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Nahtod-Erfahrung
„Am 23. September muss ich gestorben sein“

Adrian Schmitz aus Besseringen berichtet am Donnerstag in Wadern von seinen Nahtod-Erfahrungen.
Adrian Schmitz aus Besseringen berichtet am Donnerstag in Wadern von seinen Nahtod-Erfahrungen. FOTO: rup / san
Merzig/Wadern. Ein Autounfall änderte das Leben von Adrian Schmitz schlagartig. Der Merziger musste reanimiert werden, erblindete und ist seitdem sicher: Der Tod ist nicht das Ende. Am Donnerstag berichtet er in Wadern von seinen Nahtod-Erlebnissen. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Es ist der 21. September 1991, an dem der Tod Adrian Schmitz’ Leben kreuzt. Mitten in der Nacht fährt Schmitz Richtung Burgstädt in Sachsen. Als Gebietsverkaufsleiter von Karlsberg soll der Merziger Brauerei- und Vermarktungs-Knowhow in die neuen Bundesländer bringen. Hunderte von Kilometern spult er im Auto ab, macht Termine. Tag für Tag. Stockfinster ist es, als er endlich Feierabend machen kann. Kurz nach der Wende fehlen an vielen Straßen der früheren DDR noch Laternen. Selbst Markierungen oder Leitpfosten sind rar. Schmitz hat sich eben an einer Tankstelle noch eine Cola gekauft, „weil es wieder so ein langer Tag war“.


Was dann passiert, weiß er bloß aus den Polizeiakten. Es ist 0.10 Uhr, sein Opel Omega schiebt sich unter einen LKW. Schmitz erleidet schwerste Verletzungen. Die Hüfte ist gebrochen; auch Handgelenk und Rippen brechen. Und sein Gesicht wird zertrümmert. Als er Wochen nach dem Unfall in die Uniklinik nach Homburg geflogen wird, können es die Chirurgen nur dank eines Fotos, das seine Frau Astrid den Ärzten gibt, rekonstruieren. Selbst sehen wird Schmitz sein Gesicht nie wieder. Sein Augenlicht hat er für immer verloren.

Der Unfall, die Sekunden davor, die Tage danach, sind „ausgelöscht“. Wie die Ärzte um sein Leben ringen, dass die Polizei seine Frau informiert, Hoffnung macht – „wenn er die Nacht übersteht, dann sieht es gut aus“ – all das hört er erst viel später. Doch sein Zustand wird schlechter. „Am 23. September muss ich dann gestorben sein“, sagt Schmitz als sei es bloß ein Schnupfen. „Ich habe meine eigene Beerdigung gesehen. Meine Feuerwehrkameraden standen am Grab.“ Er sah, wie sie zum letzten Gruß salutierten. Und dann sei da „dieser enge Raum“ gewesen. „Mit einem warmen Licht, das durch ein Tor schien und ein Mann im silbernen Mantel, der mich in Empfang nehmen wollte.“ Schmitz ist jetzt dem Tod näher als dem Leben. Doch den Ärzten gelingt es, ihn zurückzuholen: „Es war wohl noch zu früh.“ Seitdem ist er überzeugt: „Es muss etwas geben nach dem Tod. Ich habe es gesehen.“



Menschen, die wie der heute 57-Jährige von Nahtod-Erfahrungen berichten, gibt es immer wieder. Mediziner zweifeln jedoch, dass das „Gesehene“ Einblicke ins Jenseits sind. Vielmehr laufe das Gehirn nach einem Herzstillstand ohne Blut- und Sauerstoffversorgung nochmal kurz auf Hochtouren. Adrian Schmitz aber ist sicher, „dass noch ’was kommt“. Er spricht ohne Scheu darüber, hielt bereits Vorträge dazu. So wird er auch am Donnerstag beim „Biblischen Nachtcafé“ in Wadern darüber reden. Dort mit Theologen, Laien und einem Atheisten über die Frage „Was kommt nach dem Tod?“ diskutieren.

Schmitz glaubt auch fest daran, dass ein bereits verstorbener Bekannter oder Verwandter ihn in eine andere „Hemisphäre“ führen wollte. „Aber ich konnte das Gesicht nicht erkennen.“ Immer und immer wieder treiben ihn diese Bilder seitdem um. Er sprach mit anderen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wollen, fand Gemeinsames und sagt mit Inbrunst: „Ich habe keine Angst vor dem Tod.“ Mit Kirche habe all das für ihn jedoch wenig zu tun. „Ich bin römisch-katholisch und in gewisser Weise auch gläubig“, antwortet er. Die Gottesvorstellung seiner Kirche aber teilt er nicht: „Dieses ganze Elend auf der Welt, gäbe es einen Gott, gäbe es das doch alles nicht.“ Eher mag er sich da schon mit den Vorstellungen von Reinkarnation, von Wiedergeburt, anfreunden.

Wer heute mit Adrian Schmitz spricht, dem tritt ein lebensbejahender Mensch gegenüber. Humor, Warmherzigkeit, Gelassenheit tragen seine Stimme, selbst wenn er sich seiner Schicksalsmomente erinnert. Doch das ist nur eine Seite. Lange habe ihn der Unfall belastet, sagt er. Er haderte mit dem Schicksal. In seinen Beruf konnte er – nun blind – nicht zurück. Es blieben Jobs in einer Taxizentrale und für eine Textilfirma. Weil sich der Unfallhergang letztlich nicht klären ließ, gilt er als selbst verschuldet. „Zum Glück wurde es als Berufsunfall anerkannt, so mussten wir uns keine wirklichen finanziellen Sorgen machen“, berichtet Schmitz. Doch erst als er 15 Jahre nach dem Unfall mit seiner Frau wieder nach Burgstädt fährt, kann er sich vom Albdruck des Unfalls befreien. „Mir lief der Schweiß in Strömen, aber als wir dort waren, sagte ich mir, ‚Adrian, Schluss jetzt mit den Depressionen, wirf diese Fesseln ab“.

Er wertete das zusammen mit dem Tod seiner Mutter als Signal für einen Neustart. Als er in einer Fernsehsendung des Saarländischen Rundfunks von dem schwerkranken Dominik hört, der eine Delphin-Therapie braucht, beschließt er für den Jungen Geld zu sammeln. Er, als Blinder, setzt sich aufs Rad, strampelt mit „Piloten“ auf einem Tandem auch etliche Kilometer runter und 11 000 Euro zusammen. Und es bleibt nicht dabei. Aus der Aktion werden die „Herzensengel“, ein Verein, der im Landkreis Merzig-Wadern Geld sammelt für Menschen mit Behinderungen oder solche, die in Not geraten sind. Mal finanziert man besondere Therapien, mal einen Spezialrollstuhl. Und Adrian Schmitz hat seine Aufgabe gefunden: als Herzensengel – schon im Diesseits.