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Am Tag, als Erich Honecker zu Besuch kam

Beim Besuch Honeckers 1987 im Saarland: Peter Hartz (vorne von links), Honecker und Lafontaine auf dem Weg zum Gästehaus der Dillinger Hütte. Foto: Archiv/Kiefer
Beim Besuch Honeckers 1987 im Saarland: Peter Hartz (vorne von links), Honecker und Lafontaine auf dem Weg zum Gästehaus der Dillinger Hütte. Foto: Archiv/Kiefer
Wiebelskirchen. Zehn schwarze Limousinen hielten Punkt 17.20 Uhr vor dem unscheinbaren Haus Nr. 88 in der Kuchenbergstraße. Beobachtet von Fernsehteams aus der ganzen Welt und Scharfschützen auf den umliegenden Dächern stieg ein kleiner, unscheinbarer Mann aus einem 600er Mercedes Von SZ-Mitarbeiter Michael Mirwald

Wiebelskirchen. Zehn schwarze Limousinen hielten Punkt 17.20 Uhr vor dem unscheinbaren Haus Nr. 88 in der Kuchenbergstraße. Beobachtet von Fernsehteams aus der ganzen Welt und Scharfschützen auf den umliegenden Dächern stieg ein kleiner, unscheinbarer Mann aus einem 600er Mercedes. So ungewöhnlich der Anblick war, gerade für die beschaulichen Wiebelskircher Verhältnisse, so außergewöhnlich war der Anlass. Denn an diesem geschichtsträchtigen 10. September 1987, einem Donnerstag, besuchte der damalige Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker, sein Elternhaus. Werner Kern beschrieb den Moment in der Saarbrücker Zeitung damals so: "Erich, Erich", riefen die einen, "freie Wahlen in der DDR" die anderen. Der größte Sohn der Stadt ließ sich davon wenig beeindrucken und eilte schnurstracks händeschüttelnd auf die andere Straßenseite. "Herzliche Grüße an alle", sagte Erich Honecker, "macht's gut und auf Wiedersehen". Es war ein Familienbesuch mit politscher Brisanz, der den Blick der ganzen Welt auf Wiebelskirchen lenkte. "Am 3. August konnten die Leser der New York Times exakt nachsehen, wo Wiebelskirchen liegt - einige 'Miles' von Frankfurt und dem 'Rhine River' entfernt, etliche 'Miles' von 'Munich' weg, nahe der französische Grenze in erreichbarer Nähe von 'Switzerland' und 'Austria' und gar nicht so weit von der Grenze zu 'East Germany', beschrieb die Saarbrücker Zeitung das globale Interesse. 20 Minuten hatte Honecker Zeit für seine Stippvisite bei Schwester Gertrud, die noch immer in dem Elternhaus lebte. Zeit für Kaffe und Kuchen - immerhin gab es Käse-, Schokolade-, Apfel- und Drei-Früchte-Kuchen, wie die SZ zu berichten wusste. Am Ende pflückte Erich Honecker noch einen Apfel aus dem kleinen Garten, bevor er zum Empfang ins Neunkircher Bürgerhaus fuhr. "Vor dem Bürgerhaus hatten sich Hunderte Einwohner zum Empfang Honeckers versammelt und begrüßten ihn mit einem vielstimmigen 'Glück auf'. Die Schalmeienkapelle aus Wiebelskirchen spielte das 'Lied vom kleinen Trompeter' und den 'Steigermarsch'. Dann überreichte eine junge Bürgerin dem Staatsratsvorsitzenden einen prächtigen Strauß roter Nelken", schrieb die sozialistische Tageszeitung "Neues Deutschland".Später würde man den Besuch des Staatsratsvorsitzenden als letztes Aufbäumen eines Menschen interpretieren, der bereits dem Untergang geweiht war. Drei Jahre später war die DDR Geschichte - und mit ihr der kleine Mann aus Wiebelskirchen.




Zur Person

Erich Honecker war ein Sonntagskind. Geboren wurde er am 25. August 1912 in der Karlstraße 26, heute Max-Braun-Straße 26, als viertes von sechs Kindern des Bergarbeiterehepaares Wilhelm und Karoline Honecker. Als Erich zwei war, erwarben die Eltern im benachbarten Wiebelskirchen ein kleines Haus. Schon mit zehn Jahren wurde er Mitglied der kommunistischen Kindergruppe, mit 18 Mitglied der KPD. 1931 schickte ihn der Kommunistische Jugendverband auf die Internationale Lenin-Schule nach Moskau, seine Dachdeckerlehre hatte Honecker zu dieser Zeit schon abgebrochen. Zurück im Saargebiet folgte eine unruhige Zeit der Untergrundtätigkeit, die in einer zehnjährigen Haftstrafe durch die Faschisten endete. Im März 1945 konnte Honecker aus der Haft fliehen und schloss sich wenig später der "Gruppe Ulbricht" an. Damit begann eine steile Karriere in der DDR. lmi