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Ende des Weltkriegs im Saarland
„Wir können von morgen an auch französisch pflügen“

Das Dokument mit den Unterschriften der Alliierten und Deutschen zum Waffenstillstand vom 11. November 1918 ist im Vincennes Castle Museum, außerhalb von Paris, ausgestellt (Symbolfoto).
Das Dokument mit den Unterschriften der Alliierten und Deutschen zum Waffenstillstand vom 11. November 1918 ist im Vincennes Castle Museum, außerhalb von Paris, ausgestellt (Symbolfoto). FOTO: dpa / Michel Euler
St. Wendel. Wie erlebten die Saarländer die letzten Kriegstage? Dazu gibt es noch keine zusammenhängende Darstellung. Und nur wenige aussagekräftige Einzelzeugnisse. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Die biographischen Notizen des St. Wendeler Landrats Hermann Sommer (1882-1945), die er 1930 aus dem Gedächtnis zusammengestellt hat, dürfte eine der ausführlichsten Quellen sein, vor allem bieten sie eine spannende Lektüre. Der im Verein für Landeskunde aktive Roland Geiger (St. Wendel) hat uns die „Hermann Sommer. Lebenserinnerungen“ zur Verfügung gestellt. Hermann Sommer war von Mai 1917 bis Juli 1919 Landrat. Hier seine Schilderungen in Auszügen:


„Am 11. November kommt die Nachricht, dass der Sozialdemokrat Scheidemann, seit kurzem kaiserlicher Staatssekretär – vielleicht zu spät geworden – die Deutsche Republik ausgerufen habe. Ich bin also auf einmal politischer Beamter einer von Sozialdemokraten verwalteten revolutionären Republik. Am selben 11. November erfahren wir, dass an allen Fronten Waffenstillstand eingetreten ist, die genauen Bedingungen ahnt niemand. Ich selbst als Landrat erfahre sie einen Monat später. Je mehr in Innerdeutschland bald alles durcheinander geht, desto mehr erlischt meine Verbindung dorthin. Allein auf mich angewiesen, schalte und walte ich bald nur noch nach eigenen Gutdünken weiter.(...)

Schon eine ganze Weile nach dem Waffenstillstand beginnen Gruppen von Soldaten auf der Bahn und Landstraße vor meinem Hause vorbei von der Front zum Rhein zu fluten. Es waren Ausreißer aus der Etappe, in der nicht die wertvollsten Teile der Armee gesteckt hatten. Dauernd sah man die hässlichsten Bilder. Die Soldaten hatten sich ihre militärischen Abzeichen abgerissen und dafür rote Fetzen angeheftet. Nach diesen Ausreißern kam geschlossen die Etappe meist auf der Landstraße. Unser Haus erzitterte Tag und Nacht von den vorbeifahrenden schweren Lastwagen. Dazwischen kamen wieder die verschiedensten Ausreißer, teils zu Fuß, teils mit den abenteuerlichsten Fuhrwerk. Jeder zum Rhein fahrende Eisenbahnwaggon war von ihnen überfüllt. Kein Mensch hatte eine Ahnung, in welchem Zustand, in Ordnung oder Unordnung, die Massen der Fronttruppen durchmarschieren würde. Sah man auf die Deserteure und die Etappen, so musste man das Schlimmste befürchten! Für Sonntag, den 11. November, hatte ich schon Ende Oktober die erwähnte übliche Sonntagsvolksversammlung für mehrere Gemeinden, darunter unsere größte Bergarbeitergemeinde Marpingen ,angesagt. Meine Beamten fragten mich, ob wir sie des allgemein in Deutschland siegenden Umsturzes wegen nicht absagen sollten. Ich antwortete, dass mir dies mit Recht als ein Zeichen von Freiheit ausgelegt werden könnte. Ich hielte zur Wahrung der Würde meines politischen Staatsamts für erforderlich, dass ich führe. Anders läge die Sache für meine Hilfsarbeiter. Ich stelle jedem anheim, hier zu bleiben. Niemand bleibt zurück. Ich nahm den Browning mit. (...)



