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Neuer Bildband zum Saarland
Armin Hary, Tänzerinnen und letzte Dampfloks

Die Berliner Promenade mal als Laufsteg: Models beim Foto-Shooting für Sixties-Mode. (Foto: Hartung/Landesarchiv)
Die Berliner Promenade mal als Laufsteg: Models beim Foto-Shooting für Sixties-Mode. (Foto: Hartung/Landesarchiv) FOTO: Verlag emons
Saarbrücken. Ex-Ministerpräsident Reinhard Klimmt zeigt in seinem neuen Bildband „Minirock und Literbombe“ das Saarland der 60er Jahre. Von Udo Lorenz

Ältere erinnern sich, Jüngere können nur staunen: Pater Leppich als „Maschinengewehr Gottes“ vor Tausenden Menschen im Regen auf dem Saarbrücker Theatervorplatz, halbnackte Revuetänzerinnen mit Federschmuck in der „Cascade“, letzte rauchende Dampfloks und Pfadfinderinnen auf der Wiese, 100-Meter-Olmpiasieger Armin Hary im Saarbrücker Ludwigs­parkstadion und der deutsch-französische Studentenführer Daniel Cohn-Bendit als Symbolfigur der 1968er-Proteste an der Goldenen Bremm: Reinhard Klimmt, früherer Saar-Ministerpräsident und Bundesminister (SPD), hat all diese Fotos in Archiven ausgegraben und in einen 320 Seiten dicken Bildband gepackt. Titel: „Minirock und Literbombe – Das Saarland in den 1960er Jahren“. Im Saarbrücker VHS-Zentrum am Schloss stellte Klimmt am Mittwochabend den Band selbst vor und erntete dabei viel Applaus der mehr als hundert Zuhörer für seine pointierte Darbietung mit etlichen persönlichen Anekdoten.


Bildband zum Saarland der Sechziger FOTO: Ferdi Hartung/Landesarchiv/Emons

Erste Überraschung: Der mittlerweile 76-jährige Alt-Politiker und Hobby-Fußballer Klimmt humpelte mit den Worten, „Das ist mein Schussbein“, ans Mikrofon und gestand, er brauche eine neue Hüfte. Im Sitzen zeigte er dann eine Vielzahl seiner im Buch enthaltenen 250 Fotos per Laptop auf einer Bildwand und würzte sie mit seinen Kommentaren. So erfuhren die Zuhörer unter anderem, dass Klimmt seinen alten Abgeordnetensessel aus dem Landtag inzwischen zu Hause zwischen Afrika-Skulpturen und Bücherwänden stehen hat, dass er in seinen frühen Jahren gerne zum „Flippern“ in Kneipen ging. Und dass die „Cascade“ einst noch von der CDU-Regierung Franz-Josef Röders in einer Imagebroschüre für das Land beworben wurde.



Die spätere angeblich ebenfalls in die „Cascade“ hineinspielende „Rotlicht-Affäre“ rund um ihn selbst, Oskar Lafontaine und den mehrfach verurteilten Gangster-Boss Hugo Lacour tat Klimmt bei der Buchvorstellung schlicht als „Fake news“ ab. Er erzählte wörtlich, nicht eine „Nutte“, denen Illustrierten-Reporter damals Fotos vorgehalten hätten, hätten Lafontaine oder ihn als Kunden erkannt. Und seine Freundschaft mit Lafontaine? „Die kriegt keiner mehr kaputt“, betonte er.

Doch zurück zum Buch und den 1960er Jahren, als das Saarland laut Klimmt noch 1,3 Millionen Einwohner (heute eine Million) zählte. Schwarz-Weiß-Fotos zeigen, wie zunächst noch Mädchenbeine im Petticoat die Männeraugen auf sich zogen, später dann im Minirock und in Hotpants.

Und die Literbombe? Das war eine Literflasche Becker-Bier aus St. Ingbert, die bei Bergleuten in den „Kaffeeküchen“ ebenso ihre Anhänger fand wie unter den ersten italienischen Gastarbeitern im Land. Klimmt, der 1962 als Student ins Saarland kam, zeigt in dem neuen Bildband auch etliche Fotoeindrücke von der damaligen Krise im Bergbau und dem Boom in der Stahlindustrie sowie vom Wandel einer zunächst klerikal-ländlich geprägten zu einer weltoffenen moderneren Gesellschaft mit viel Kultur im Saarland.

Verleger Hejo Emons nannte Klimmt einen „sehr angenehmen Autor“, der das ganze Buch von Text bis Bildauswahl praktisch alleine gemacht habe. Klimmt, der mehrere zehntausend Fotos vom Landes- bis zum SR-Archiv und in Kooperation mit dem Landesinstitut für Pädagogik und Medien für das Buch sichtete, sprach selbst von „wunderbaren Fotografen“ aus dem Saarland, die in dem Band mit ihren Werken enthalten seien, so Ferdi Hartung, Julius C. Schmidt, Joachim Lischke und Monika von Boch.

„Minirock und Literbombe“ ist die Fortsetzung von Klimmts im gleichen Verlag erschienenen Sittengemälde-Werkes „Halbe Fünf und ganze Kerle – Das Saarland in den 1950er Jahren“, das mit seiner Verkaufsauflage ähnliche Bücher des Verlegers Hejo Emons aus anderen Regionen Deutschlands schon in den Schatten gestellt hat. „Da habe ich eine Wette gegen Reinhard Klimmt verloren“, sagte Emons im Gespräch mit der SZ. „Klimmt ist halt doch mein prominentester Autor.“ Und der nächste Bildband über die 1970er Jahre im Saarland ist zwischen beiden schon vereinbart.

„Minirock und Literbombe“: hrsg. von Reinhard Klimmt, Emons-Verlag, 320 Seiten, 39,95 Euro.