Wo in Saarbrücken neue Hotels entstehen könnten und was das an Sorgen bringt.

Kostenpflichtiger Inhalt: Sorge der Hoteliers : Die Furcht vor einem Hotel-Krieg in Saarbrücken

Die Landeshauptstadt bekommt ihr erstes Designer-Luxushotel, zugleich schrecken drei weitere neue Hotel-Vorhaben in der Innenstadt die alteingesessene Hotellerie auf.

Des einen Freud ist des anderen Leid. Oh je, seufzt die Präsidentin des Hotel- und Gaststättenverbandes Saar (Dehoga), Gudrun Pink. „Wow!, sagt Chef der städtischen Wirtschaftsförderung in Saarbrücken, Sebastian Kurth: „Eine solche Dynamik in der Nachfrage nach möglichen Hotelstandorten hat es in den vergangenen Jahrzehnten noch nie gegeben.“ Jawohl, der Hotel-Rubel rollt in Deutschland, im Jahr 2018 schnellten die Übernachtungen um 3,9 Prozent auf die Rekordzahl von 477,6 Millionen. Das sagt das Frühjahrsgutachten der Immobilienweisen 2019. Experten rechnen langfristig mit 18 Prozent mehr Übernachtungen bundesweit. Ein Grund zum Jubeln auch im Saarland? Nur, sagt die Dehoga-Präsidentin, wenn es gelingt, die Lücke zwischen dem derzeit rasant wachsenden Angebot an Hotelbetten und den Reiseanlässen für Gäste zu schließen. Denn: „Es wird noch Jahre dauern, bis das neue Kongress-Centrum in Saarbrücken steht und sich ein Tagungstourismus etabliert. Bis dahin müssen wir mit Überkapazitäten leben.“ Pink rechnet bis 2021 mit einem Aufwuchs von 1000 Betten und mehr in der Landeshauptstadt, die derzeit etwa 3600 Betten im gewerblichen Bereich hat, davon geschätzt 2000 Hotelbetten. Das entspräche einem Anstieg des Angebotes von 50 Prozent.

Blick auf die Baustelle an der Europagalerie für ein neues Hotel, wo einst das berühmte Excelsior stand. Foto: Robby Lorenz

Bekanntlich haben 2019 bereits das Fourside Hotel (ehemals Residence, 147 Zimmer) und das Holiday Inn Express (164 Zimmer) eröffnet, im Mai 2020 soll das neue Hotel gegenüber der Congresshalle, das Intercity (170 Zimmer), dazukommen. 2021 folgt ein ähnlich großes Hotel gegenüber der Europagalerie. Diese Perspektive veranlasste Pink zuletzt mehrfach zur warnenden Aussage, es werde einen „Verdrängungswettbewerb“ zu Lasten der alteingesessenen Saarbrücker Hoteliers geben. Inhabergeführte Privathotels seien gefährdet, die Ketten-Hotellerie auf dem Vormarsch. Eigentlich müsste sich Pink als Verbandspräsidentin qua Amt über jeden Neuzugang freuen, zumindest nahm sie die Sache zu Beginn sportlich: Die bestehenden Hotels müssten eben aufrüsten, in Qualität, Modernisierung und Profil investieren. Das taten einige auch, etwa das Hotel Mercure an der Congresshalle oder das Hotel am Triller.

Neue Luxus-Kategorie: Zum Sternerestaurant Esplanade im Nauwieser Viertel kommt im Februar auch noch ein Hotelbetrieb. Foto: Robby Lorenz

Zwischenzeitlich klingen die Dehoga-Stellungnahmen zur Saarbrücker Hotel-Szenerie anders, wie SOS-Rufe. „Wir sind in großer Sorge“, sagt Pink auf SZ-Nachfrage. „Der Konkurrenzkampf wird über den Preis laufen. Das hat sich in anderen Großstädten gezeigt, in denen der Hotelboom früher ankam.“ In Düsseldorf oder Köln sollen die Preise schon um etwa ein Prozent gefallen sein. Ein beunruhigender Trend für die Branche, doch das, was den Verband hierzulande zusätzlich in Aufruhr bringt, sind drei weitere Hotelbau-Vorhaben, die die Zahl von 1000 Betten womöglich noch einmal verdoppeln könnte. Zwar werden diese Projekte städtischerseits nicht bestätigt. Laut Wirtschaftsförderer Kurth liegen keine Bauvoranfragen vor und weitere Auskünfte verbieten sich für ihn wegen des „Investoren-Schutzes“. Gleichwohl kann Kurth Gerüchte nicht leugnen. Diese besagen: Das sehr lange leerstehende alte C&A-Gebäude in Bahnhofsnähe, ein Problemfall für die Stadtentwicklung, könnte zum Hotel werden. Ebenfalls als Hotel-Sitz gehandelt: das neue Postgebäude neben dem Kultusministerium. Außerdem soll sich ein im Saarland ansässiger Unternehmer für die ungenutzte Sparda-Bank am Beethovenplatz samt Nebengebäuden interessieren. Nach SZ-Informationen könnte an dieser markanten Stelle mit Altbestand ein Haus der Spitzenklasse entstehen. Just das, was laut Kurth in Saarbrücken fehlt: „Momentan haben wir unseren Schwerpunkt im Drei-Sterne- und Vier-Sterne-Markt, was fehlt, ist der Mix mit Luxusangeboten, diese Ergänzung gehört zu einem attraktiven touristischen Großstadt-Angebot.“ Kurth hält es nicht für ausgeschlossen, dass die Steigenberger-Gruppe, die das Intercity-Hotel betreiben wird und international im Fünf-Sterne-Bereich unterwegs ist, nach guten Erfahrungen in Saarbrücken womöglich auch ein Premium-Haus ins Auge fassen könnte.

