Zahl der Eheschließungen im Saarland gestiegen

Kostenpflichtiger Inhalt: Zahl der Eheschließungen gestiegen : Mehr Saarländer gehen Bund fürs Leben ein

Die Zahl der Eheschließungen war 2018 so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Das hat auch etwas mit einer Gesetzesänderung zu tun.

Saarländerinnen und Saarländer trauen sich: 2018 haben so viele Menschen im Land geheiratet wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Das geht aus dem neuen Statistischen Jahrbuch hervor. 5363 Ehen wurden geschlossen, 665 mehr als 2017. 2000 waren es noch über 5800. Seither nahm die Zahl stetig ab. Rückläufig ist indes die Zahl der Scheidungen. Wurden 2017 noch 2038 Ehen geschieden, waren es 2018 „nur“ 1913.

Die vielen Eheschließungen 2018 haben demnach auch etwas mit einer Gesetzesänderung zu tun. Seit 1. Oktober 2017 haben gleichgeschlechtliche Paare das Recht zu heiraten. Zuvor waren in Deutschland nur eingetragene Lebenspartnerschaften möglich. „Die Eheschließungen von Oktober 2017 bis einschließlich Dezember 2017 wurden in die Berechnung von 2018 aufgenommen“, teilt das Statistische Landesamt auf SZ-Anfrage mit. Es könne also sein, dass die Zahl 2019 wieder rückläufig sein wird.

Andrea Lermen ist Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Wadgassen-Schaffhausen. 2018 hat sie sieben Paare getraut, ebenso 2019. „Das hört sich vielleicht nicht nach viel an, aber für eine kleine Landgemeinde ist das schon enorm“, sagt Lermen. Darunter waren auch gleichgeschlechtliche Paare und Paare, „die schon etwas älter waren“. Vor der Trauung führt sie mit ihnen intensive Gespräche. Was ihr dabei auffällt: „Die Paare sind sehr verbindlich. Sie haben klassische Lebensentwürfe.“ Familie, Kinder, fester Wohnort mit Eigenheim. Sie wünschten sich „Stabilität in Krisenzeiten“.

Die Trauung selbst sei „ernsthafter“ als noch vor einigen Jahren. „Früher wurde auch schon mal mit der Stretchtlimousine oder dem Hummer vorgefahren. Ich kam mir vor, als sei ich nur Zeremonienmeisterin. Die kirchliche Trauung war das Sahnehäubchen sozusagen“, sagt die Pfarrerin. Mittlerweile hätten die Paare wieder eine größere „Sehnsucht nach dem Segen als Pendant zur Stabilität“. Im Gottesdienst werde ihrer Ansprache mehr Aufmerksamkeit geschenkt, ist sich Lermen sicher. „Das merke ich auch daran, wie die Menschen mich ansehen.“ Gleichwohl werde jede Trauung individuell gestaltet, die Paare bestimmten mit. Auch das Verloben sei wieder „im Trend“. Die Paare seien stolz darauf, zeigten und feierten es. Gesellschaftliche Konventionen, die zur Ehe zwingen, gebe es schon lange nicht mehr. „Die Paare entdecken freiwillig alte Traditionen wieder“, sagt Lermen.

Die Statistik im katholischen Bistum Trier zeigt: Auch hier wurden 2018 mehr Ehen geschlossen als ein Jahr zuvor. 2285 Paare ließen sich kirchlich trauen (2017: 2184), sagt Dominik Holl von der bischöflichen Pressestelle in Saarbrücken. Matthias Holzapfel ist Pfarrer der Pfarrei St. Martin in Saarbrücken. Er traut nach eigenen Angaben sehr viele Paare. „Vor allem, weil ich anbiete, den Gottesdienst individuell und persönlich zu gestalten“. Nur wenige Paare jedoch würden sich ihres Glaubens wegen für eine kirchliche Trauung entscheiden. Für die meisten sei es familiäre Tradition. „Das gehört für viele einfach dazu. Es ist vielmehr Ausdruck der Liebe denn Ausdruck des Glaubens.“ Dass die Ehe heute ein „Zurück zur Sicherheit“ bedeute, kann Holzapfel nicht bestätigen. Zumindest hätten das die Paare ihm gegenüber nicht geäußert. „Sie leben vor der Ehe ja schon lange zusammen. Ich denke, sie erwarten wenig Veränderung zu ihrem bisherigen Leben“, sagt der Pfarrer. Und dennoch, eine „öffentliches“ Versprechen, vor der Familie, vor Freunden, „bedeutet auf jeden Fall Veränderung. Das versuche ich den Paare deutlich zu machen – und das bestätigen sie mir dann auch im Gespräch“.

Einer Jugendstudie zufolge wünschen sich viele junge Menschen eine gewisse Stabilität. Die Ehe vermittele vielleicht Sicherheit. Aber das „ist trügerisch“, sagt Michael Sztenc, Diplompsychologe sowie Paar- und Sexualtherapeut aus Saarbrücken. Zwar gebe das Ja-Wort der Beziehung durchaus eine andere Qualität. „Das ist nichts Neues und im optimalen Fall hält es für immer.“ Allerdings sei kaum jemand gut auf die Ehe vorbereitet. Es gebe zu viele Mythen, „was die Ehe mit sich bringen soll“. Früher seien die (Geschlechter-)Rollen klarer definiert gewesen. Heute hätten die Menschen mehr Freiheiten, ihr Leben zu gestalten. Damit gehe  mehr Verantwortung einher. Ein größerer Druck liege auf der Partnerschaft. Trotzdem wagt der Psychologe zu bezweifeln, dass Ehen früher glücklicher waren. „Sie waren anders.“ Vor allem, weil die Kriegs- und Nachkriegsgeneration von diesen Erlebnissen geprägt waren.

Die meisten Konflikte entstehen nach Ansicht Sztencs durch Nähe und Distanz: „Der Wunsch nach Geborgenheit und Sicherheit, was aber Verpflichtungen mit sich bringt, und der Wunsch nach persönlicher Freiheit.“ Es mangele den Menschen an der Fähigkeit, solche Konflikte auszutragen. Deshalb spricht sich der Psychologe auch für ein entsprechendes Unterrichtsfach aus. „Natürlich sollte das kein ‚Wie führe ich eine Ehe’ für Grundschulkinder sein.“ Doch die Themen Beziehung, Konflikte lösen, sich anpassen, aber auch durchsetzen können, sollten seiner Ansicht nach schon früh gelehrt und gelernt werden.