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Saarland
Helfer mit App schneller als der Notarzt

(Symbolbild).
(Symbolbild). FOTO: dpa / Patrick Seeger
Saarbrücken. Ersthelfer in der Nähe eines Notfalls sollen künftig geortet und mit dem Rettungsdienst alarmiert werden. Sie könnten Leben retten. Von Daniel Kirch
Daniel Kirch

Chefkorrespondent Landespolitik

Zwischen dem Eingang eines Notrufs in der Rettungsleitstelle auf dem Winterberg in Saarbrücken und dem Eintreffen des Rettungswagens vergehen im Saarland im Durchschnitt 9:44 Minuten, maximal dürfen es laut Gesetz zwölf Minuten sein. Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand kann das viel Zeit sein, denn es kommt auf jede Sekunde an.


In Zukunft sollen Patienten bei lebensbedrohlichen Notfällen daher noch schneller Hilfe bekommen – über ein App-basiertes Alarmierungssystem, an dem sich zehntausende Ehrenamtliche beteiligen könnten. Der Gedanke dahinter: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich in der Nähe eines Notfallorts zufällig ein Arzt, eine Krankenschwester oder ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation aufhält, ist recht groß. Diese geschulten Ersthelfer sollen, nachdem sie durch das GPS ihrer Smartphones geortet worden sind, in Zukunft daher parallel zum Rettungsdienst von der Leitstelle automatisch per App mitalarmiert werden. Der Ersthelfer soll dann bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes Erste Hilfe leisten.

Nach einer Auswertung des Vereines „Mobile Retter“, der das App-basierte System in mehreren Regionen Deutschlands betreibt, sind mobile Retter im Durchschnitt bereits nach 4:48 Minuten am Notfallort. Typische Beispiele für Einsatzmöglichkeiten sind ein Herz-Kreislauf-Stillstand oder eine Bewusstlosigkeit.



„Unser Ziel ist, dass wir in der ersten Jahreshälfte damit starten“, sagt der CDU-Abgeordnete Alexander Zeyer, der sich nach eigenen Worten seit Jahresanfang dafür eingesetzt hat, dass das System im Saarland eingeführt wird. Von den Grünen bis zur AfD wird das befürwortet. Die große Koalition will für das neue System in den beiden kommenden Jahren 125 000 Euro ausgeben. Zunächst muss das Alarmierungssystem ausgeschrieben werden. Die Leitstelle auf dem Winterberg muss außerdem entsprechend ausgerüstet werden, und auch die Übernahme des Versicherungsschutzes für die Ersthelfer kostet Geld.

Wer einer der „mobilen Retter“ werden will, muss sich mit seiner medizinischen Qualifikation (mindestens Ersthelfer) zunächst registrieren lassen. Infrage kommen dafür im Saarland beispielsweise 5000 Ärzte, 6500 Krankenschwestern und Krankenpfleger, 500 hauptamtliche Mitarbeiter im Rettungsdienst, 11 300 Feuerwehrleute, 2700 Polizisten, 1500 Soldaten, zahlreiche ehrenamtliche Sanitäter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), des Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), des Malteser-Hilfsdienstes oder des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) sowie jeder andere, der sich entsprechend ausbilden lassen will. Um auszuschließen, dass sich Hochstapler für das System anmelden, müssen Interessenten, um für das System freigeschaltet zu werden, bei einem Vor-Ort-Termin zuerst ihre praktischen Kenntnisse etwa in der Herz-Lungen-Wiederbelebung nachweisen.

In der DRK-Spitze im Saarland gibt es noch Vorbehalte, sie hält das System für nicht ausgereift. „Es muss Qualität dahinterstehen. Ich bin erst einmal sehr zurückhaltend mit wenig integrierten Strukturen“, sagt DRK-Präsident Michael Burkert. Es dürfe nicht zulasten des Rettungsdienstes gehen, die Hilfsfrist von zwölf Minuten müsse bestehen bleiben. Zeyer sagt, es gehe nicht darum, den Rettungsdienst zu ersetzen. Nach seinen Worten ist geplant, die Hilfsorganisationen wie das DRK bei dem Projekt einzubinden, etwa indem sie die Kenntnisse der Bewerber in Erster Hilfe überprüfen, bevor sie zugelassen werden.

Das System der registrierten Ersthelfer geht über die im Saarland bereits punktuell bestehenden First-Responder-Gruppen (derzeit vier, bald fünf) hinaus. Bei dieser Form der ehrenamtlichen Nachbarschaftshilfe wird eine Gruppe aus medizinisch geschultem Personal von der Leitstelle alarmiert, wenn es in ihrer Kommune einen Notfall gibt.

Bundesweit erstmals getestet wurde das Alarmierungssystem „Mobile Retter“ 2013 im Kreis Gütersloh. Derzeit gibt es die App in zwölf weiteren Regionen, unter anderem in Ingolstadt, Osnabrück, im Neckar-Odenwald-Kreis und in Landau. Das Saarland wäre das erste Bundesland, in dem das System flächendeckend eingeführt wird.