1. Saarland

Saarland-Krimi: Dreharbeiten für das ZDF mit Komparsen

In eine ZDF-Rolle geschlüpft : Die stummen Schauspieler im neuen Saarland-Krimi

Neun Stunden hat der Dreh für eine Szene der ZDF-Krimireihe „In Wahrheit“ im französischen Villerupt gedauert. Neben den Hauptdarstellern waren auch mehr als 20 Komparsen aus dem Saarland angereist.

(hgn) Rund anderthalb Stunden dauert die Fahrt von Ottweiler nach Villerupt. Etwas mehr als 120 Kilometer, die zuerst über die B 41 zur A 8 bei Neunkirchen führen, von dort an Saarlouis und Merzig vorbei. Ab dem luxemburgischen Schengen weiter auf der nahtlos in die A 13 übergehenden Strecke bis nach Esch/Alzette. Dann sind es nur noch wenige Kilometer über die Grenze nach Frankreich. Ankunft in der nicht einmal 10 000 Einwohner zählenden Gemeinde im Département Meurthe-et-Moselle.

Mitten im Örtchen weit außerhalb des Saarlandes hat die Crew der Hamburger Produktionsfirma Network Movie ihr Filmset bezogen. Nahe des Busbahnhofs in einem alten Warteraum mit dem Betoncharme der 60er. Farbe hängt in Fetzen von den Wänden. Einige der schaufenstergroßen Scheiben sind eingeworfen und mit Holzbrettern verbarrikadiert. Drinnen sind Biertischgarnituren aufgestellt, auf denen wie auf einem Wochenmarkt gefüllte Obst- und Gemüsekisten stehen.

Der Drehort: eine alte Wartehalle in Villerupt. Für den Film entsteht hier eine Tafel für Bedürftige.

Die Leiche aus dem See

Am Set: verlassene Regierstühle, während die Crew drinnen dreht.

Hier bereitet sich am Vormittag das Team auf einen weiteren Drehtag für den dritten Saarland-Krimi „Stille Wasser sind tief“ vor. So dessen bisheriger Arbeitstitel. Ob die Folge aus der Samstagsreihe „In Wahrheit“ dann auch unter diesem Namen über die Mattscheibe flimmert, ist ungewiss. Ebenso wie dessen Sendestart noch aussteht. In den Hauptrollen der ZDF-Produktion unter anderem: Christina Hecke als Hauptkommissarin Judith sowie Robin Sondermann in der Rolle ihres Kollegen Freddy. Zusammen sollen sie den Tod eines 16-Jährigen aufklären, dessen Leiche in einem See nahe einer Bergarbeitersiedlung entdeckt wurde. Dabei treten Zug um Zug weitere Straftaten im Saarland zutage.

Kameraleute bereiten sich auf den Dreh vor.

An diesem Drehtag in Frankreich sind es noch eine Menge mehr Menschen, die zwischen Kameraleuten und anderen Mitarbeitern des Teams herumwuseln. Weit mehr als 20 Komparsen aus dem Saarland machten sich auf dem Weg an jenen Ort, der zwischen Belgien, Luxemburg und Frankreich irgendwo im Nirgendwo zu liegen scheint. Sie sind allesamt Laiendarsteller. die sich auf Aufrufe in Medien bewarben. Der überwiegende Teil von ihnen soll heute in einer Szene Bedürftige darstellen, die an einer Tafel um Lebensmittel anstehen. Einige wenige mimen Ehrenamtliche, die den Anstehenden Spenden reichen.

Hier im französischen Villerupt nahe der südluxemburgischen Grenze hat das deutsche Filmteam für den neuen Saarland-Krimi des ZDFs gedreht. Foto: Matthias Zimmermann

Schweigen und doch so tun als ob

Szenen während des Drehs zum ZDF-Saarland-Krimi unter dem Arbeitstitel "Stille Wasser sind tief" am 31. August 2018 in Villerupt (Departement Meurthe-et-Moselle/Lothringen). Komparsen in Wartestellung.

Und mimen ist wörtlich gemeint. Denn die Amateure haben zu schweigen, sich nur pantomimisch zu bewegen. Tun so, als ob sie miteinander sprechen. Kein Wort kommt über ihre Lippen. Als würde hier ein Stummfilm gedreht, bei dem es ohnehin nicht auf den Ton ankommt.

Das Basislager für das Filmteam nahe des Drehortes, hier ein Wagen für Kostüme.

Ganz anders die eigentlichen Schauspieler in unmittelbarer Nähe. An einer langen Stange hält ein Assistent das schwarze Mikro über ihren Köpfen, während sie den Szenendialog sprechen. Eine kurze Einstellung, nicht länger als eine Minute. Mehrmals wird der Teil wiederholt. Immer wieder kehren alle Darsteller auf ihre Ausgangsposition zurück. Abermals wird es mucksmäuschenstill bis zur Ansage: „Ton läuft, Komparsen los.“ Die reichen ihren Kollegen Apfelsinen, Kohlköpfe, Möhren über den Tresen. Die Kommissarin ist die einzige, die spricht.

