Nach Rassismus-Vorwürfen gegen Karnevalsverein Saar-JU-Chef kritisiert „linke Gesinnungspolizei“ – Linksjugend fordert seinen Rücktritt
Update · Nach den Rassismus-Vorwürfen gegen den Karnevalsverein Narrekäpp Helau Mildau aus Tholey-Theley springt der Landesvorsitzende der Jungen Union im Saarland dem Verein zur Seite – und übt scharfe Kritik. Jugendorganisationen anderer Parteien widersprechen Laßotta – und auch der Tholeyer Bürgermeister, selbst CDU-Mitglied, zeigt sich enttäuscht.
Für große Aufregung sorgte im Saarland noch vor der Weiberfastnacht das Motto des Karnevalsvereins Narrekäpp Helau Mildau aus Tholey-Theley. Mit „Zigeuner, Mohrenkopf und Winnetou“ betitelten die Narren ihre für den Samstag terminierte Kappensitzung – und ernteten dafür im Netz massive Kritik.
Der Vorsitzende des Vereins entschuldigte sich deutlich auf SZ-Anfrage und erneut bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. Dort kritisierten er und der anwesende Bürgermeister allerdings auch ihre Vorverurteilung.
JU-Chef im Saarland: Scharfe Kritik nach „Einknicken“ des Karnevalsvereins aus Theley
Einen Tag nach der Pressekonferenz bekommt der Karnevalsverein jetzt allerdings Unterstützung: von dem Landesvorsitzenden der Jungen Union Saar, Fabian Laßotta. In einer Pressemitteilung kritisiert dieser am Donnerstag „das Einknicken vor der linken, moralischen Gesinnungspolizei“. Der „Shitstorm“ im Netz sei von „selbsternannten Sittenwächtern für political correctness“ ausgelöst worden. „Die armen Faasebooze aus Theley mussten versichern, dass sie weder Nazis noch fremdenfeindlich sind“, teilt Laßotta weiter mit.
„In welcher Welt leben wir, dass Menschen anderen Menschen vorschreiben wollen, welche Begriffe, welche Kostüme oder auch welches Essen man verwenden darf?“, so der Vorsitzende. „Traditionelle Begriffe“ wie Zigeuner seien nicht durch ein Gesetz verboten. Es gebe beispielsweise auch kein Indianer-Kostümverbot. Laßotta: „Es gibt nur linke Aktivisten, die ihr Weltbild anderen aufoktroyieren wollen und die sich anmaßen, darüber zu urteilen, ob und wie sich Menschen aus anderen Kulturen diskriminiert zu fühlen haben.“
JU-Chef Laßotta: Alle, die für eine offene Gesellschaft stehen, sollen sich als Indianer verkleiden
Dass mit Andreas Maldener sogar ein CDU-Bürgermeister vor dem „Cancel-Culture-Wahn“ einknicke, sei enttäuschend. Alle, die für eine offene Gesellschaft stünden, sollten sich an Fastnacht jetzt als Indianer verkleiden, fordert Laßotta am Ende seiner Mitteilung. „Ich esse gerne Zigeunerschnitzel“, so der JU-Chef, der sich selbst am Ende der Mitteilung als „weltoffener und toleranter Demokrat“ bezeichnet.
Tholeyer CDU-Bürgermeister „enttäuscht“ von JU-Vorsitzendem
In einer Instagram-Story auf seinem privaten Account kommt Maldener „nicht umhin, noch einmal etwas klarzustellen“: Er stehe „zu 100 Prozent“ zu seinen Aussagen und werde „wieder genauso handeln“, wenn es nötig sei. Maldener hatte zwar den Theleyer Verein gebeten, das Motto zu ändern, sich jedoch auch kritisch zu einer „Vorverurteilung“ der Karnevalisten geäußert.