Anders in Marpingen: Der große Saal Schulter an Schulter gefüllt von hunderten von Menschen. Erregte Stimmung. (...) Wohl war die Menge zunächst nicht ganz so respektvoll still wie früher. Man hörte mich und den Pfarrer aber ruhig an. (...) Im Saal wird’s wieder stiller. Ich empfehle, den Blick nicht rückwärts, sondern vorwärts zu richten, in die wahrscheinlich ohnedies schwere Zukunft. Nach Westen zu schauen, woher bald die Franzosen einmarschieren werden. Kurz vor Schluss meldet mir besorgt und warnend der Gendarm, es wären ein paar unheimliche Kerle, wahrscheinlich aus Saarbrücken, im Hausgang, die mich sprechen wollten; es wären offenbar Revolutionäre. (...) Aber draußen am Auto treten mir die drei fremden Leute entgegen. Sprechen mich in wenig freundlichem Ton an. In Deutschland und Saarbrücken sei die alte Staatsgewalt gestürzt. Die alten Beamten seien nicht mehr allmächtig. Die Polizei sei entwaffnet.

(...) Auf Verlangen räumte ich bis zum Zusammentritt dieses großen „Rats“ dem St. Wendeler Arbeiter- und Soldatenrat ein kleines Zimmer im Landratsamt ein. Dort verteilten seine Vertreter bald rote Armbinden mit entsprechendem Aufdruck und schrieben eine Unzahl Ausweise. Ich störte sie bei dieser harmlosen Tätigkeit nicht; irgendwelchen ernsteren Unfug haben sie, soweit ich erfahren habe, in St. Wendel und Kreis nicht angerichtet. (...)

Meine letzte amtliche Berührung mit dem Deutschen Reich war, dass sich; in diesen Tagen plötzlich zwei Militärbeamte, Proviantamtsleiter, mit der Mitteilung meldeten, sie hätten den Auftrag, für den Rückmarsch der Front in St. Wendel zwei große Proviantämter einzurichten und mir zu übergeben. Die Proviantzüge würden sofort eintreffen; sie bäten mich, ihnen geeignete Räume usw. zur Verfügung zu stellen und ihnen die Sachen abzunehmen. Ich hätte die Herren umarmen können, die in tadelloser militärischer Haltung vor mir standen! Alle Sorge, die Fronttruppen könnten unsere Kreisernährung gefährden, waren also behoben. Im Gegenteil, die Herren meinten, die Vorräte wären überreichlich; alles, was etwa noch übrig bleibe, möge ich für die Zivilbevölkerung verwenden. Tatsächlich trafen kurz darauf mit einer Pünktlichkeit, die nach all dem Revolutionswirrwar überhaupt gar nicht fassbar war, die Proviantzüge in St. Wendel ein. (...)

Irgendjemand, der sie schon gesehen hat, erzählt strahlend, dass die Truppen, die viereinhalb Jahre draußen stritten und litten, in tadelloser Ordnung anmarschieren. Plötzlich kommt Leben in die Stadt St. Wendel: „ Unsere Truppen kommen!“ In Scharen ziehen die Kinder hinaus ihnen entgegen, kleine schwarzweißrote Fähnchen in der Hand oder Tannenreiser. Wer eine deutsche Fahne hatte, hing sie zur Straße hinaus, eine Art Feststimmung greift um sich. Allen Soldaten war anzusehen, welche Freude ihnen der freundliche Empfang machte: Hier war doch zum ersten Mal die wirkliche, die liebe deutsche Heimat; im benachbarten Lothringen, das sie gestern verlassen hatten, hatte kein freundlicher Blick sie begrüßt. Keine rote Fahne war bei ihnen zu sehen. (...)

Ich fuhr noch einmal tagelang durch den Kreis, um überall nach dem Umsturz Fühlung zu nehmen, besonders auch im Hinblick auf den kommenden Einmarsch der Franzosen. Überall suche ich dahin zu wirken, dass die Keisbevölkerung den Franzosen gegenüber eine ruhige Zurückhaltung an den Tag legt. Eine sehr bittere Erfahrung, eine der bittersten meines dienstlichen Lebens, machte ich hierbei auf dem Bürgermeisteramt in Berschweiler. Als ich geendet habe und fragte, antwortet mir in aller Ruhe ein Landwirt, im Knopfloch das Band des Verdienstkreuzes, das ein Jahr zuvor ich selbst dort angeheftet hatte: „Herr Landrat, wir Bauern sehen diese Dinge wohl anders an als Sie. Wir haben bisher deutsch gepflügt; wir können von Morgen an auch französisch pflügen. Was hat uns das Deutsche Reich Gutes gebracht?“