"Würde, Freiheit, Gleichheit": Ehepaar aus Elversberg hat Grundgesetz für Kinder geschrieben

Kostenpflichtiger Inhalt: „Würde, Gleichheit, Freiheit“ : Saarländer schreiben Grundgesetz für Kinder

Susanne und Matthias Strittmatter haben die Verfassung in altersgerechte Sprache übersetzt. Sie fordern: „Gebt das Grundgesetz in Kinderhand.“

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Der erste Artikel des Grundgesetzes ist wohl auch der allgemein bekannteste. Doch was bedeutet er eigentlich? Ganz klar: „Würde ist ein ganz tiefer Kern in Dir, was Du bist und Dich ausmacht, was Dich froh sein und Dich andere lieben lässt, weil Du Dich selbst gut fühlst“, sagen Susanne und Matthias Strittmatter aus Elversberg im Gespräch mit der SZ. Und dieser innere Kern dürfe niemand „kaputtmachen, und Du darfst das bei anderen natürlich auch nicht“.

Susanne, die im Bereich berufliche Aus- und Weiterbildung arbeitet, und Matthias, Neurologe, haben das Grundgesetz neu geschrieben – für Kinder im Grundschulalter. „Würde, Freiheit, Gleichheit“ ist ein wunderschön illustriertes, mit vielen Beispielen versehenes Buch, das die Verfassung Deutschlands in eine altersgerechte Sprache „übersetzt“. Damit Kinder auch Lust zum Lesen bekommen. Das Grafikdesign stammt von Tobias Degel. Die Illustrationen von Martina Krämer zeigen Szenen aus dem Alltag von Kindern: auf dem Schulhof, mit ihren Freunden in der Freizeit und zu Hause in der Familie.

Eine Seite aus „Würde, Gleichheit, Freiheit“, eine Kinderversion des Grundgesetzes von Susanne und Matthias Strittmatter. Das 108 Seiten umfassende Buch ist mit vielen Illustrationen und Beispielen aus dem Alltag der Kinder versehen. Foto: Conte Verlag

Was läuft falsch in einer Gesellschaft, in der Hass- und Rechtskriminalität, Hetze und Intoleranz immer mehr in die Mitte rücken? In einem Urlaub vor rund drei Jahren, „in einem ‚Blues’, in dem wir uns immer beklagten, wie schlecht alles irgendwie ist, wie es den Bach runtergeht“, sagt Matthias Strittmatter, diskutierte die Familie mit Freunden über Werte und Zusammenhalte, die es in der Gesellschaft geben müsste. „Damit wir so pluralistisch leben, wie wir es eigentlich wollen“, ergänzt seine Frau Susanne. Schnell war klar: Diese Werte gibt es bereits, festgehalten im Grundgesetz. Ebenso schnell war klar, dass sie an Kinder und in die Schulen weitergetragen werden müssten. Denn Kinder „haben keine Vorurteile“, sagt Matthias. Allerdings wurde Familie Strittmatter bei ihrer Suche nach einer Kinderversion des Grundgesetzes nicht fündig. Also schrieben sie sie einfach selbst.

Dabei haben sie sich auf die ersten 13 Artikel beschränkt, weil „die die Lebensrealität der Kinder abbilden“, sagt Susanne. Weniger relevante Teile wie die Wehrpflicht haben sie ausgelassen. Jeden Artikel nahmen sie genau unter die Lupe, haben dann versucht, sie in „einfache, glatte Sätze aufs Papier zu bringen“. Das sei gar nicht so einfach gewesen, hätte sich doch recht schnell herausgestellt, was für ein „dichter und weiser Text das Grundgesetz ist“, sagt Matthias. „Manche Artikel klingen so einfach, dabei ist jedes Wort sorgsam ausgewählt.“ Je tiefer man einsteige, desto schwieriger werde es. Und umso mehr Zeit hat das Ehepaar gebraucht, den Text so umzuschreiben, dass er zwischen die Buchdeckel passt.

