Saarland kämpft gegen Gaffer: Neue Sichtschutzwände für Autobahnen

Schaulustige bei Unfällen : Mobiler Sichtschutz soll Gaffer stoppen

Damit Rettungskräfte nach Unfällen auf Autobahnen ungestört ihre Arbeit machen können und Opfer nicht gefilmt werden, gibt es jetzt Schutzwände.

Bei manchem Zeitgenossen setzt beim Anblick von menschlichem Leid der Verstand aus. Als vor einem Jahr an der Saarbrücker Saaruferstraße Feuerwehrleute gegen die Flammen in einem Hochhaus und um das Leben der Bewohner kämpften, hatten Passanten nichts Besseres zu tun, als mit ihrem Handy draufzuhalten. Und als sich im Oktober 2017 ein Mann von der Fechinger Talbrücke zu stürzen drohte, warteten darunter schon die Gaffer mit ihren gezückten Smartphones auf den Sprung in den Tod.

Die „Grenzen des Erträglichen“ seien mittlerweile „ganz deutlich überschritten“, sagte Verkehrsministerin Anke Rehlinger (SPD) gestern in St. Ingbert-Rohrbach. In der dortigen Straßen- und Autobahnmeisterei präsentierte sie gemeinsam mit Innenminister Klaus Bouillon (CDU) die neuen mobilen Sichtschutzwände, die Gaffern auf den 240 Autobahnkilometern des Landes Einhalt gebieten sollen. Die drei Exemplare à 40 000 Euro hat der Bund bezahlt.

Anke Rehlinger und Klaus Bouillon stellten die Sichtblockaden gestern in St. Ingbert vor. Foto: SZ/Daniel Kirch

Zwar kann Gaffen als Ordnungswidrigkeit mit einem Bußgeld von 20 bis 1000 Euro geahndet werden, und wer hilflose Personen fotografiert oder Rettungskräfte an ihrer Arbeit hindert, macht sich gar strafbar. Allerdings haben Polizisten bei Unfällen erst einmal anderes zu tun, als die Personalien der Gaffer aufzunehmen. Der Großbrand mit vier Toten an der Saaruferstraße war eine Ausnahme: Dort stellte die Polizei die Smartphones mehrerer Gaffer sicher.

Die neuen Sichtschutzwände sollen Einsatz- und Rettungskräften ermöglichen, ungestört ihre Arbeit zu machen. Außerdem könne der Verkehr ungehindert an der Einsatzstelle vorbeifließen, sagte Rehlinger: „Es kommt zu weniger Staus und den daraus resultierenden Auffahrunfällen.“ Innenminister Bouillon sagte: „Die mobilen Sichtschutzwände helfen uns dabei, den Gaffern den sensationsgierigen Blick auf die Unfallstelle zu versperren, und unseren Einsatz- und Rettungskräften hinter dem Sichtschutzzaum, konzentrierter und sicherer arbeiten zu können.“ Eine gute Sache sei das, sagt Bernd Becker, der Präsident des Feuerwehrverbandes des Saarlandes. „Aber schlimm genug, dass wir den Sichtschutz brauchen.“

In einigen saarländischen Kommunen haben die Feuerwehren bereits eigene Sichtblockanden angeschafft. In Nonnweiler kam sie bereits 2016 bei einem tödlichen Unfall auf der A 1 zum Einsatz. Die Löschbezirke in Saarlouis halten die Anti-Gaffer-Wände zum Beispiel für laufende Reanimationen vor. Tatsächlich gebraucht wurden sie erst einmal: als nach einem Buttersäure-Anschlag auf ein Bordell die Damen im Freien unter die Dusche mussten.

Die nun für den landesweiten Ansatz angeschafften mobilen Sichtschutzwände bestehen aus 2,10 Meter hohen Modulen, die auf einer Länge von bis zu 100 Meter aneinandergereiht werden können. Sie sind an den Straßen- und Autobahnmeistereien in St. Ingbert-Rohrbach, Dillingen und Theeltal stationiert. Der Polizeibeamte, der den Einsatz bei einem Unfall leitet, kann die Wände beim Landesbetrieb für Straßenbau rund um die Uhr anfordern – etwa 90 bis 120 Minuten später sollen sie an der Unfallstelle sein. Der Einsatzleiter muss also abwägen, ob sich das lohnt. Wenn bei einem größeren Unfall aber noch ein Gutachter hinzugezogen wird oder verletzte oder getötete Unfallopfer aus dem Wrack herausgeschnitten werden müssen, kann sich ein Einsatz über mehrere Stunden hinziehen.

Innenminister Bouillon lobte die Anschaffung der Sichtschutzwände („Danke, Anke, für deine gute Idee“), hält für einen erfolgreichen Kampf gegen Gaffer aber härtere Strafen für erforderlich: „Es tut nur weh, wenn es richtig an den Geldbeutel geht.“

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