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Auf der Achterbahn der Gefühle

Saarbrücken. "Immer mehr verschwindet. Manchmal sind es Gegenstände, manchmal Regeln, Verabredungen. Sie verschwinden einfach. Als gäbe es ein schwarzes Loch." Mit diesen Worten beschreibt Janeks Großvater den eigenen geistigen Zustand. Noch ist er dazu in der Lage. Er kennt seine Diagnose: Alzheimer Von SZ-Mitarbeiterin Kerstin Joost-Schäfer

Saarbrücken. "Immer mehr verschwindet. Manchmal sind es Gegenstände, manchmal Regeln, Verabredungen. Sie verschwinden einfach. Als gäbe es ein schwarzes Loch." Mit diesen Worten beschreibt Janeks Großvater den eigenen geistigen Zustand. Noch ist er dazu in der Lage. Er kennt seine Diagnose: Alzheimer. Nach Johanna van Erdens "Oma Ur" ist "Am Horizont" die zweite Überzwerg-Produktion, die sich mit dem Thema Alterskrankheiten auseinandersetzt und es Kindern und Jugendlichen (ab zehn Jahren) nahebringen will. Am Sonntag feierte das Stück aus der Feder von Petra Wüllenweber vor vollen Sitzreihen Premiere und Uraufführung. Opa, einst selbst ein erfolgreicher Schwimmer, trainiert seinen Enkel Janek. Doch Opa ist für Janek mehr - er ersetzt die oft abwesende Mutter und den Vater, der der Familie den Rücken gekehrt hat. Opa ist Mutmacher, Klagemauer und Trostspender in einem für den Heranwachsenden. Doch dann setzt ein anfangs unmerklicher, unaufhaltsamer Prozess ein. Zunächst empfindet man Opas Vergesslichkeit fast wie eine charmante Schwäche. Doch als er auf einmal im Bademantel ins Kino will, auf der Suche nach dem "Ordentlichmacher" für die Haare die Wohnung auf den Kopf stellt und schließlich nachts im Wohnzimmer einen Scheiterhaufen aufrichtet, wird es ernst. Janeks Mitschülerin Anna wird in dieser schweren Zeit für den Jungen zum Rettungsanker in seiner langsam versinkenden Lebenswelt. Mit feinem Gespür beschreibt die Autorin die Entwicklungsstadien einer Alzheimer-Erkrankung, ohne die traurige Realität zu verharmlosen und die heiteren Momente zu vergessen. Regisseur Thomas Hölzl setzt die Vorlage einfühlsam um: Video- und Musikeinspielungen sind genau platziert, spiegeln Stimmungen und Gefühlswelten. Den Schauspielern gelingt es, die Zuschauer mitzunehmen auf eine Achterbahn der Gefühle vom Leugnen der Erkrankung über Rationalisierungen und Scham bis hin zu blinder Wut. Glänzend verkörpert Sabine Merziger das Schulmädchen Anna, das über ihre Selbstbezogenheit und Naivität hinauswächst. Hin- und hergerissen zwischen Ohnmacht und Aktionismus erleben wir Nicolas Bertholet als Janek - auch er reift daran, das Unvermeidliche zu akzeptieren und am Ende seine eigenen Ziele nicht aus dem Auge zu verlieren. Großartig gibt Jürgen Kirchhoff den an Alzheimer erkrankten Opa, ein bewegendes Wiedersehen mit dem einstigen Publikumsliebling des Saarländischen Staatstheaters.Weitere Aufführungen am 28., 29., 30. und 31. Mai. Karten unter Tel. (06 81) 85 40 21.