| 20:15 Uhr

Bühne 74 Primstal
Himmlische Zeiten für das Amateur-Theater

„Schutzengel“ David Gutfreund (links) und „Höllenengel“ Lea Hilgers bei den Proben.
„Schutzengel“ David Gutfreund (links) und „Höllenengel“ Lea Hilgers bei den Proben. FOTO: Katja Sponholz
Nonnweiler/Primstal. Stolze 45 Mitglieder zählt der Theaterverein Bühne 74 Primstal. Aber auch andere Vereine spüren einen Aufschwung. Von Katja Sponholz

Mittwochabend, 19 Uhr, in einem Klassenraum der Mehrzweckhalle Primstal. Dort, wo Kinder tagsüber ihre Hausaufgaben machen, stehen ein Schutzengel und ein Höllenengel und verhandeln über die Seele des gerade verstorbenen Ewald. Noch tragen sie Jeans und rotes Karo-Hemd und halten Manuskripte in der Hand. Ständig unterbricht sie ihr Chef, um auszuloten, wo sie sich am besten hinstellen. Denn noch wird geprobt für den „Ernstfall“ am 23. November: Dann steht die Premiere des neuesten Stückes des Theatervereins Bühne 74 Primstal e.V. auf dem Programm.


Doch auch, wenn alle sichtlich viel Spaß am gemeinsamen Üben haben , sind die Amateurschauspieler und ihr Spielleiter und Vorsitzender Wolfgang Hargarter voll konzentriert und engagiert bei der Sache. Schließlich wissen sie, dass es bald wieder rund 400 Zuschauer sein werden, die bei den drei Aufführungen ihrer Komödie dabei sein werden. „In den letzten Jahren haben wir einen rasanten Anstieg beim Publikum bemerkt“, berichtet Hargarter. Und nicht nur in Primstal locken die Amateurtheater immer mehr Besucher an. „Noch vor zehn Jahren wurde vor dreiviertel leeren Sälen gespielt, und viele Vereine konnten den Zuschauer per Handschlag begrüßen. Heute sind die Aufführungen zu 80 Prozent ausverkauft“, berichtet Hubert Haupts, Präsident des Verbandes Saarländischer Amateurtheater (VSAT).

Wolfgang Hargarter ist Spielleiter des Theatervereins Bühne 74 Primstal.
Wolfgang Hargarter ist Spielleiter des Theatervereins Bühne 74 Primstal. FOTO: Katja Sponholz


Verantwortlich dafür macht er vor allem den Qualitätszuwachs auf den Bühnen. Nicht zuletzt das sehr gute Angebot an Lehrgängen in der Landesakademie in Ottweiler habe dafür gesorgt, dass das Niveau „um Etliches höher“ sei als früher. „Das hat sich herumgesprochen“, meint Haupts. „Jetzt kommen wieder Zuschauer, die von Partys am Samstag genug haben und lieber ins Theater gehen.“

Und zugleich kommen auch immer mehr Menschen, die aktiv mitmachen wollen. 1951 gab es beim Verband noch 38 Bühnen als Gründungsmitglieder. Heute zählt das Saarland rund 100 Theatervereine – davon 74, die Mitglieder im Verband sind, mit rund 6500 Einzelmitgliedern. Bundesweit ist der VSAT zwar der kleinste Landesverband, aber der mit dem höchsten Anteil an Mitgliedsbühnen.

Auch bei der Bühne 74 Primstal ist der Aufschwung zu spüren. Hier stieg die Zahl der aktiven Mitglieder auf 45 (im Alter von 18 bis 63 Jahren) an. „Wir hatten mal Zeiten, da gab es nur fünf bis sechs Spieler“, erinnert sich Hargarter, der den Theaterverein vor 44 Jahren aus dem Jugendzentrum heraus gründete. Aktuell sind es 14 Frauen und Männer, die bei „Himmel und Hölle“ auf der Bühne stehen. Recht neu dabei ist die 53-jährige Lehrerin Bettina Meyer. Nachdem sie früher mehrere Stücke angeschaut hatte, trat sie im vergangenen Jahr zum ersten Mal selbst mit auf. Was ihr besonders daran gefällt? „Es ist einfach schön, auf der Bühne zu stehen“, gibt sie zu. „Hier kann man dann Sachen machen, die ich sonst nicht machen. Etwa böse sein und gemein.“

