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"Alle fanden sich in einer anderen Welt wieder"

Der letzte Sonnenaufgang: Dieses Foto entstand am 11. September 2001 am frühen Morgen.
Der letzte Sonnenaufgang: Dieses Foto entstand am 11. September 2001 am frühen Morgen.
Saarbrücken. "Das böseste Geräusch, das ich jemals gehört habe." Am Morgen des 11. September 2001 befindet sich Reinhard Karger an Bord des Segelboots Manitou im Yachthafen Liberty Landing Marina vor New York. Karger, heute 50 und Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz auf dem Campus der Saar-Uni, besucht seinen Bruder

Saarbrücken. "Das böseste Geräusch, das ich jemals gehört habe." Am Morgen des 11. September 2001 befindet sich Reinhard Karger an Bord des Segelboots Manitou im Yachthafen Liberty Landing Marina vor New York. Karger, heute 50 und Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz auf dem Campus der Saar-Uni, besucht seinen Bruder. Mit einer Analog-Kamera hält er die New Yorker Skyline fest - und wird so Augenzeuge des Attentats auf das World Trade Center.Insgesamt macht er vom 8. bis 16. September mehr als 200 Aufnahmen, deren Negative er digital einscannt. Doch es soll zehn Jahre dauern, bis er damit an die Öffentlichkeit geht: "Stern", "Spiegel" und diverse andere Medien zeigen seine Fotos; 50 Bildern widmet die in Saarbrücken ansässige Patton-Stiftung bis 3. Oktober eine eigene Ausstellung. Seit Juli ruft Karger außerdem auf einer eigenen Website namens september-2001.net/wo-warst-du-am-11-september/ Menschen dazu auf, ihre Erinnerung an jenen Tag aufzuschreiben.


"Ich wurde wiederholt gefragt: Warum hast du die Fotos erst jetzt veröffentlicht?", erzählt Karger. "Die letzten zehn Jahre waren kriegerisch, aber Osama Bin Laden ist tot, ein Kapitel ist geschlossen. Ich hoffe, dass wir uns heute ruhiger mit diesem Tag beschäftigen können, dass wir jetzt einen Dialog tatsächlich aufnehmen, dass wir vielleicht auch wieder mehr in der Lage sind, die westlich geprägte Weltmarktwirtschaft kulturell und differenziert zu überdenken - möglicherweise gibt es jetzt eine Chance, einen gemeinsamen Weg zu finden für globalen Wohlstand mit mehr Ressourcen-Schonung und weniger Verteilungsungerechtigkeit."

Die Patton Stiftung steht für "Sustainable Trust", internationale Aussöhnung durch Dialog und Begegnung. Karger: "Ich war sehr froh, für diese Fotos einen Ort und eine Stiftung gefunden zu haben, wo es um die inhaltliche Auseinandersetzung mit Zeit- und Gegenwartsgeschichte geht, um das eigene Erleben, die eigenen Beiträge, um die Diskussion des angemessenen politischen Handelns angesichts einer Terrorkatastrophe, aber auch im Kontext des gegenwärtigen arabischen Frühlings. Ich bin davon überzeugt, dass diese Fotos der Nachdenklichkeit eine Chance geben, dass sie eine heilende Wirkung haben und eine konstruktive Diskussion befördern."

Dem Aufruf seiner eigenen Website seien mittlerweile über 350 Leute aus Deutschland, aber auch den USA und Australien gefolgt: "Berichte von Augenzeugen stehen neben Geschichten von Touristen, deren Flüge umgeleitet wurden, Erlebnisse von Hochzeitsreisenden, deren Flitterwochen ein Übermaß an Realität erfuhren, Hochschwangere, die die Ereignisse des Tages erst viel später erfuhren. Viele kamen von der Arbeit, aus der Schule; die meisten dachten an eine schlechten Science-Fiction oder an ein Medienexperiment der Versteckten Kamera. Immer wieder Berichte von Kindern, die verblüfft waren, dass ihre Eltern ihnen das Fernsehen erlaubten. Alle wurden aus dem Alltag gerissen, alle haben sich in einer neuen Welt wieder gefunden." kek



Auf einen Blick

Fotoausstellung "Eine Woche im September 2001": bis 3. Oktober, Patton Stiftung, Saargemünder Straße 70. Öffnungszeiten: Mi-Fr 10-18 Uhr, Sa 14-18 Uhr und nach Vereinbarung. Am Tag der Bildenden Kunst, 25. September, ist von 11 bis 18 Uhr geöffnet, Karger wird persönlich anwesend sein.

Kargers Website:september-2001.net/wo-warst-du-am-11-september. Die Fotos können unter www.flickr.com/photos/september-2001/ abgerufen werden.

Ein Augenblick, der alles verändert. Der Anschlag hat begonnen.
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Reinhard Karger
Reinhard Karger
Der Morgen danach. New York ohne Twin Towers. Fotos: Reinhard karger
Der Morgen danach. New York ohne Twin Towers. Fotos: Reinhard karger