koch dann rausgehen und den Gästen sagen: "Sie sind nicht im Krieg, nicht im Urwald. Sie sind nicht auf der Flucht." Der 42-Jährige schmunzelt: "Ich glaube aber nicht, dass meine Lebensgefährtin das gut finden würde." Sim will sich auf sein neues Leben konzentrieren. Dazu gehört Kochen. "Die thailändische Küche ist sehr vielfältig. Ich probiere immer wieder neue Gerichte."

Zweimal kehrte er nach Kambodscha zurück, besuchte Freunde und Familie. "Mit meinem deutschen Pass will ich viel mehr reisen." Und wählen? "Nein, ich bin heute ein unpolitischer Mensch." "Mein Schicksal:

in einem Land

geboren zu werden,

das von Kriegen

ausgeblutet wurde."

Phereak Sim, gebürtiger Kambodschaner