Foto: SZ/Müller, Astrid

Für Kurth ist erwiesen, dass individuell gestaltete Hotels, die sich vom Standard-Angebot absetzen, auch im Saarland extrem erfolgreich sein können. Er nennt als Beispiel die noch recht jungen, aber bestens ausgelasteten Häuser „Seezeitlodge“ (Bostalsee) und „La Maison“ in Saarlouis, das mit einem erlesenen Design-Ambiente und mit Sterneküche punkten kann. Es wird gerade erweitert. Genau diese Kombination – Sterne-Gastronomie und individuelle Top- Ausstattung – wird es ab Februar 2020 auch in Saarbrücken geben. Der Saarbrücker Unternehmer Michael Zimmer (M&R kreativ, M&R Keramik Manufaktur) wird die von Kurth aufgezeigte Lücke als erster füllen, mit einem kleinen, sehr feinen Boutiquehotel. 16 Zimmer befinden sich gerade im Endausbau, sie entstehen direkt neben und über dem von Zimmer betriebenen Sternerestaurant Esplanade im Nauwieser Viertel. Dieses Haus hat den Ehrgeiz, die mit Abstand exklusivste Adresse in Saarbrücken zu werden – womöglich landesweit. „Ein solches Angebot ist genau das, was zu Image und Standortmarketing des Saarlandes passt“, sagt Kurth, an diesem Punkt ganz einig mit der Dehoga-Chefin Pink: „Für solche speziellen Angebote gibt es immer Kundschaft“, sagt sie. „Aber mich treiben die großen Kapazitäten um.“ Die – durchaus löbliche – Tourismuskonzeption der Landeshauptstadt stecke noch in den Anfängen, das Cispa, das Wissenschaftstourismus fördern werde, sei erst im Aufbau, und derweil fehlte eine Eventhalle für weit ausstrahlende große Kultur- oder Sportveranstaltungen, die Gäste nicht selten zu Übernachtungen veranlassten. „Solange das Congresszentrum nicht arbeitsfähig ist, wird es Überkapaziäten geben.“

Sebastian Kurth vom Amt für Wirtschaftsförderung in Saarbrücken. Foto: Iris Maria Maurer

Die Befürchtung sei verständlich, meint die Leiterin der Tourismuszentrale Saar, Birgit Grauvogel. „Die Branche ist unruhig“, sagt sie. Jedoch sieht sie in der neuen Hotel-Situation in der Landeshauptstadt eine Weiter­entwicklungs-Chance. „Bei größeren Tagungen kam es in der Vergangenheit zu Hotelzimmer-Engpässen, diese Lücke ist nun geschlossen. Jetzt heißt die Aufgabe, neue Reiseanlässe zu schaffen. Ich sehe hier auch den Einzelhandel in der Pflicht, denn er schöpft etwa 45 Prozent des Geldes ab, das jeder Tourist im Land lässt.“ Saarbrücken besitze eine starke Zugkraft, sei das städtetouristische Flaggschiff des Landes, verzeichne jetzt schon mehr als eine halbe Million Übernachtungen pro Jahr. „Es gibt trotzdem noch viel Wachstumspotenzial“, sagt Grauvogel. Diese Auffassung teilt der Saarbrücker Wirtschaftsförder-Chef Kurth. In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl der Gästeankünfte um 30 Prozent gestiegen, die der Übernachtungen um 19 Prozent. Im August habe es einen Übernachtungszuwachs von 7,6 Prozent gegeben. Trotzdem gelte: „Wir gehen nicht auf Akquise, um Hotelinvestoren zu locken.“ Vielmehr sei es so, dass es „permanent Anfragen“ nach Bauplätzen gebe. Und: „Wir weisen alle darauf hin, wie viele Betten hinzugekommen sind.“ Doch offensichtlich sehen die Marktanalysten der Investoren die Hotel-Sache in Saarbrücken anders als der Dehoga: rosig.