| 20:42 Uhr

Sozialpolitik
Zufluchtsort für verzweifelte Alleinerziehende

In der Mutter-Kind-Einrichtung: Lisa (links) mit ihrem Kind und Erzieherin Wiebke Lackas.          
In der Mutter-Kind-Einrichtung: Lisa (links) mit ihrem Kind und Erzieherin Wiebke Lackas.           FOTO: Diakonie Saar/Stein
Saarbrücken. Die Mutter-Kind-Einrichtung der Diakonie hilft Müttern und Vätern, die nicht mehr wissen, wie sie sich und ihr Kind durchbringen. Von Jana Bohlmann

Das Haus in der Ursulinenstraße 59 ist grau und unscheinbar. Es fällt nicht auf, wenn man daran vorbeiläuft. Das einzige Verdächtige sind die vielen Handabdrücke mit lila Farbe am Fenster neben dem Eingang. Ein Schild mit dem Logo der Diakonie Saar hängt daneben. Auf dem Türschild steht Mutter-Kind-Einrichtung und „bitte klingeln“.


Es ist hier in der Ursulinenstraße 59 in Saarbrücken, wo alleinerziehende Mütter und Väter in schwierigen Lebenslagen Hilfe finden. Es ist ein Zufluchtsort, für Mütter und Väter, die nicht mehr weiterwissen. Sie wissen nur, dass sie Hilfe brauchen und für sich und ihr Kind nicht mehr sorgen können. In der Mutter-Kind-Einrichtung der Diakonie Saar können diese Menschen nochmal neu anfangen.

In einer von neun Zwei-Zimmer-Wohnungen können sie sich und ihr Leben sowie das ihrer Kinder neu strukturieren – unterstützt von zwölf Erziehern und Sozialpädagogen, die rund um die Uhr für sie da sind. „Oft gab es einen Bruch in der Biografie der Mütter und Väter, die hier einziehen“, sagt die Bereichsleiterin Nathalie Weber. Das kann eine Trennung sein, ein Todesfall, Obdachlosigkeit oder einfach das Elternwerden an sich, erklärt sie.



Unterstützung gibt es hier für alle, die sie brauchen. Auch für Lisa. Sie kämpfte schon vor ihrer Schwangerschaft vor drei Jahren mit psychischen Problemen und war überfordert von dem Gedanken, bald Mutter zu werden, sagt sie. Sie wusste nicht weiter. Hilfe bekam sie vom Jugendamt, das gemeinsam mit ihr nach einer passenden Lösung suchte.

Nach Infogesprächen, einem Aufnahmegespräch in der Einrichtung, einer Besichtigung ihrer zukünftigen Wohnung im vierten Stock und einer Einweisung in die Hausregeln, war es soweit: Lisa konnte einziehen. „Ich war damals hochschwanger. Ich weiß nur noch, dass ich mich die vier Stockwerke hochgeschleppt habe und dann total platt war“, erzählt sie und lacht.

Die Wohnungen sind nur mit dem nötigsten ausgestattet: Es gibt einen Tisch, zwei Stühle, ein Bett und einen Wickeltisch. „Man soll sich bei uns so einrichten können, wie man möchte“, sagt Erzieherin Wiebke Lackas. „Es soll sich hier nicht fremd anfühlen, deswegen ist es wichtig, dass man auch seine eigenen Sachen mitbringen kann. Man soll sich schließlich wohlfühlen.“

Der Anfang in der Mutter-Kind-Einrichtung ist Lisa nicht leicht gefallen. Zurückgezogen habe sie sich und auch gezweifelt habe sie an ihrer Entscheidung. „Wir haben aber immer wieder geklopft und nach ihr geschaut“, sagt die Erzieherin Wiebke Lackas. Lisa konnte sich an das neue Leben gewöhnen. „Und dann habe ich mich richtig wohlgefühlt.“ Aus den Nachbarn in der Mutter-Kind-Einrichtung sind längst Freunde geworden und gern sitzen sie abends im Gemeinschaftsraum oder kochen zusammen.

Die Tage in der Mutter-Kind-Einrichtung sind strukturiert. „Unsere Aufgabe ist es, die Elternteile zu unterstützen und ihnen zu helfen, wieder eigenständig leben zu können und Prioritäten zu setzen“, sagt die Erzieherin Wiebke Lackas. „Die Elternteile sollen hier auch wieder Eigenverantwortung lernen“, fügt Bereichsleiterin Nathalie Weber hinzu. In den Räumlichkeiten der Einrichtung gibt es das Training für Eltern und Kind (TEK). Es gleicht einer Kita – einziger Unterschied: Die Eltern bleiben hier den ganzen Tag dabei und basteln, singen und malen mit ihren Kindern.

„Eltern wird im TEK gezeigt, wie sie mit ihren Kindern spielen und so eine Beziehung aufbauen können“, erklärt Wiebke Lackas das Konzept. Außerdem gibt es einen Elternkurs an zwei Tagen in der Woche. Die Eltern sollen lernen, wie sie mit Kind den Alltag meistern können, sagt die Erzieherin.

Drei Jahre schon lebt Lisa in der Einrichtung. Nach dem Einzug kam ihr Sohn Jan auf die Welt. Kontakt zum Vater gibt es keinen mehr. Sie hat ihr Leben mittlerweile in den Griff bekommen.

„Ich stehe jetzt auf, wenn der Wecker klingelt, mache meine eigenen Termine, koche selbst und bekomme das alles ganz gut hin“, sagt die 28-Jährige stolz. Im Oktober wird Lisa die Mutter-Kind-Einrichtung verlassen. Eine neue Wohnung hat sie schon gefunden – alleine, ohne Hilfe. Auf Jobsuche ist sie momentan. Sie freut sich auf diesen neuen Lebensabschnitt. Die letzten drei Jahre waren die richtige Entscheidung, sagt sie. „Mir geht es gut, ich konnte eine Beziehung zu meinem Sohn aufbauen, und ich habe gelernt, wie ich mit Problemen umgehen kann.“