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Wie Hedi Pitz aus Dudweiler das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte

Serie Wie Saarländer das Kriegsende erlebten : Glück im Unglück

Hedi Pitz aus Dudweiler sah Hitler-Deutschland mit den Augen eines Kindes – und verbrachte die Zeit als Kriegsflüchtling in der Villa eines Barons.

„Guck nicht so hin, hat meine Mutter gesagt, als wir in Dresden mal einem Mädchen begegnet sind, das einen Stern auf dem Mantel hatte“, erzählt Hedi Pitz aus Dudweiler. Im Jahr 1943 war sie elf Jahre alt und mit ihrer Familie für sechs Wochen in Dresden. Dass es sich bei dem Stern um die Kennzeichnung für Juden in der NS-Zeit handelte, wusste die kleine Hedi damals nicht. „Ich fand den Stern so schön und wollte auch einen. Dass meine Mutter nicht wollte, dass ich so hinschaue, habe ich nicht verstanden. Mich aber auch nicht getraut, nachzufragen warum“, erinnert sie sich. Ob ihre Eltern von den Grausamkeiten Hitlers wussten? „Ich gehe davon aus. Zumindest ab einem gewissen Zeitpunkt“, antwortet sie zögerlich. „Ich selbst war noch ein Kind und habe nur das mitbekommen, was unmittelbar um mich herum passiert ist.“

Da war zum Beispiel der Urlaub in Dresden. Ihr Vater nahm dort an einem Kurs über die Wehrmacht teil und durfte Frau, Tochter und Sohn mitnehmen. Soldat war ihr Vater bis dahin nicht, denn er arbeitete bei der Technischen Nothilfe (TN). Er half, Brücken und Gebäude in den von Deutschland eingenommenen Regionen wieder aufzubauen. Als Vorgänger des heutigen Technischen Hilfswerkes (THW) war die TN von dem Leutnant Otto Lummitzsch gegründet worden. Er wurde aber 1934 von seinem Leitungsposten enthoben, denn er war mit einer „Halbjüdin“ verheiratet. „Naja, Juden waren ja eher verpönt und hatten schon vor dem Krieg keinen guten Ruf“, sagt Hedi Pitz. Von dem Genozid in Deutschland habe sie erst etwas mitbekommen, als der Krieg schon vorbei war. „Für mich war es einfach schlimm zu sehen, wie die Tiefflieger Frauen und Kinder aus der Gegend auf einer Wiese abgeschossen haben.“ Dass auch das deutsche Militär Massen an Zivilisten auf dem Gewissen hat, wurde ihr erst als Erwachsene klar.

„Obwohl ich erst drei Jahre alt war, erinnere ich mich noch an die Feierlichkeiten nach der Saarabstimmung 1935. Alle waren dafür, zu Deutschland zu gehören. Es war sehr schön geschmückt, mit roten Blumen-Lichtern. Ich hab’ das als sehr positive Atmosphäre in Erinnerung. Das, ich sag’ mal, Unangenehme kam ja erst später“, erklärt sie. Es sei alles sehr ordentlich gewesen. Sogar, ob vor den Häusern gekehrt wurde, sollen Beamte im Hitlerdeutschland kontrolliert haben. Einmal hat Hedi mitbekommen, wie jemand Autos geknackt hat: „Der Mann war danach einfach weg. Das hat aber gewirkt, weil danach keine Autos mehr in der Umgebung geklaut wurden.“ Alle hätten Hitler damals verehrt. Ein Waisenjunge aus der Gegend, dessen Hand Hitler auf einer öffentlichen Zeremonie geschüttelt hatte, wollte sich diese nie wieder waschen. Es habe eben auch viele Annehmlichkeiten gegeben, wie zum Beispiel den „Reichsberufswettkampf“. Hier hatte Hedis Vater, mit einer technischen Konstruktion den zweiten Platz gewonnen. Durch die „Kraft durch Freude“-Institution durfte er deshalb einen Urlaub an der Ostsee machen, der ihm sehr gefallen habe.

Wann der Umbruch kam und die Menschen begannen, negativ über Hitler zu denken, kann Hedi Pitz nicht genau sagen. Nach dem Kriegsende habe man nur noch wenig über Hitler gesprochen, denn die Leute „waren wie die Ameisen mit dem Wiederaufbau beschäftigt“. Es war eine Zeit, in der viele Menschen unter Hunger litten. Hedis Mutter ging deshalb „hamstern.“ Das bedeutete, dass die Mutter aus Bettlaken Kopftücher und Schürzen nähte und bunt einfärbte, um sie dann bei Bauern gegen Essen einzutauschen. „Ich weiß noch, wie meine Mutter bei einem Bauern klopfte, dem sie vorher schon mal grüne Kopftücher verkauft hatte. Die selbst gefärbten Tücher hatten beim Regen auf dem Feld ihre Farbe verloren und die Bäuerin grün gefärbt. Zum Glück hatte meine Mutter an dem Tag nur blaue Tücher dabei“, erzählt Hedi Pitz lachend.

 Hedi Pitz im Alter von zirka acht Jahren, zusammen mit ihrem kleinen Bruder und ihren Eltern. Ihr Vater trägt seine Soldaten-Uniform.
Hedi Pitz im Alter von zirka acht Jahren, zusammen mit ihrem kleinen Bruder und ihren Eltern. Ihr Vater trägt seine Soldaten-Uniform. Foto: Robby Lorenz
 Ihr Poesiealbum hat Hedi Pitz bis heute aufgehoben. Sie blättert gerne darin und erinnert sich so an ihre Freundinnen aus der Schulzeit.
Ihr Poesiealbum hat Hedi Pitz bis heute aufgehoben. Sie blättert gerne darin und erinnert sich so an ihre Freundinnen aus der Schulzeit. Foto: Robby Lorenz

Was die Kriegszeit angeht, scheint sie viel Glück gehabt zu haben. Durch seine Arbeit bei der TN musste ihr Vater erst kurz vor Kriegsende an die Front und hat überlebt. Mit dem Fahrrad sei er von Bayern aus über drei Tage hinweg nach Hause gefahren. Bei der ersten Evakuierung 1939 musste Hedi noch nicht weg aus Dudweiler. Kurz bevor sie aufbrechen sollten, hatte Frankreich schon kapituliert. Viele Saarländer wurden damals evakuiert, weil die Kriegsfront zu Frankreich nah war. Das war auch der Grund dafür, dass die erste Evakuierungswelle aus dem Saarland heraus geplant war und geordnet ablief. Die zweite, 1944, war dagegen von Chaos und Angst geprägt, denn die Saarländer flohen vor massiver Bombardierung. Unter den Flüchtlingen waren auch die damals zwölfjährige Hedi, ihre Mutter und ihr Bruder. Sie kamen in der Nähe von Kassel zu einem Baron, bei dem sonst nur Professoren und hochrangige Deutsche untergebracht wurden. „Es war Zufall, dass hier noch ein Zimmer für uns frei war.“ Zwar mussten sie im Haushalt helfen, doch dafür verbrachten sie die Zeit in einer Villa.  Als sie wieder nach Hause kam, war sie froh: „Niemand, der flüchtet, verlässt seine Heimat freiwillig.“