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Wie Saarländer das Kriegsende erlebten

Serie Wie Saarländer das Kriegsende erlebten : „Vater musste immer zur Front“

Die Kindheit von Marta Hauser aus Völklingen war geprägt von ständigem Brummen der Flieger und Flucht.

Sie ist in einer „sehr christlichen“ Familie aufgewachsen, „von Politik wollten meine Eltern damals nichts wissen“, sagt Marta Hauser. Als eine von fünf Töchtern wurde sie 1930 in Völklingen geboren. „Meine Mutter weigerte sich, auf der Straße den Hitlergruß zu machen. Sie hat einfach ‚Guten Morgen’ gesagt. Es gab Nachbarn, die haben sie danach einfach gar nicht mehr gegrüßt.“ Der Hitlergruß war allgegenwärtig, erinnert sie sich. Für ihre Eltern habe die Verherrlichung von Hitler im Gegensatz dazu gestanden, ein guter, katholischer Christ zu sein. So musste sie auch sonntags nicht antreten, wenn sich die „Jungmädel“, also die zehn- bis 14-jährigen Mädchen versammeln mussten. Der „Bund deutscher Mädel“ (BDM) war den 14- bis 18-Jährigen vorbehalten. „Mein Vater hat dann den Führerinnen, die mich abholen wollten gesagt: Nein, meine Töchter gehen sonntags zur Kirche.“ Auf die Frage, ob sie denn Jungmädel werden wollte, antwortet sie: „Ja was hätte ich denn machen sollen?!“

Zweimal wurde sie evakuiert, da Völklingen so nah an der französischen Front lag. 1939 musste sie mit einer Schwester und ihrer Mutter per Lastwagen nach Remsfeld in der Nähe von Kassel. Es war eine organisierte Evakuierung, bei der viele Völklinger im selben Ort untergebracht wurden: „Ungefähr ein Jahr haben wir dann zu dritt bei einem Bauern gewohnt. In einem kleinen Raum, der im Winter so kalt war, dass Eis die Wände überzogen hat.“ Sie hatten immer etwas zu essen, aber ihre Mutter musste hart arbeiten und hat oft geweint in dieser Zeit. Schlimm war auch, dass die Familie die ersten sechs Wochen nicht wusste, wo die anderen Schwestern untergebracht waren. Die einzige, schöne Erinnerung aus dieser Zeit ist die an ihre Kommunion, bei der sie einen Apfelkuchen von der Bäuerin bekommen hat.

Schon bevor sie mit neun Jahren Völklingen verlassen musste, war ihr Vater von der Wehrmacht eingezogen worden. „Er war immer an der Front. Zuerst in Frankreich. Dann sollte er 1942 auch nach Stalingrad.“ Und das, obwohl er von den Röchlings „reklamiert wurde“, sagt sie seufzend. Sie war 1937 in dieselbe Klasse eingeschult worden wie Helga Röchling, die Enkeltochter des Leiters der Völklinger Hütte, Hermann Röchling. Hier arbeitete der Vater. Röchling gehörte zum Führungsstab der Kriegswirtschaft Hitlers. Er war maßgeblich an der Entwicklung von Kriegstechnik in der NS-Zeit beteiligt und soll enger Vertrauter von Hitler gewesen sein. Darüber machte sich die junge Marta Hauser keine Gedanken. Sie war dankbar, dass die Röchlings zumindest versucht hatten, ihren Vater „per Reklamation“ aus dem Krieg herauszuhalten. Begründung war, dass er als Arbeiter in der Industrie gebraucht würde. „Dass er trotzdem direkt zu Kriegsbeginn zur Front musste, war vielleicht auch Taktik. Denn er wollte nicht in die Partei eintreten“, vermutet sie.

Nach der Evakuierung war Marta Hauser wieder zurück im Elternhaus. Die Kriegszeit ist für sie vor allem durch das ständige „Brummen“ der Flieger geprägt. „Das war immer sehr bedrohlich. Nur wenn nachts klarer Sternenhimmel war, war es etwas entspannter. Wir wussten, dass es dann kaum Angriffe geben würde, weil man die Flieger sehen konnte.“ Noch heute zuckt sie zusammen, wenn sie laute Flugzeuge hört. 1943 war ein hartes Jahr, denn sie, zwei ihrer Schwestern und ihre Mutter mussten über Wochen hinweg ins Krankenhaus. „Wir hatten alle Scharlach und Diphtherie.“

Auch ihr Vater war wieder an die vorderste Front geschickt worden. Doch er hatte Glück: Ein Offizier schickte ihn vor dem StalingradFeldzug 1942/43 für ein paar Tage in den Urlaub nach Hause. Als er zurück zu seinem Bataillon kehren wollte, war dieses bereits in Stalingrad angekommen. „Der Offizier wusste von den Töchtern meines Vaters. Und hat ihn wohl mit Absicht nicht mit zur Front genommen.“ So war ihr Vater bereits zu Hause, als sie nach dem Kriegsende wieder nach Völklingen zurückkam. Der Offizier habe ihm vermutlich das Leben gerettet.

Kurz vor der zweiten Evakuierung 1944 hat sie gesehen, wie Gefangene aus einem der Arbeitslager durch ihre Straße auf ein Feld geführt wurden. Das hat regelmäßig stattgefunden. „Es war wirklich schlimm. Die haben so abgemagert und halb tot ausgesehen. Wir haben dann in den Mülltonnen vorm Haus heimlich Essen für sie versteckt.“ Wirklich verstanden was da vor sich geht, habe sie mit 13 Jahren aber noch nicht.

Die zweite Evakuierung war „sehr viel chaotischer“ als die erste. Es war zu spüren, dass Hitler nicht mehr auf der Siegerseite war. Bei der Abreise hat sie sich während eines großen Luftangriffs auf Saarbrücken unter den Zugwaggons am Hauptbahnhof versteckt.

Kurz bevor Marta Hauser sieben Jahre alt wurde, kam sie in die Volksschule – in dieselbe Klasse wie die Röchling-Enkelin. Foto: Robby Lorenz
Die schönste Erinnerung aus der Zeit der Evakuierung 1939 bei einem Bauern: Ihre Kommunion, zu der sie sogar einen Apfelkuchen bekam. Foto: Robby Lorenz

Eine Schulbildung hatte sie nicht bekommen, durch die ständigen Unterbrechungen. „Ich habe dann eine Lehre zur Verkäuferin gemacht“, erklärt sie. Bis heute begleiten sie die Bilder der Gefangenen und die Zeit des Hungerns und Frierens während den Evakuierungen: „Freiheit, das ist wirklich das allerwichtigste was es gibt“, sagt Marta Hauser.