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SZ-Mitarbeiter als Weltenbummler
Wo Chinesen ein deutsches Kinderlied trällern

In der chinesischen Stadt Harbin bringt SZ-Mitarbeiter Lukas Behr Studenten Deutsch bei.
In der chinesischen Stadt Harbin bringt SZ-Mitarbeiter Lukas Behr Studenten Deutsch bei.
Harbin. SZ-Mitarbeiter Lukas Behr unterrichtet an einer Uni im fernen Reich der Mitte. Dort entführen ihn Studenten in eine Karaoke-Bar. Von Lukas Behr

Leute drehen sich um und starren mich an. Ein Kind deutet auf mich und sagt „Wai gou ren“, was soviel heißt wie Ausländer. Ein Mann fragt meine Begleitung, wo ich herkomme. „Deguo!“ Deutschland! Er reißt die Augen auf und betrachtet mich genauer. Das ist für mich inzwischen Alltag. Seit November vergangenen Jahres arbeite ich als Deutschlehrer an der Heilongjiang-Universität in Harbin, eine Stadt im Nordosten der Volksrepublik. Ein Tag in China.


An meinem ersten Arbeitstag betrete ich den Klassensaal mit einem mauen Bauchgefühl. Neue Arbeit, neues Land und neue Kultur. Als die Studenten mich erblicken, fangen sie an zu klatschen und zu kreischen, als hätte gerade ein Star den Raum betreten. Weder Frauen noch Männer verpassen die Gelegenheit, mit mir Fotos zu machen oder mir zu sagen, wie gut ich aussehe beziehungsweise dass ich sehr groß sei. Durch meine Größe, europäischen Augen und meine weiße Haut entspreche ich dem chinesischen Schönheitsideal, erklärt mir eine Studentin.

Nach dem Unterricht laden mich einige Studenten zum Essen ein. Wir gehen zur nahe gelegenen Hauptstraße, wo sich Restaurants aneinanderreihen. Auf dem Weg dahin spuckt eine wohl gekleidete ältere Dame lauthals neben mir auf den Boden. Alltag. Unser Ziel ist ein Nudelsuppen-Restaurant. Die Studenten empfehlen mir Malatang, eine scharfe Spezialität aus dem Süden Chinas. Ich lasse mich darauf ein und probiere es aus. Mit den Essstäbchen versuche ich, die Nudeln zu meinem Mund zu befördern. Es gelingt besser als gedacht, doch die Nudeln fallen oft wieder in die Suppe. Das löst unter den Studenten Gelächter aus, die schwungvoll mit den Essstäbchen umgehen.

Plötzlich werden meine Lippen taub. Ein leichtes Kitzeln überkommt sie, und mein Rachen ist gereizt. Mein Gesicht läuft rot an und die Studenten sehen mich teils besorgt und teils vergnügt an. Ich fiel dem Sichuan-Pfeffer zum Opfer.

Abgesehen von Suppen haben die Studenten eine ganze Reihe an Gerichten bestellt, und alles wird geteilt wie bei fast jeder Mahlzeit in China. Gekochte Hühnerfüße werden auf meinen Teller gelegt. Widerwillig nehme ich einen. Die Zehennägel verderben mir fast den Appetit. Der Geschmack ist überraschend gut, aber ich scheine nur auf Knorpel herumzukauen. Nicht unbedingt meine Lieblingsspeise.



Nach dem Essen wollen wir in eine Karaoke-Bar gehen. Singen ist ein wichtiger Teil der chinesischen Kultur. Dazu nehmen wir die U-Bahn. An der Station kaufen wir Tickets für vier Yuan. Umgerechnet wären das gerade einmal 50 Cent. Bevor wir jedoch den Bahnsteig betreten können, müssen wir noch durch eine Kontrolle, wie im Flughafen. Rucksack, Handtaschen und Koffer werden durchleuchtet, und es kommt zu einer kurzen Leibesvisitation. Auch die Wasserflasche wird auf eine Maschine gelegt, um zu überprüfen, dass es sich auch wirklich um Wasser handelt. Die Maschine funktioniert nicht richtig und der Sicherheitsbeamte macht mir klar, dass ich einen Schluck aus der Flasche nehmen solle.

Als wir den Zug betreten, fallen direkt sehr viele Blicke auf mich. Ein Mann starrt mich fast die ganze Fahrt über an. Als Ausländer bin ich an vielen Orten in China in der Minderheit, meist der einzige im Raum. Bisher kenne ich nur drei weitere Deutsche, die hier arbeiten. Einer davon hat wie ich auch an der Universität des Saarlandes studiert.

Zwei Studenten fragen, wo ich denn her sei. Und eine Frau, die gegenüber von mir sitzt, macht heimlich Fotos von mir mit ihrem Handy. Sie verschickt die Fotos und eine Sprachnachricht an ihre Freunde, in der sie von meinem Aussehen schwärmt, erklären mir meine Studenten.

In der Karaoke-Bar werden koreanische, japanische und chinesische Lieder gesungen. Nur bei den englischen Liedern kann ich mitsingen. Meine Begleitungen trällern ein Lied nach dem anderen. Es gibt sogar ein deutsches Lied. Schnappi, das kleine Krokodil. Der Text belustigt die Chinesen sehr, weil er nach „shabi“ klingt, was Obszönes.

Auf dem Heimweg essen wir noch etwas Kleines. Eine alte Frau mit Kopftuch und bäuerlichen Kleider steht hinter einem mobilen Grill, auf dem Süßkartoffeln liegen. Sie legt Holzstücke nach, damit das Feuer nicht erlischt. Der Anblick kommt mir fast schon mittelalterlich vor. Als es zum Bezahlen geht, krame ich nach Kleingeld. Eine meiner Studenten ist schneller. Sie zückt das Handy und gleichzeitig hol die alte Frau eine Plakette mit einem QR-Code heraus. Der Code wird gescannt und das Geld per Smartphone überwiesen.

So gut wie in jedem Geschäft kann man in China mit dem Handy bezahlen. Manche Geschäfte lehnen Bargeld sogar ab. Neuerdings gibt es vereinzelt unbemannte Supermärkte, in denen man nur mit dem Handy kommuniziert und bezahlt.

In meiner Wohnung angekommen, falle ich auf das Sofa und will, wie jeden Tag, den Abend im Internet ausklingen lassen. Zuerst auf Whatsapp und Facebook mit meinen Freunden chatten und dann Videos auf Youtube schauen. Doch weder die Apps noch die Webseiten funktionieren. Grund dafür ist, dass die chinesische Regierung mit der sogenannten „Great Firewall“ das Internet zensiert. Google, Facebook, Whatsapp, Skype und noch weitere Seiten sind gesperrt. Glücklicherweise kann ich über den VPN meiner ehemaligen Universität diese Webseiten trotzdem besuchen. Ansonsten existieren Alternativen: anstelle von Google gibt es Baidu, Whatsapp – Wechat, Facebook – Weibo.

Wechat ist hierbei eine Art „Universal-App“. Man kann mit seinen Freunden schreiben, Bilder verschicken, Geld überweisen, Taxis bestellen, online einkaufen und vieles mehr. Die chinesische Regierung, unter Präsident Xi Jinping, hat angekündigt, die VPNs breitflächig ab Anfang dieses Jahres zu verbieten. Ab dann wird meine Kommunikation mit meiner Familie und Freunden in Deutschland entschieden schwieriger.

Lukas Behr
Lukas Behr