Saarländische Landwirte protestieren vor Landtag in Saarbrücken

Proteste vor dem Landtag in Saarbrücken : Saar-Bauern fühlen sich überrollt

„Kein Respekt“ und immer wieder neue Verordnungen: Am heutigen Freitag wollen die Landwirte aus dem Saarland mit 350 Traktoren vor dem Landtag protestieren. Die SZ hat die Landwirte im Vorfeld gefragt, warum sie sich so aufregen.

Sie wollen nicht mehr der Watschenmann der Nation sein, wenn es darum geht, Landwirtschaft und Natur in Einklang zu bringen. „Uns Bauern pauschal für alles mögliche – wie das Insektensterben oder die Nitratbelastung der Böden – zu verurteilen, geht gar nicht“, sagt Valentin Puhl. Er ist einer der Sprecher der neuen bäuerlichen Basisbewegung „Land schafft Verbindung (LSV)“ an der Saar, die heute um die Mittagszeit vor dem saarländischen Landtag mit einer Traktoren-Demo auf ihre Anliegen aufmerksam machen will. Rund 500 Landwirte erwarten die Veranstalter, doch es können auch mehr werden. „Wir fordern Respekt für unsere Arbeit ein“, ergänzt Stefan Bauer. „Denn wir produzieren sehr hochwertige Lebensmittel, doch jeder meint, auf uns herumtrampeln zu müssen.“

Vor allem ärgert die Landwirte, dass nach 2017 in wenigen Wochen schon wieder eine neue Düngeverordnung eingeführt werden soll, um die Nitratbelastung der Böden zu verringern. Die Europäische Union hat Deutschland Strafen angedroht, wenn sie die EU-Grenzwerte für Nitrat im Grundwasser auch in Zukunft nicht einhält. „Doch es ist überhaupt noch nicht klar, welche Verbesserungen die drei Jahre alte Verordnung gebracht hat, daher ist eine weitere Verschärfung vollkommen unangebracht“, merkt der Landwirt Martin Pelletier an. Vor allem aber fordern die LSV-Mitstreiter europaweit einheitliche Messmethoden.

„Es gibt keine verbindliche Norm, wie der Nitratgehalt des Bodens gemessen werden muss“, kritisiert Bernhard Sauer, ebenfalls einer der saarländischen LSV-Wortführer. „Außerdem sind wir nicht die einzigen, die Nitrate in den Boden einbringen.“ So würden Stickstoff und Nitrat in großen Mengen freigesetzt, wenn wegen Baumaßnahmen massenweise Erde abgetragen wird.  Nitrat-Salze und Stickstoff gelangten zudem in die Böden, wenn kommunale Abwasser-Leitungen undicht sind.

„Wir Landwirte halten uns an die Düngevorschriften“, ist Stefan Bauer überzeugt. „Wenn wir mehr Dünger ausbringen würden, als vorgeschrieben ist, und unsere Pflanzen benötigen, schneiden wir uns doch ins eigene Fleisch.“ Denn Dünger sei teuer und mindere den Ertrag. Das gleiche gelte für Pflanzenschutzmittel, „von denen wir ebenfalls nur so viel auf die Felder aufbringen, wie unbedingt nötig ist“. „Wir sind keine Wasservergifter und wollen auch niemanden schädigen.“ Gesunde Böden „sind in unserem ureigensten Interesse, denn sie sind unser wichtigstes Kapital, nachhaltiges Wirtschaften ist Teil unserer DNA“, so Bauer. Auch das Insektensterben könne viele Ursachen haben und sei nicht Bauernwerk.

Die Landwirte befürchten jedoch, dass mit der neuen Düngeverordnung des Guten zu viel getan wird. „Wenn der Nitrat-Gehalt weiter sinkt, erhalten unsere Pflanzen nicht mehr genügend Nährstoffe, um mit ihnen hochwertige Lebensmittel herzustellen“, ist Valentin Puhl überzeugt. „Sie hungern dann.“ Dies habe zur Folge, dass beispielsweise beim Getreide die hohen Qualitätskriterien der Mühlen, die Roggen oder Weizen zu Mehl verarbeiten, nicht mehr eingehalten werden könnten. „Dann kann das Getreide nur noch an das Vieh verfüttert und Brotgetreide muss importiert werden“, sagt Puhl.

Auf der anderen Seite werde gefordert, verstärkt auf regionale Lebensmittel zu setzen, um aus Klimaschutz-Gründen die Transporte zu minimieren. „Wir Bauern wollen die Grundversorgung in Deutschland mit hochwertigen Nahrungsmitteln sicherstellen“, ergänzt Puhl. „Doch man muss uns auch die unternehmerische Freiheit dazu lassen.“

Durch die geringere Versorgung der Böden mit Dünger werde ihnen zudem die Möglichkeit entzogen, Humus zu bilden und damit der Luft Kohlendioxid (CO2) zu entziehen, das für den Klimawandel verantwortlich gemacht wird. „Unsere Böden sind einer der größten CO2-Speicher überhaupt“, sagt Martin Pelletier.

Die Landwirte wollen sich der Diskussion um die Nitrat-Belastung der Böden nicht entziehen. „Wir sind keine Totalverweigerer und wollen uns konstruktiv an der Diskussion beteiligen“, so Stefan Bauer. „Doch man muss uns auch zuhören.“

Die schnelle Abfolge der Gesetzes- oder Verordungs-Änderungen „schafft zudem bei den Bauern Unsicherheit“, merkt Puhl weiter an. „Wenn wir in unsere Höfe eine sechsstellige Summe investieren müssen, um beispielsweise einen modernen Stall zu bauen, brauchen wir für mehr als zwei Jahrzehnte Planungssicherheit, um die Investitionskosten wieder zu erwirtschaften.“ Das Hin und Her bei den Regelwerken würde Investitionen verhindern.

Der Bauernverband Saar, der die heute stattfindende Demo nicht mit ausrichtet und auch kein Veranstalter ist, hat seine Mitglieder informiert, dass die Proteste stattfinden, sagt Hauptgeschäftsführer Hans Lauer. Mit der neuen bäuerlichen Basisbewegung LSV „suchen wir die Zusammenarbeit“.

Valentin Puhl (r.) und Martin Pelletier protestieren als Landwirte gegen die Agrarpolitik und stehen hier am Mittwoch (15.1.2020) vor ihrem Traktor in Riegelsberg. Am Freitag ziehen sie mit Kollegen vor den Landtag. Foto: BeckerBredel. Foto: BeckerBredel

Lauer hat „höchsten Respekt vor der Initiative“. Auch er kritisiert, „dass die Gesellschaft der Arbeit der Landwirte nicht mehr die Wertschätzung entgegenbringt, die ihr gebührt“.