Nun ist er laut Instagram-Story selbst enttäuscht, dass Laßotta nicht in der Lage zu sein scheine, „ein solches Thema differenzierter zu betrachten“. Die mangelnde Differenzierung sieht er als „ein Kernproblem unserer aktuellen gesellschaftlichen Debatte“.
Grüne Jugend: „Erinnerungskultur endet nicht an Fasching“
Die Grüne Jugend Saar begrüßt, dass der Karnevalsverein sein vorheriges Motto angepasst hat, wie Landessprecher Finn Schlicker auf Anfrage der Saarbrücker Zeitung erklärt. Denn: „Antiziganistische und rassistische Begriffe haben auch an Fasching nichts im Sprachgebrauch zu suchen.“ Laßotta deligitimiere mit seinen Aussagen die Arbeit von Verbänden wie dem Zentralrat der Sinti und Roma. „Eine Diffamierung dieser Kritik als Aufoktroyierung durch die Junge Union lässt tief blicken“, so Schlicker weiter. Viele Sinti und Roma müssten auch heute noch ihre Herkunft aus Angst vor Diskriminierung verstecken.
„Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie diskriminierende Sprache verwenden“, sagt Schlicker. Darum sei aktive Aufklärungsarbeit nötig. „Erinnerungskultur endet nicht an Fasching, sondern fängt dort erst in einer weltoffenen, vielfältigen Gesellschaft an.“
Jusos: JU Saar „möchte an Rassismus festhalten“
Auch die Jusos kritiseren Laßotta und die JU scharf: „Während im Landtag der ‚Rasse‘-Begriff aus der Verfassung gestrichen wird, möchte die JU Saar an Rassismus festhalten“, teilt Steven Commey-Bortsie, Landesvorsitzender der Jusos Saar, auf SZ-Anfrage mit.
„Verbotspolitik“ und „linke Gesinnungspolizei“ seien Erfindungen von Konservativen. „Es gibt Begriffe, die zurecht als rassistisch deklariert werden“, so Commey-Bortsie weiter. Es gehe letztendlich nicht um Verbote, sondern um Respekt. „Schade, dass sich die Junge Union ohne nachzudenken von einem respektvollen Diskurs verabschiedet hat.“
JuLis: „Was im Festsaal funktioniert, gehört nicht auf die politische Bühne“
Verena Blacha, Landesvorsitzende der Jungen Liberalen (JuLis), hat sich ebenfalls zu den kontroversen Aussagen Laßottas geäußert. Zwar sei die Verwendung von provokanten Begriffen ein „Teil der karnevalistischen Tradition“, doch zugleich kritisierte Blacha „ein mangelndes Feingefühl auf Seiten des Vereins“. Außerdem kritisierte sie den Ton der öffentlichen Debatte. Durch die „Skandalisierung und öffentliche Diskreditierung der Veranstalter“ werde die Spaltung der Gesellschaft weiter vertieft.
Auch an Laßotta selbst übte die JuLi-Chefin Kritik. Dessen Äußerungen führten zur „von der CDU so oft monierten Verrohung des politischen Diskurses“ und seien lediglich „eine reine Reproduktion der ursprünglichen Provokation des Karnevalsvereins“. Am Ende gelte aber: „Was im Festsaal funktioniert, gehört jedoch nicht auf die politische Bühne.“
Linksjugend fordert Laßotta zum Rücktritt auf
Die Linksjugend Solid ging sogar noch einen Schritt weiter und forderte Laßotta zum Rücktritt auf. Kai Reppert, Landessprecher der Linksjugend, ging mit dem JU-Landeschef hart ins Gericht: „Laßotta übernimmt hier 1:1 AfD-Rhetorik und überholt seine eigene Partei hart von rechts.“ Die Junge Union sei mit Blick auf das sprachliche Niveau „damit beim AfD-Stammtisch angekommen“. Die Äußerungen Laßottas erweckten zudem Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Engagements der JU gegen Rechtsextremismus.