Cover "Würde, Gleichheit, Freiheit": Grundgesetz für Kinder von Susanne und Matthias Strittmatter. Foto: Conte Verlag

Während der Arbeit an ihrem Buch haben sie selbst dazugelernt und bestimmte Artikel wiederentdeckt. Zu selbstverständlich ginge man in der heutigen Zeit mit gewissen Werten und Rechten um; zum Beispiel mit dem Recht, seinen Beruf frei wählen zu können, kritisiert Matthias. „Es gibt immer noch Länder um uns herum, in denen das nicht möglich ist.“ Zu selbstverständlich sprächen viele auch von Würde. „Wenn man sich damit beschäftigt, dann erkennt man, dass Würde ein wahnsinnig facettenreicher Begriff ist. In der Diskussion mit Freunden, auch aus dem Ausland, haben wir ganz andere Blickwinkel auf solche Begriffe wie Freiheit, Würde und Gleichheit kennengelernt.“

Ein Artikel, an dem Familie Strittmatter besonders lange gesessen habe, ist das Recht auf Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit. „Das ist echt knifflig. Da kommen Sie schnell in ein Dilemma. Auf der einen Seite darf jeder jeden Glauben leben – das ist toll. Aber auf der anderen Seite sollen Sie respektieren, dass der andere auch seinen Glauben hat?“, fragt Matthias. Die eigene Freiheit höre da auf, wo die Freiheit des anderen beginnt. Dass das nicht jeder verstanden hat, zeigten die Diskussionen, die die Gesellschaft ausfechtet. „Da versprechen wir uns von Kindern fantasievolle, konstruktive und kreative Lösungen, die uns ein Stück weiterbringen. Also gebt das Grundgesetz in Kinderhand!“

Gleichheit und Gleichberechtigung müssten gelebt werden. Meinungsfreiheit müsse trainiert werden, sagt Susanne. Und die Schule sei der beste Trainingsplatz. Sie böte den Platz, um solche Diskussionen zu führen, solche Werte zu vermitteln und, um Rechte und Pflichten zu trainieren. Es gebe viele Anfeindungen von außen, hervorgerufen durch „Unkenntnis, mangelnde Bildung und mangelndes Bewusstsein“, sagt Matthias. Deswegen sei es so wichtig, dass die Werte frühzeitig gelehrt und ins Bewusstsein gehoben würden – auch durch die Eltern, betont das Ehepaar. Demokratie beziehe sich nicht nur „auf Berlin oder den Landtag im Saarland“. Sie entstehe im Kleinen und werde dann lebendig, wenn sie zu Hause und in der Schule gelebt werde. „Wenn wir das Grundgesetz leben, brauchen wir nicht mehr darüber zu sprechen“, sagt Matthias.

Zum Schluss wird das Ehepaar sehr ehrfürchtig. Susanne und Matthias erinnern an die Geschichte des Grundgesetzes, „wie es auf den Trümmern des Krieges entstanden ist“. Sie fühlen Demut und Dankbarkeit, dass es die Verfassung gibt, sagen sie. Gleichzeit mahnen sie, dass die letzte Generation, die den Krieg noch erlebt hatte, bald nicht mehr da sein wird und der Faden in die Entstehungsgeschichte abreißen werde. Das wollen sie mit ihrem Buch ändern. „Das Grundgesetz war dafür gedacht, uns zu schützen. Und jetzt sind wir gefordert, das Grundgesetz zu schützen.“

„Würde, Freiheit, Gleichheit“: Susanne und Matthias Strittmatter, Bilder: Martina Krämer, Grafikdesign: Tobias Degel, Conte Verlag, 108 Seiten, 15 Euro.
Buchvorstellung: 27. November, 18 Uhr, im Kuba, Europaallee 25 in Saarbrücken. Anschließend Diskussionsrunde mit den Autoren.

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