Szenen während des Drehs zum ZDF-Saarland-Krimi unter dem Arbeitstitel "Stille Wasser sind tief" am 31. August 2018 in Villerupt (Departement Meurthe-et-Moselle/Lothringen). Abkleben französischer Werbeplakate, damit der Drehort im Film hinterher nicht zu erkennen ist.

Kläffer sorgt für Drehstopp

Noch rasch die französische Reklame verbergen.

Plötzlich dröhnt von draußen Hundegebell. Darauf waren die Helfer vor der Tür nicht vorbereitet. Sie hatten zuvor die Straßen für Busse und Autos gesperrt, damit kein ungeplantes Geräusch die Aufnahmen stört. Doch dann huscht an ihnen der Kläffer vorbei. Dabei hatten sie bis dahin alles so gut im Griff. Sogar die Halbstarken, die zuvor mit aufheulenden Motoren immer wieder viel zu schnell über die holprige Fahrbahn gefegt waren – außer Hör- und Sichtweite. Doch da hilft alles nichts: Abbruch des aktuellen Drehs, alles auf Anfang.

Ausgeleuchteter Drehort. Licht draußen, damit es drinnen taghell ist.

Überraschender Gast

Noch bevor die Kameras laufen, tritt eine Dame aus dem Ort in den Raum. Sie trägt einfache Kleidung und Kopftuch. Sie schreitet an den Lebensmitteln vorbei. Komparsen sprechen eilig die Fremde auf Französisch an, versuchen ihr begreiflich zu machen, dass hier ein Film entsteht. Doch sie lässt sich nicht beirren. Angetan von den vielen Produkten, greift sie zu. Nochmals machen ihr Laien höflich und zugleich bestimmt klar, dass sie den Drehort verlassen soll. Sie schleicht durch die Tür hinaus, aus der sie gekommen ist. Kaum einer bekommt mit, dass sie zuvor klammheimlich in eine Kiste langt, eine Landgurke stibitzt und beim Hinausgehen hungrig reinbeißt.

Ausgerechnet einen französischen Ort für den Saar-Krimi zu wählen, habe etwas mit dem Flair zu tun. Die Szene soll zwar in einer Arbeitersiedlung spielen, aber nicht den Eindruck eines Plattenbauidylls vermitteln. Da sei die Produktionsfirma auf Villerupt gestoßen. Doch weil alles deutsch aussehen soll, achten die Kameraleute penibel darauf, Straßenschilder und Plakate zu verdecken oder zu überkleben, die den eigentlichen Drehort verraten könnten.

Ärger, wenn’s Handy klingelt

Der eintägige Komparsenvertrag. Foto: Matthias Zimmermann

Alles geht diszipliniert zu. Klare Ansagen der Komparsenbetreuer tragen dazu bei. Nur das tun, was gesagt wird, keine Alleingänge, die eigene Rolle ausschmücken zu wollen. Das Handy während der Dreharbeiten ausschalten, sonst gibt’s richtig Ärger. Einige Saarländer kennen das Prozedere bereits: das Warten zwischen dem Ab- und Aufbau für die einzelnen Einstellungen. Der Abstand zwischen ihnen und der Crew. Eine Frau ist bereits seit 28 Jahren dabei, wenn es darum geht, eine Rolle im Hintergrund einer Fernsehproduktion zu übernehmen. Einige waren schon in einem Tatort zu sehen, berichten sie. Aber es gibt auch blutige Anfänger. „Ich wollte mal wissen, wie so etwas ist“, sagt eine Frau.

Gemurmel ohne Kamera

SZ-Redakteur Matthias Zimmermann war unter den Komparsen.

Und dann dürfen die Komparsen kurz vor Toreschluss doch noch sprechen. Ein Tonmeister bittet um eine Art Unterhaltungsgemurmel, mit dem er später die eben abgedrehte Spielszene unterlegen will. Alle tun nun so, als würden sie sich mehr oder weniger angeregt in gedämpfter Lautstärke unterhalten. Unterdessen knistert und raschelt er mit Tüten, um Verpackungslärm nachzuahmen, und poltert mit Kisten, um Betriebsamkeit akustisch zu suggerieren. Die Kamera ist aus, nur das Mikro bleibt offen. Dann, nach neun Stunden, währenddessen die Komparsen die überwiegende Zeit herumstanden und warteten ist Ende.

Eiliges Foto mit den Stars

Während einige zum Abschluss noch schnell für ein Handyfoto mit den Hauptdarstellern posieren, schnappt die Mehrheit eilig die Quittung der Produktionsfirma, um etwas Honorar samt Fahrt´kosten einzustreichen. Einen befristeten Arbeitsvertrag gingen sie dafür am Morgen kurz vor Beginn ein, wie das rechtlich heißt. Ihr Job ist erledigt. Sie eilen zu ihren Wagen und machen sich auf den Heimweg ins Saarland. Bis zu anderthalb Stunden.