Dafür nimmt sie dann auch das „schreckliche Lampenfieber“ in Kauf, das sie wie alle anderen vor den Auftritten plagt. „Eigentlich sagt man sich jedes Mal davor: ‚Warum zum Teufel tue ich mir das an‘?“, gibt auch Tina Zierhut (39) zu, die schon seit über 20 Jahren bei der Bühne Primstal dabei ist. Doch die Freude am Spielen und die Gemeinschaft, die auch bei gemeinsamen Ausflügen und Theaterbesuchen gelebt wird, überwiegt alles. Auch den zeitlichen Aufwand. Ab März/April wird bis zu zweimal in der Woche geprobt; bis zu den drei Aufführungen im November kommen da bis zu 45 Abende zusammen. Denn der Anspruch an das eigene Spielen ist hoch. Deshalb möchten die Schauspieler und ihr Spielleiter auch nicht als „Laientheater“ oder als „Laienschauspieler“ bezeichnet werden. „Das ist wie beim Fußballspielen, das tun viele, zum Beispiel in einer Thekenmannschaft“, erläutert Hargarter. „Die treffen sich ohne irgendwelche taktischen Grundkenntnisse einfach so zum Kicken. Ein Amateurfußballer jedoch wird geschult in Taktik und Spielverständnis. Und genau so ist es bei uns auch.“ So besuchen die Mitglieder die Lehrgänge beim Verband und bilden sich weiter in Dramaturgie, Regie, Schauspiel, Maske und Musical. „Wir versuchen, mehr in die Rollen hineinzugehen und sie zu ergründen“, so der Spielleiter. Auch auf die Auswahl der Stücke legt er ein besonderes Augenmerk: „Das Niveau muss stimmen“, sagt er. Und er suche etwas aus, das auch eine Herausforderung für die Spieler bedeute.

Ein Casting gibt es für die Mitglieder übrigens nicht. Mitspielen darf, wer möchte – und wer eigene Grenzen überschreiten kann. „Ich sage immer, Ihr müsst bereit sein, euren eigenen Schweinehund zu überwinden und keine Rücksicht aufs Publikum zu nehmen“, erläutert Hargarter, gelernter Theatermaler, der im Malsaal des Staatstheaters tätig ist. „Und wenn die Rolle vorsieht, dass sich jemand auf der Bühne übergeben muss, dann muss er das machen.“ Wenn etwas nicht dem Bild entspreche, das er habe, werde eben so lange geprobt, bis es klappt.

Und trotzdem kann natürlich mal etwas schiefgehen. „Ich habe es mal bei einem Kammerspielabend geschafft, in einer Szene von 45 Minuten nach fünf Minuten in den Schlusssatz zu springen“, berichtet Tina Zierhut. „Zum Leidwesen der Souffleuse – aber die hat es dann wieder gerettet.“

Keinesfalls ist es jedoch so, dass die Nerven blanker liegen, je näher der Termin der Premiere rückt. Im Gegenteil: „Umso mehr schweißt das die Gruppe zusammen“, meint Vorsitzender Hargarter. Zwangsläufig. Denn ohne den anderen geht hier nichts. Auch oder gerade, weil man sich öffnen muss. „Das ist eben ganz anders, als wenn man zusammen Karten spielt oder kegeln geht“, meint Finanzwirtin Edith Hoffmann (53), die schon als Jugendliche bei der Bühne 74 dabei war. „Bei uns ist es viel emotionaler.“ Auch, weil hier Erlebnisse möglich seien, die es im „normalen Leben“ sonst nicht gebe. „Und wenn du dann irgendwann auf der Bühne stehst, die Leute klatschen, du schaust ins Publikum und alle strahlen einen an – dann ist es so ziemlich das Geilste, was es gibt.“