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Weihnachtsschmuck
Kult-Weihnachtskugeln aus Lothringen

Nathalie Nierengarten und ihre Weihnachtskugeln „Arti“ (wie Artischocke), die sie für das Glaskunstzentrum Meisenthal entworfen hat.
Nathalie Nierengarten und ihre Weihnachtskugeln „Arti“ (wie Artischocke), die sie für das Glaskunstzentrum Meisenthal entworfen hat. FOTO: Silvia Buss
Saarbrücken/Meisenthal. Die in Saarbrücken lebende Designerin Nathalie Nierengarten entwarf die aktuelle Weihnachtskugel für das lothringische Glaskunstzentrum in Meisenthal. Von Silvia Buss

Als Kind war das Gelände der Glashütte Meisenthal in Lothringen  für Nathalie Nierengarten wie ein großer Abenteuerspielplatz. „Mein Opa hat dort noch als Glasbläser gearbeitet“, erzählt die Grafikerin, die mit dem Studium in Saarbrücken heimisch wurde und mit Studienfreunden vor acht Jahren die Grafik-Design-Agentur „Bureau Stabil“ gründete. Als Nierengarten in Meisenthal zur Welt kam, war die Hütte, die auf 260 Jahre Tradition zurückblickte, schon geschlossen. Als internationales Glaskunstzentrum CIAV 1992 wieder eröffnet, sind die alten Produktionsstätten inzwischen, besonders an Weihnachten, ein Mekka für Touristen. 20 000 Besucher pilgern regelmäßig im Advent in den kleinen Vogesenort, um mitzuerleben, wie dort die „boules de noël“ hergestellt werden.


Die Meisenthaler Weihnachtskugeln sind in Lothringen begehrte Sammlerobjekte. Mit Spannung erwarten die Fans jedes Jahr die Vorstellung der neuen Kugel des Jahres. Denn das CIAV hatte die geniale Idee, jedes Jahr andere Künstler einzuladen, eine neues, zeitgenössisches Modell zu entwerfen. Die erste Jahreskugel designte 2001 der Saarbrücker Kunstprofessor Andreas Brandolini, der auch eine Kooperation zwischen dem CIAV und der Hochschule der Bildenden Künste Saar initiierte. Dieses Mal durfte Nierengarten die Kugel entwerfen. „Es ist eine große Ehre, ausgewählt zu werden“, sagt die Französin. Von ihrem Modell „Arti“, für das eine Artischocke Pate stand, zeigten sich Meisenthaler Glasexperten restlos begeistert. „Rund 40 000 Weihnachtskugeln verkauft Meisenthal jedes Jahr, davon sind 15 000 die Jahreskugeln“, weiß Nierengarten. Schon Monate vor dem  Verkaufsstart am 29. November beginnt man im CIAV, die Jahreskugel zu produzieren.

Mit viel Herzblut hatte sich die Grafikerin nach Einladung aus Meisenthal ins Zeug gelegt und wochenlang Entwürfe skizziert. „Die erste Assoziation, die mir zu Weihnachten einfiel, war die Meeresfrüchteplatte, die es bei uns zu Hause zum Fest immer gab“, erzählt die 34-Jährige. Also zeichnete sie Meeresfrüchte und Muscheln in allen möglichen Varianten und kam dann auf Gemüsesorten, studierte alte Botanikbücher und blieb schließlich bei der Artischocke hängen. „Ich fand ihre Symbolik so spannend, harte Schale – weicher Kern, ihr Inneres nennt man ja auch Herz“, erläutert Nierengarten. Und auf Französisch sage man Artischockenherz zu Menschen, die sich ständig neu verlieben. Der spannendste Moment war für die Künstlerin, als sie die endgültige Gussform vor sich sah. Nur rund zwei Minuten braucht ein Glasbläser dann, um die glühende Glaspaste in die Form einzuführen und ihr mit seinem Atem Gestalt zu geben.



Bis Weihnachten kann man die Glasbläser bei ihrer kunstvollen Arbeit im CIAV auch hautnah beobachten. Zu erstehen sind Niergartens „Artis“ in 15 Farben und die anderen Meisenthal-Kugeln nur vor Ort, auf Weihnachtsmärkten und in Tourismusbüros in Lothringen (mit einer Ausnahme: siehe Info). Eigentlich schade, denn Nierengarten ist das beste Beispiel dafür, dass in der Großregion doch alles irgendwie zusammenhängt: Als Französin, die ihr Handwerkszeug im Saarland lernte, wo jetzt auch ihr Kind aufwächst, hat sie sogar Beziehungen zu Rheinland-Pfalz; ihre Oma kommt aus Trier.