| 20:39 Uhr

Psychoanalyse feiert ein Comeback
Ärztliche Akademie für Psychoanalyse will ganzheitliche Medizin

Saarbrücken. Von Udo Lorenz

Ob Depression, chronische Schmerzen, Angst- oder Zwangsstörungen: Nahezu jeder dritte Patient, der zum Hausarzt geht, leidet unter einer psychisch zumindest mit bedingten Erkrankung. Doch die ganzheitliche Sicht der Medizin von Seele und Körper kommt beim Patienten leider oft zu kurz, hieß es am Samstag bei der Gründungsveranstaltung der neuen Ärztlichen Akademie für Psychoanalyse im Saarland. Die Akademie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die psychoanalytischen Kenntnisse der Ärzteschaft über Fort- und Weiterbildungsangebote zu verbessern und so auch zu einer besseren Versorgungslage der Patienten beizutragen, die oftmals ein halbes Jahr und länger warten müssen, ehe sie eine angemessene ambulante Psychoanalyse-Behandlung starten können.



„Die Psychotherapie psychosomatischer Erkrankungen findet in Deutschland überwiegend in Kliniken statt, mit all den damit verbundenen Nachteilen wie Herausnahme der Patienten aus dem Alltag, oft zu kurze Therapiedauer und damit zu geringe Nachhaltigkeit", bemängelte Akademievorsitzender Dr. Rainer Sandweg (Neunkirchen): „Patienten mit psychosomatischen Leiden kommen zu selten in ambulante Therapie." Der Grund: „Ärzte in der Psychoanalyse sind zahlenmäßig gegenüber den Psychologen unterrepräsentiert." Hier Abhilfe zu schaffen und mehr niedergelassene Allgemein- und Fachärzte für psychoanalytisches Wissen theoretisch wie praktisch fort- und weiterzubilden, hat sich die neue Akademie auf die Fahnen geschrieben. Das Saar-Gesundheitsministerium und der Präsident der Landesärztekammer, Dr. Josef Mischo, sagten dabei Unterstützung zu. Seit 1967 ist die analytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung (aktueller Regelsatz 88 Euro pro Sitzung) eingeführt.

„Häufig bleibt dem Arzt gar nichts anderes übrig, als mit Medikamenten zu behandeln", betonte der Saarbrücker Psychoanalytiker Dr. Alf Gerlach. Anhand einer anonymisierten Patientengeschichte legte er dar, wie langwierig eine effiziente Psychoanalyse-Behandlung bis zum Erfolg sein kann. So brauchte ein wegen Eheproblemen mit Migräne, Kreuzschmerzen, Ischias und Selbstmordgedanken zu ihm auf die Psycho-Couch gekommener Familienvater letztlich über 300 Sitzungen in drei Jahren, ehe er als geheilt und ohne weitere Suizidgefahr aus der Therapie gelassen werden konnte. Fest steht: Mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Begründung durch Sigmund Freud feiert die Psychoanalyse auch bei uns wieder ein Comeback mit nachweisbaren Behandlungserfolgen, wie der Vertreter des Saar-Gesundheitsministeriums hervorhob. 

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) im Saarland, Dr. Gunter Hauptmann, erklärte auf SZ-Anfrage, zur Zeit seien 263 Psychotherapeuten mit Kassenzulassung im Saarland (darunter neun niedergelassene Ärzte mit dem Zusatztitel „Psychoanalyse") niedergelassen. Diese Zahl liege im Verhältnis zur Bevölkerung im bundesweiten Trend. Laut Bedarfsplanung des Gemeinsamen Bundesausschusses für das Gesundheitswesen gebe es an der Saar sogar – „ebenso wie bei Hautärzten und Augenärzten" – eine rechnerische Überversorgung. In dringenden Fällen, die der Hausarzt feststelle, habe jeder Patient das gesetzlich verbriefte Recht, über die Termin-Servicestelle der KV innerhalb von vier Wochen einen Erst-Termin bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten zu erhalten. Der entscheide dann über die weitere Behandlung. „Pro Quartal vergeben wir rund 400 Termine für psychotherapeutische Behandlung", sagte Hauptmann. Insgesamt werde inzwischen schon etwa jeder dritte Facharzt-Termin über die Termin-Servicestelle (Tel. (06 81) 85 77 30) vermittelt.