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Klasse 11a fragt Landtagsabgeordnete
Abgeordnete machen Ukrainerin Hoffnung

Abgeschoben von Tholey in die Ukraine: Nina Ivoilova, 73.
Abgeschoben von Tholey in die Ukraine: Nina Ivoilova, 73. FOTO: Tetjana Beuerlein
Saarbrücken/Marpingen. Schüler der Klasse 11a aus Marpingen stellen im Landtag Fragen zur Abschiedung der Oma ihrer Mitschülerin in das Kriegsgebiet Ukraine. Von Dietmar Klostermann

Es ist eine der seltenen Lehrstunden saarländischer Parlamentsarbeit. Im Restaurant des Landtags nehmen sich die drei Abgeordneten Alexander Zeyer (CDU), Magnus Jung (SPD) und Jochen Flackus (Linke) eine Stunde lang Zeit, um mit den Schülern der Klasse 11a der Gemeinschaftsschule Marpingen über einen Abschiebungsfall zu reden. „Warum wurde die 73-jährige Großmutter von Anastasia in das Kriegsgebiet Ukraine abgeschoben? Das ist doch unmenschlich!“, fragt ein Schüler. Seine Mitschülerin Anastasia Beuerlein, 16, aus Tholey ist die Enkelin von Nina Ivoilova. Die Großmutter war am 26. September 2017 in den frühen Morgenstunden aus dem Haus der Familie Beuerlein von der Polizei abgeholt und nach Kiew abgeschoben worden (die SZ berichtete). Die Rentnerin war Anfang 2014 nach Tholey gekommen, um ihre Tochter Tetjana Beuerlein im Haushalt und bei der Erziehung der Enkeltöchter Anastasia und Sophia (12) zu unterstützen. Tetjanas Mann Carlo Beuerlein ist schwer erkrankt.



Doch der Kriegsausbruch in der Ukraine verhinderte eine Rückkehr der 73-Jährigen nach Donezk, wo sie lebt. Nach mehreren Duldungsverlängerungen kam dann die Abschiebung mit Billigung des Verwaltungsgerichts. Nina Ivoilova lebt jetzt wieder in Donezk, wo ihre Wohnung ist. „Neben dem Haus steht ein Flakgeschütz. Das Haus ist ohne Heizung und fließendes Wasser. Das ist kein menschenwürdiges Leben“, sagt einer der Schüler. Enkelin Anastasia fügt leise und mit zitternden Stimme hinzu: „Warum wurde meine Oma abgeschoben? Ich verstehe das alles nicht.“

Alle drei Politiker sagen, dass sie Verständnis für die schlimme Situation der Familie Beuerlein und der Großmutter haben. „Eine Abschiebung ist für die Familien und die betroffenen Personen de facto nicht einfach. Das kann ich nachvollziehen“, sagt Zeyer, der aus St. Wendel kommt. Dennoch habe das Innenministerium im Innenausschuss des Landtag dargelegt, dass alles „sehr ordnungsgemäß“ abgelaufen sei. „Ob es menschlich war, kann man hinterfragen“, räumt Zeyer ein. Der 24-jährige CDU-Abgeordnete, der auch Junge Union Saar-Chef ist, verweist darauf, dass der Anwalt der Familie Beuerein Fehler gemacht und die Härtefall-Kommission nicht angerufen habe. Da Nina Ivoilova nicht freiwillig ausgereist sei, habe sie derzeit kein Anrecht auf ein neues Einreise-Visum nach Deutschland. Doch dann macht Zeyer der Familie Beuerlein Hoffnung. „Jetzt schauen wir, ob sie nicht doch ein Visum beantragen kann. Wir können einen Antrag ans Innenministerium stellen“, sagt Zeyer. Auch Jung sagt, er wolle sich dafür einsetzen, dass ein Ermessenspielraum eröffnet und genutzt werde, um Anastasias Großmutter zurückzuholen. Flackus betont: „Es gilt Menschlichkeit vor Recht. Das werden wir versuchen.“ Da bildet sich eine interfraktionelle Initiatiive. AfD-Abgeordnete sind nicht zu dem Termin mit der Marpinger Schulklasse erschienen.

Der Lehrer der 11a, Markus Mörsdorf, sagt, dass die Politik sich mehr für die Werte einsetzen müsse. „Sonst geht das Vertrauen in die Politik verloren“, sagt Mörsdorf. Am Fall der Abschiebung von Nina Ivoilova zeige sich, ob moralische Werte gelten würden.

Ob die drei Parlamentarier mit ihrer versprochenen Initiative bei Innenminister Klaus Bouillon (CDU) durchdringen, ist offen. Eine Schülerin sagt: „Anastasias Oma geht es sehr schlecht in Donezk. Sie versteckt sich in der Badewanne.“ Nach den Schilderungen der Familie Beuerlein ist der Geschützlärm so nah, dass bei der 73-Jährigen die Scheiben klirren und das Haus bebt. „Die Würde des Menschen muss im Mittelpunkt stehen“, sagt Lehrer Mörsdorf den Abgeordneten beim Abschied. Im Krieg in Donezk steht die Würde ganz weit außen.